was es bedeutet, eine junge frau im heutigen indien zu sein

„Ich kenne keine einzige Frau, die nicht Opfer von Belästigung wurde.“ Antonia Marsh hat für uns mit drei Künstlerinnen über die Realität von Frauen in Indien gesprochen.

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Apr. 22 2016, 9:15am

Poulomi Basu

Girls Only India ist die neueste Ausstellung von Antonia Marsh, die bereits in London, Kopenhagen und New York stattgefunden hat. In der Ausstellung werden werden 15 zeitgenössische Künstlerinnen aus Indien vorgestellt und zu sehen sind Arbeiten aus unterschiedlichen Kunstformen wie Fotografie, Malerei, Performance, Skulpturen, Zeichnungen und Text. Die Idee von Marsh ist es dabei Frauen in den Künsten zu unterstützen, zu feiern und zu fördern.

Vorab zur Ausstellungseröffnung im Ministy of New, einem kreativen Co-Working-Space in Mumbai, haben wir mit der Kuratorin über Highlights gesprochen und Marsh hat für uns drei Künstlerinnen ausgesucht und ihnen ein paar Fragen gestellt.

Shreya Dev Dube

Vidha Saumya

Die Frauen in deinen Bildern niesen. Wieso dokumentierst du diesen Moment, der doch halb Befreiung und halb Schmerz bedeuten kann?
Die Fotoreihe ist eine Hommage an Studio-Porträtfotografie. Die Frauen wurden zurechtgemacht, ihre Haare sind gestylt. Sie warten darauf, vor einer pittoresken Wand fotografiert zu werden. Ich wollte etwas Turbulentes darstellen und habe mich gefragt, was dramatischer sein könnte als die Frauen selbst. Daher kommt das Niesen, das eine in Ruhe vorbereitete Aktivität stört. Das Niesen ist ein verletzlicher Moment, gleichzeitig ist es aber auch ein befreiendes Gefühl. Als ich nach Titeln gesucht habe, habe ich mir die weiblichen Namen von großen Naturkatastrophen vorgenommen. Wenn man solche absurden Zufälle auf die Spitze treibt, lacht man über sich selbst.

In anderen Arbeiten thematisierst du Körperlichkeit, Body Image und Sexualität. Das sind radikale Themen. Was sind deine Erfahrungen als junge Künstlerin in Indien, die ausstellt?
Wenn man eine Meinung hat, dann reiben sich die Leute daran. Ich kommuniziere durch meine Arbeiten, momentan durch Zeichnungen. Ich bin froh, dass ich die Freiheit habe, solche Ideen zu präsentieren und ich thematisiere das, was ich kenne. Es geht mir nicht um Konfrontation, sondern um den Dialog.

Julianna Byrne

Jinal Sangoi

Shreya Dev Dube

Du zeigst Fotografien aus den letzten zehn Jahren. War das ein kathartischer Prozess für dich oder doch eher mehr Stress?
Anfangs war es sehr verwirrend, nach so vielen Jahren einen roten Faden in den Bildern zu finden. Meine Sichtweise hat sich weiterentwickelt. Interessant ist aber, dass das Verhältnis zu meinen Models gleichgeblieben ist.

Erzähle mir mehr über deine Erfahrung als junge Filmemacherin während der Dreharbeiten in Burma. Gibt es einen Unterschied zwischen der heutigen Situation und der Situation von vor drei Jahren?
Als ich 2013 in Burma war, hatte ich das Gefühl, dass Indien vor 50 Jahren genau so gewesen sein muss. Ich war vorher noch nie in einem Land, in dem es so wenig gibt, die Leute aber gleichzeitig sehr großzügig und liebevoll sind. Sie waren neugierig, dass eine Frau hinter der Kamera steht und haben mich zu sich nach Hause eingeladen. Ich frage mich, ob das auch noch drei Jahre später der Fall gewesen wäre. Das Land ist touristischer geworden und die Einheimischen haben sich vielleicht daran gewöhnt, fotografiert zu werden.

Poulomi Basu

Vidha Saumya

Aqui Thami

Wieso steht „Eine Frau wurde hier sexuell belästigt" auf deinen Postern? Und wie hast du entschieden, wo du sie hinhängst?  
Das steht auf meinen Postern, weil wir Frauen aufgrund sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit das unschöne Gefühl entwickeln, ständig beobachtet zu werden. Mich überrascht, dass die Leute nicht verstehen, wie beständig und negativ dieses Gefühl ist. Abgesehen davon, dass sexuelle Belästigung für seelische und körperliche Probleme sorgt, schränkt sie unsere Mobilität in der Öffentlichkeit schränkt ein und verkleinert unseren Zugang zur Öffentlichkeit. Geschlechterungleichheit und Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit sorgen für eine Maskulinierung städtischer Orte. Wir werden gezwungen, eine bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit zu performen, um auf der Straße unseren Anstand zu wahren. Dass öffentliche Plätze sichere Orte sind, wird automatisch angenommen. Mit meinen Aktionen versuche ich, genau das anzusprechen und die Poster an Orten aufzuhängen, an denen ich persönlich belästigt wurde. Dadurch hoffe ich, dass ein Diskurs über Belästigung entsteht und der Mythos entlarvt wird, dass öffentliche Ort für alle angeblich sichere Orte sind.

Neben den Orten, an denen ich persönlich belästigt wurde, habe ich sie an Orten aufgehangen, die ich häufiger besuche, wie Bandra, Fort, Colaba und Chembur.

Ist das Projekt persönlich oder steht es symbolisch für die Frauen in Indien oder gar weltweit?
Ja, ich identifiziere mich persönlich mit diesem Projekt. Ich möchte Frauen eine Stimme geben, die an diesen Orten Opfer von Belästigung wurden und sich danach isoliert, verletzt fühlten oder sogar das Gefühl hatten, dass sie dafür die Schuld tragen. Die Poster sind der Versuch, sich mit diesen Frauen solidarisch zu zeigen und sie mit den Männern zu verbinden, die Belästigungen als etwas Alltägliches ansehen und sie nicht als so schädlich einstufen wie es ist. Über die kollektive Erfahrung von Frauen wird nie gesprochen, es herrscht eine Kultur des Schweigens vor und wenn darüber gesprochen wird, dann wird nur geflüstert. Wir werden als gute Mädchen erzogen, die Opfer zu ignorieren und sie zu meiden, um unseren Anstand zu wahren. Ich wünschte, dass es keine Verallgemeinerung wäre, aber traurigerweise sind sie es. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht Opfer von Belästigung wurde. Deshalb glaube ich, dass es weltweit und in Indien einen Bedarf an solchen Aktionen gibt. Junge Mädchen sollen nicht damit aufwachsen und denken, dass das so sein muss; und dass ein Jungs-Ding ist. Gleichzeitig sollten Jungs nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass sie ein Anrecht auf die Hoheit auf öffentliche Räume und den Körper von Frauen haben. Das Patriarchat schadet jedem und die systematische Gewalt muss aufhören. Die Aktionen sind meiner kleiner Beitrag dazu.

Poulomi Basu

Shreya Dev Dube

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Credits


Text: Tish Wienstock