"Bang Gang" stellt jugendliche Sexualität ohne Tabus dar

Vor seiner Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München nächste Woche, haben wir Regisseurin Eva Husson getroffen, um mit ihr über Kleinstädte, Social Media und die sexuellen Eskapaden von Jugendlichen zu reden.

von Hannah Ongley
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16 Juni 2016, 12:50pm

Es gibt bestimmte "Wo-warst-du"-Ereignisse, die nicht unbedingt das Leben erschüttern, aber irgendwie dann doch nicht ganz irrelevant sind: die Hochzeit von William und Kate, die Einführung der Homo-Ehe, als Kanye West Taylor Swifts Dankesrede bei den Grammys gecrasht hat. Für Regisseurin Eva Husson war es eine kurze Meldung über Sexorgien von französischen Schülern in Biarritz zwischen ihren Mathe-Hausaufgaben und den Abendnachrichten. Eva hat diese Meldung nicht nur schockiert, sondern auch persönlich berührt. Auch sie ist in einer französischen Kleinstadt aufgewachsen, hat zwar die Sexpartner nicht so schnell gewechselt wie andere Pokèmonkarten getauscht haben, aber sie kannte das Gefühl von Rastlosigkeit, das mit finanzieller Sicherheit und geografischer Abgeschiedenheit einhergeht. Der Stoff bildete die Grundlage für den ersten Spielfilm der Französin: Bang Gang—eine heitere, visuell ansprechende Coming-of-Age-Geschichte, die im Süden Frankreichs spielt.


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Bang Gang erzählt die Geschichte einer Gruppe von fünf Jugendlichen. Die beiden Mädchen George und Laetitia. Die eine ist eine sexuell äußerst aktive Skateboarderin und die andere eine ruhige Introvertierte, zusammen bilden sie ein ungleiches Team. Ihre männlichen Gegenstücke sind ähnlich unterschiedlich – so scheint es zumindest am Anfang. Nach den Swingerpartys zur besten Hausaufgabenzeit ist längst nicht mehr klar, wer die Schlampe, wer der Nerd oder wer der Spieler ist. Das, zusammen mit der fehlenden Moralisierung der Charaktere, macht Bang Gang ehrlicher und intimer als die meisten Skandalfilme über das Sexualleben Jugendlicher. Der Film wurde mit Larry Clarks Kids verglichen – aber vielleicht zu Unrecht? Beide Filme sind Produkte ihrer Zeit. Regisseurin Eva Husson geht mit dem Film, der in der Post-Internet- und Post-Aids-Zeit spielt, in eine komplett andere Richtung. Wir haben uns mit der Regisseurin über moderne Liebesgeschichten und ihrem Leben als Teenager in einer Kleinstadt unterhalten.

Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Wie hast du von der Geschichte erfahren und was fasziniert dich daran?
Ich schaue viel Nachrichten, vielleicht zu viel. Dann wurde in den Nachrichten über diese Geschichte berichtet und sie ist bei mir total im Gedächtnis hängengeblieben. Jahre später, als ich darüber gegrübelt habe, was ich gerne machen möchte, fiel mir ein, dass die Geschichte gewisse Ähnlichkeiten mit meiner eigenen Jugend hatte: Leute aus der Mittelschicht, Kleinstadtlangeweile – Kids, die einfach Spaß haben wollen und letztlich mehr aus ihrem Leben machen wollten. Der Unterschied zwischen ihrem und meinem Leben war aber, dass wir in der Schule nicht so weit gegangen sind. Es gab nie Gruppensex. Ich habe mich gefragt, was sie dazu gebracht hat. Ich schätze mal Neugier.

Die zwei Mädchen, George und Laetitia, kommen nicht ganz unbeschadet davon. Aber das Verhalten der Charaktere wird im Film nie moralisch gewertet. Wieso ist das so?
Weil das die Realität der meisten Jugendlichen heutzutage ist. Das alles passiert halt, wenn man erwachsen wird. In den meisten Filmen über Teenager, die krasse Erfahrungen machen, dürfen die Charaktere nicht wieder auf die Beine kommen, aber so sind wir nicht. Im wahren Leben stehen viele Leute wieder auf und leben weiter. Die Geschichten von früher sind für die neue Generation nicht mehr relevant.

Die Charaktere kommunizieren viel über das Internet und YouTube spielt eine große Rolle. Wie passt das in die Geschichte?
Durch die digitale Kommunikation wird viel von diesem Verhalten überhaupt erst möglich. Die ursprüngliche Geschichte ereignete sich bereits 1996 und ich glaube, dass das soziale Netzwerk damals die Schule war. Ich fand es einfach interessant, zu sehen, was jenseits des Schulhofs durch die sozialen Netzwerke passieren kann. Letztlich sind es die gleichen Trends und Verhaltensmuster. Ich glaube nicht, dass es interessant wäre, den Film in einer anderen Zeit spielen zu lassen. Es gab einen Paradigmenwechsel. Ich war neugierig und fand es interessant, das Thema zu erkunden. Durch die digitale Kommunikation kam es zu einem Bedeutungswechsel, was es heißt, ein Teenager zu sein.

Die Zeit im Film scheint aber ein bisschen widersprüchlich zu sein. Der Film spielt zwar nicht in einem bestimmten Jahr, aber es gibt diese verrückten Nachrichtenmeldungen und Zugunglücke. Für was stehen diese Ereignisse?
Die Zeit ist mit Absicht ein wenig widersprüchlich. Ich habe eine Art fiktionale Zeit geschaffen, in der das Wetter und die Züge verrückt spielen. Das steht für die Teenagerjahre, in denen etwas Besonderes passiert, was unser inneres Chaos widergespiegelt. Ich habe mich viel mit Theorien aus dem antiken Griechenland beschäftigt, in der Adoleszenz mit emotionalem Chaos verknüpft wird.

Die Schubladen schlampig und prüde, in die die Mädchen am Anfang gesteckt werden, verlieren im Laufe der Handlung immer mehr an Bedeutung. Zum Außenseiter wird am Ende der introvertierte Boy, der in seinem Bett elektronische Musik macht.
Das schließt sich wieder der Kreis, was es bedeutet, ein Teenager zu sein. In der einen Minute kannst du so sein und in der nächsten bist du schon wieder etwas anderes. Alles ändert sich gefühlt alle zwei Monate. Deine beste Freundin wird zu deiner Feindin, dann seid ihr Frenemys und die Welt steht Kopf. George und Gabriel, das Pärchen was am Schluss unsterblich ineinander verliebt ist, entlieben sich irgendwann, was OK ist. Wir leben heutzutage nicht glücklich miteinander bis ans Ende unserer Tage. Darum geht es im Film auch nicht.

Bang Gang - Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus feiert am 24. Juni im Rahmen des Filmfests München seine Deutschlandpremiere. Der Film erscheint am 15. Juli auf DVD und Blu-Ray.

Credits


Fotos: Courtesy of Samuel Goldwyn Films, LLC

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