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„transparent“-regisseurin jill soloway über genderfluid und ihre eigene medienrevolution

Wir sprachen kurz vor der Veröffentlichung der zweiten Staffel der Kultserie „Transparent“ mit der Regisseurin und Drehbuchautorin über die jüdische Perspektive der Transgender-Fernsehsendung, die Revolution in der Medienlandschaft und wie Caitlyn...

von Stuart Brumfitt
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08 Dezember 2015, 1:30pm

Über Mundpropaganda verbreiteten sich letztes Jahr die Empfehlungen für eine hervorragende Transgender-Coming-out-Geschichte, die sich um eine quirlige Familie in Los Angeles dreht. Es folgten zahlreiche Neuanmeldungn bei Amazone Prime, nur weil die Leute sich Transparent anschauen wollten,und mit dabei sein sollten, wie aus Mort, gespielt von Jeffrey Tambor, Maura wird. Das Publikum wollte sehen, wie die Familie mit Mauras Umwandlung umgeht.

Drehbuchautorin und Regisseurin Jill Soloway entwickelte die Serie auf der Grundlage der Geschichte ihres eigenen Vaters. Sie hatte vor Transparent bereits jahrelange Erfahrung im Fernseh- und Filmbusiness sammeln können und konnte durch den Erfolg von TV-Serien wie Lena Dunhams Girls plötzlich eine Idee umsetzen, die ihrem wahren Ich nähersteht als traditionelle Hollywoodproduktionen. Die neue Authentizität hat sich mehr als bezahlt gemacht: Ein Jahr später und Transparent wurde mit fünf Emmy-Awards ausgezeichnet. Aus der Nischensendung wurde ein TV-Ereignis und Jill Soloway ist keine unbekannte Drehbuchautorin mehr, sondern gehört zu den Großen von Hollywood.

Maura ist in den neuen Folgen zurückgezogener und eindimensionaler, vielleicht muss sie nach ihrem Coming-out in auch erst mal wieder herunterkommen. Dafür sorgt der Rest der lautstarken und emotional verkrüppelten Familie für allerlei Drama. Wie in der ersten Staffel macht es einfach Spaß, als intelligenter Zuschauer ernst genommen zu werden, etwas von der kalifornischen Art der Intersektionalität zu erfahren und die vielen unterschiedlichen Gesichter von L.A. zu sehen.

Wir trafen Jill Soloway und sprachen mit ihr über die jüdische Perspektive der Transgender-Fernsehsendung, die Revolution in der Medienlandschaft und wie Caitlyn Jenner dazu beitrug, dass die Serie experimenteller werden konnte.

Die erste Staffel mit Mauras Coming-out fühlt sich eher an wie ein Fest. Maura scheint in der zweiten Staffel zurückgezogener zu sein. Ist das die Ruhe nach dem Coming-out?
Die Familie setzt sich jetzt mit den Folgen auseinander und jeder verändert sich in diesem Prozess selbst. Niemand in der Familie kann weiterhin lügen, sobald jemand die Wahrheit erzählt. Die Dynamik ändert sich. Die Charaktere müssen sich in dieser Staffel mit ihrem wahren Ich auseinandersetzen, was sehr schmerzhaft sein kann. 

Viel von dem Wirrwarr wird aufgelöst.
Ja, das kann man sagen. Es ist bestes Seifenoper-Drama. Ich glaube nicht, dass man die Charaktere jemals zufrieden und glücklich sehen möchte, denn das wäre langweilig. Wir wollen ihnen auf dem Weg zum Glücklich-Sein viele Steine in den Weg legen. Es muss immer den Konflikt und die Reibung zwischen dem Ich und der Welt geben.

In einer Szene denkt die Mutter, dass sie einen Fötus umgebracht hat. Die Familie denkt, dass sie verwünscht ist.
Ich denke, dass das ein jüdisches Ding ist. Viele Leute, die von Immigranten abstammen und die diesen Hintergrund haben, empfinden die Angst vorm bösen Blick. Das wirkt sich auf jede Person aus. Viele gehen durch die Welt und denken, sie hätten etwas falsch gemacht oder dass sie Probleme bekommen. Gerade im Zeitalter von Handys fühlt sich jeder vom eigenen E-Mail-Postfach, vom Terminkalender oder generell von der Zeit verfolgt. Man hat das Gefühl, dass dir etwas ins Ohr flüstert ‚Du hast Probleme. Du hast etwas falsch gemacht'. Jeder ist auf der Suche nach Bestätigung und dem Gefühl, dass alles in Ordnung ist, dass man nichts falsch gemacht hat, dass man glücklich sein und Freude empfinden darf. Und in meinen Augen ist Shelley der perfekte Charakter, um das zu veranschaulichen.

In der Presse wird die Sendung vor allem mit den Themen Transgender und Sexualität in Verbindung gebracht. Für mich dreht sich die Sendung genauso viel um jüdische Familien und Kultur. Gibt es in den USA viele Fernsehserien, die sich damit beschäftigen?
Es gibt nicht wirklich jüdische Fernsehserien in dem Sinne, aber ein paar streifen das Thema Jüdisch-Sein ein bisschen. In Großbritannien gab es die Sitcom Friday Night Dinner und hier in den USA gibt es die Serie The Goldbergs. Soweit ich weiß, dürfen die Macher der Serie nicht wirklich das Jüdisch-Sein thematisieren. Es ist nicht kommerziell verwertbar, jüdische Fernsehserien zu machen, jedenfalls wird uns das als Drehbuchautoren so beigebracht. Aber allein der Umstand, dass Transparent so besonders und erfolgreich ist, ist sehr aufregend.

Hier erfährst du mehr über den Gastauftritt von Hari Nef in der 2. Staffel von Transparent.

In der Mode und in der Kultur gibt es so viele Homosexuelle und Juden, aber komischerweise werden sie oft daran gehindert, direkt über ihre Identitäten zu sprechen, als ob es etwas Verbotenes ist.
Wir leben in einer Welt, in der weiße, heterosexuelle Männer immer noch das Sagen haben. Wer nicht weiß, heterosexuell und ein Mann ist, muss sich verstellen. Denn wir stehen im Wettbewerb, um Zugang zu dieser Macht zu erhalten. Das bedeutet im Endeffekt, dass man nicht die Wahrheit über sich selbst erzählt, sich nicht outet, weil man die heterosexuellen, weißen Männer nicht verärgern will. Das ist das Versprechen der Revolution, die gerade von statten geht. Leute sagen ‚Hier bin ich', ob sie nun schwarz, schwul, queer, transgender oder jüdisch sind. Sie sagen ‚Ich möchte mich so darstellen, wie ich bin'. Und das beginnt, sich in allen Gebieten auszuwirken, nicht nur im Fernsehen.

Es ist wirklich toll, wie unangestrengt die Serie Intersektionalität behandelt. Sie spielt in Kalifornien. Geht es hier freier und progressiver zu?
Ich glaube, in Kalifornien herrscht eine gewisse Lockerheit. Wenn man an jüdische Familiendynamiken in New York denkt, dann ist es so, wie Woody Allen es dargestellt hat: urban und neurotisch. Das hat jetzt jeder kapiert. Ich möchte zeigen, was das Besondere an der Situation in Kalifornien ist und wie es in L.A. funktioniert. Es gibt hier etwas, das ich immer gerne ‚Marine Layer Melancholy' nenne. Es ist vielleicht vergleichbar mit dem Gefühl, wenn sich Nebel über die Städte legt. Das gibt es auch in Los Angeles. Die Fantasie ist der sonnige, blaue Himmel und die Palmen. Aber das echte L.A., das L.A., in dem die meisten der Leute wohnen, die ich kenne - besonders die East Side, wo auch Josh, Sarah und Ali leben, ist von einer Melancholie, von einer Traurigkeit geprägt und hat seine ganz eigene Mischung. Ich finde toll, dass ich das darstellen darf. Es fühlt sich sehr anders an. Außerdem gibt es in L.A. viele unterschiedliche Communitys. Die Leute wissen, was es bedeutet, wenn man sich mit seiner Mutter in Marina Del Rey zum Brunch trifft, seinen Vater zum Schwimmen in Palisades, wenn man selbst in Koreatown oder Los Feliz lebt.

Ich mag an der Serie, dass man viele verschiedene Aspekte der Stadt sieht, wie Ali im Whirlpool eine Bong raucht bis hin zu den rauschenden Partys von Musikfirmen in Villen.
Es freut mich wirklich zu hören, dass du über Leslies Haus spricht, denn wir haben viel Zeit darin investiert.

In welchem Teil von L.A. soll das Familienhaus eigentlich stehen?
Das soll der Stadtteil Pacific Palisades sein. Im echten Leben steht das Haus im Pasadena, aber wir stellen es so dar, als ob es in Pacific Palisades sein würde.

Was für einen Vibe das Viertel?
Palisades ist ein sehr wohlhabendes Viertel, aber auch bodenständig. Es befindet sich auf der West Side, zwischen Beverley Hills und Malibu. Die Leute in Palisades denken von sich, dass sie ein wenig authentischer und bodenständiger sind. Das Viertel liegt in den Hills, es ist ruhig und entspannt. Dort wohnen Leute, die sich vielleicht vor 30 Jahren, als sie Professor an der UCLA waren, ein Haus kauften. Es ist ein Ort, wo großartige Autoren, Künstler und Intellektuelle wohnen. Die Bewohner zogen hierher, als es noch nicht so wohlhabend wie jetzt war. Man muss sich Palisades als Ort vorstellen, an dem jeder mit einer größeren Authentizität leben.

In der neuen Staffel gibt es einen Handlungsstrang, der im Berlin der 1930er spielt. Ist das mit der Epigenetik und der Idee von weitervererbtem Trauma verbunden?
Ja, denn alles wird explodieren!

Mehr Infos über kommende Gastauftritte und Aufnahmen von den Dreharbeiten findest du hier.

Erzähle uns mehr über die Sprache in der Sendung. Es ist eine spezielle Sprache, bei der in Unterhaltungen Therapeuten- und Akademikersprech einfließen. Das fühlt sich sehr kalifornisch an.
Das ist interessant. So sprechen die Leute in meiner Welt. Ich würde es wahrscheinlich nicht als eigene Sprache erkennen. Ali spricht in Unterhaltungen viel über akademische Ideen, außerdem hat die Familie auch ihre eigene Sprache. 

Die Sexszene im Bad muss eine der realsten und intensivsten sein, die ich jemals gesehen habe.
Immer wenn ich diese Szene dem Publikum vorgeführt habe, dann konnte ich förmlich hören, wie sie dachten ‚Das werden sie herausschneiden. Das wird nicht in die endgültige Version kommen'. Und wir dachte uns nur ‚Nein, wir halten an dieser Szene fest. Wir lassen da nicht mit uns diskutieren'. Das war von Anfang unsere Herangehensweise. Glücklicherweise verfüge ich mit Jeffrey und Judith über fantastische Künstler, die keine Hemmungen kennen und bereit sind, die Schutzwälle einzureißen. Sie sind so verletzlich, besonders Judith, die erlaubt, dass dieser Moment auf dem Bildschirm passieren darf. Soweit ich weiß, war das noch nie zuvor in einer Fernsehserie zu sehen.

Es gibt nicht den einen Homo- oder Transgender-Charakter, sondern eine Vielzahl. War dir das wichtig?
Wenn man genauer darüber nachdenkt, dann ist jeder Charakter queer, außer Josh. Maura und Shelley sind jetzt lesbisch. Sarah fragt sich, ob sie homosexuell oder doch bisexuell ist. Ali ist jetzt definitiv queer. Josh ist der einzige in der Familie, der hetero ist.

Man gewinnt den Eindruck, dass Kalifornien viel fortschrittlicher in Bezug auf Gender und Sexualität ist.
Haben die Briten nicht genderfluid mit Monthy Python erfunden? Gerade passiert viel und Queer-Sein ist ein Teil davon, genauso wie das Internet dazu beiträgt. Die Leute können im Internet andere sehen, die genauso sind wie sind und sie müssen sich nicht allein fühlen. Sie können Leute unterstützen, die gerade ihr Coming-out durchmachen. Das Internet und YouTube sind gut für junge Leute. Irgendwann hat mal jemand zu mir gesagt, dass 10 Prozent der Schüler genderqueer sind. Viele der 11- bis 14-Jährigen beginnen erst, queer oder genderqueer zu sein. Sie lehnen Labels ab und wollen sich nicht vorschreiben lassen, wen sie attraktiv finden können oder wie sie sich selbst darstellen. Und ihre Entscheidung, wen sie attraktiv finden oder wie sie sich darstellen, treffen sie nicht mehr für den Rest ihres Lebens. Es kann nur für einen Tag oder für einen Monat sein.

Hat sich die Wahrnehmung von Transparent durch Caitlyn Jenners Coming-out verändert?
Es war toll. Wir sind alle Verbündete: Caitlyn, Laverne Cox und Janet Mock. Ich hatte tolle Gespräche mit Caitlyn darüber, wie ihr die Sendung bei ihrem eigenen Coming-out half. Sie sah eine Familie, in der das Oberhaupt den Schritt ging und jeder überlebte. Es ist schon lustig, wie viel gemeinsam ich mit Kylie und Kendall Jenner habe. Caitlyns Coming-out hat der Welt eine persönliche Transgender-Geschichte gegeben. Durch das Interview mit Diane Sawyer und die Fragen, die dort beantwortet wurden, wusste ich, dass wir mit der Sendung größere künstlerische Risiken eingehen konnten, da wir dem Publikum nicht mehr die Transgender-Erfahrung erklären mussten.

@jillsoloway

Die zweite Staffel von Transparent ist ab dem 11. Dezember auf Amazon Prime verfügbar.

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Credits


Text: Stuart Brumfitt