diese 21-jährige fotografin verändert die wahrnehmung von schwarzen körpern

Ronan McKenzies Fotografien setzen sich mit zeitgenössischen Ansichten über schwarze Sexualität, Vorurteile und Machtfragen auseinander.

von Felicity Kinsella
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23 Dezember 2015, 9:45am

2015 war ein wichtiges Jahr für Black Culture. Die Debatte über kulturelle Aneignung wurde größer. Es wurde darüber diskutiert, wieso sie nicht OK ist. Die Kampagne #BlackLivesMatter wurde immer präsenter und entwickelte sich weiter, wobei gleichzeitig herausgearbeitet wurde, warum #AllLivesMatter die eigentlichen Absichten untergräbt. In der Mode feierte Grace Wales Bonner Erfolge und auf den Laufstegen wurde der natürliche Hairstyle von Schwarzen gefeiert. Trotz allem ist noch viel zu tun. Fotografin Ronan McKenzie möchte mit ihren Arbeiten einen Betrag zur Normalisierung der Beziehungen zu Schwarzen liefern. Geboren und aufgewachsen ist sie im Londoner Multikulti-Vierteil Walthamstow. Durch die Reaktionen, die ihre Hautfarbe und Dreadlocks ausgelöst haben, setzte sie sich intensiver mit ihrem Erbe auseinander. Der Mangel an ethnischen Models trieb sie nur noch mehr an. Wir trafen die Fotografin und sprachen mit ihr über das Haar von Schwarzen, den schwarze Körper und wie es ist, als Schwarze weiße Boys zu daten.

In deinen Arbeiten geht es um die Stellung von Schwarzen in der Gesellschaft in Bezug auf Sexualität, Vorurteile und Macht. Wie sehen deinen eigenen Erfahrungen aus?
Auch wenn London unglaublich vielfältig und multikulturell ist, heißt das nicht, dass jeder die Kultur des anderen versteht und sich damit wohlfühlt. Meiner Meinung nach, ist die Figur des Schwarzen und der Schwarzen komplett übersexualisiert worden. Der Klischee-Schwarze ist stark, potent, groß, muskulös und hat einen Großen [lacht]. Das ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes. Es ist toll, dass mehr schwarze Schauspieler wie Idris Elba und Adrian Lester größere Rollen bekommen. Aber nicht nur für Schwarze, sondern für viele Männer aus ethnischen Minoritäten ist es schade, dass sie entweder nur gewisse Rollen spielen oder eine Alibi-Rolle. Schwarze Frauen im Fernsehen sind hauptsächlich kurvenreich, lassen sich nichts sagen und sind unabhängig, wie Queen Latifah und Missy Elliott, was toll ist. Es ist einfach nur schade, dass das die einzigen Situationen sind, in denen schwarze Frauen stark erscheinen, jedenfalls ist das meine Meinung. Man hört kaum etwas über Black Power, abgesehen von der Bürgerrechtsbewegung und selbst die wurde in der Schule übergangen. Zum Großteil wurde im Unterricht nur über Sklaverei gesprochen, und nicht über wichtige schwarze Schriftsteller, Kreative oder Erfolgsbeispiele.

Auch wenn ich in einer multikulturellen Umgebung aufgewachsen bin, meine Vorstellung davon, was schön oder sexy ist, war europäisch geprägt: glattes Haar, helle Haut, dünne Figur. Denn das war das Einzige, was ich zusehen bekam. Als ich älter wurde, habe ich mich immer mehr so wohlgefühlt, wie ich bin. Ich habe mir Dreadlocks wachsen lassen und sie mit Stolz getragen. Auch wenn ich nirgendwo hingehen kann, ohne dass mich jemand - egal welche Ethnie - als Rasta bezeichnet, fühle ich mich wohl in meiner Haut. Die meisten Männer, die ich gedatet habe, sind aus irgendeinem Grund immer weiß und englisch gewesen. Jeder von ihnen, außer mein jetziger Freund, hat irgendwann Sätze wie ‚Du bist für ein schwarzes Mädchen aber aufgeschlossen', ‚Du bist so exotisch' oder ‚Du bist die erste Schwarze, die ich anziehend finde'. In ihren Augen sollten das Komplimente sein, dabei waren sie so rückwärtsgewandt und fast schon beleidigend. Ich wurde nur deshalb als attraktiv angesehen, weil ich auf eine Weise gesprochen, ausgesehen und mich gekleidet habe, mit der sich die weißen Typen identifizieren konnten. Sie haben mich nicht als Individuum gesehen und sich nicht für die Person, die ich wirklich bin, interessiert.

Wenn man schwarz ist, dann hat man irgendwann mal im Leben einen Moment, an dem man die einzig schwarze Person im Raum ist. Man fühlt sich anders. Meine Mutter hatte sogar Angst, dass mein Bruder in der Schule auf eine negative Art und Weise wahrgenommen werden würde, weil er ein kleiner, schwarzer Junge war. Statistiken belegen, dass junge schwarze Männer häufiger von der Polizei angehalten und durchsucht werden. Wie soll man sich denn als junge schwarze Person fühlen, wenn man weiß, dass Rassismus und Vorteile institutionalisiert und die Norm sind?

Gab es einen besonderen Anlass, der zu diesem Projekt geführt hat?
Ich wollte schon immer mehr über meine schwarze Kultur und mein schwarzes Erbe herausfinden. Ich bin Fotografin und Models zu finden, die einen ethnischen Hintergrund haben, wurde zu einer Sisyphusarbeit. Die meisten Londoner Agenturen haben ein bis vier Black Girls, die entweder wie Weiße mit dunklerer Haut aussehen oder der Inbegriff Afrikas sind, breitere Körper, ihre Hautfarbe ist schwärzer als schwarz und sie haben einen rasierten Kopf. Aber es gibt nichts dazwischen. Es gibt kaum Girls aus Ostafrika oder Kenia mit indischen Wurzeln und mit natürlichem Haar.

Was möchtest du mit deiner Ausstellung über die Identität von Schwarzen sagen?
Mit der Ausstellung möchte ich zeigen, dass die Identität von Schwarzen genauso vielfältig wie unsere Hautfarbe ist. Es ist so wichtig, dass wir uns als Schwarze selbst akzeptieren, stolz darauf sind, wer wir sind, und uns dessen sicher sind, was wir tun, gerade in einer Gesellschaft, in der auf uns Schwarze in manchen Situationen immer noch heruntergeschaut wird. Für meine Ausstellung war es mir wichtig, dass die Bilder für sich selbst sprechen. Zum Beispiel der wunderbare Wilson: Ich wollte ihn in einem Anzug fotografieren. In der letzten Minute fragte ich ihn, ob er ein Kleid von Marie Yats anziehen würde. Er antwortete direkt: ‚Ich habe vorher noch nie ein Kleid getragen, aber ein Versuch ist es wert.' Für mich geht es in den Fotos nicht darum, ob Wilson in dem Kleid schwul aussieht oder um den Fakt, dass Wilson überhaupt ein Kleid trägt. Es geht um seine Ausstrahlung. Er fühlt sich wohl, so wie er ist. Durch ihn werden die Outfits, die er trägt, oder die Situation, in denen er ist, unwichtig. Und genau darum sollte es gehen.

Was für einen Einfluss hat Gender darauf, wie wir den schwarzen Körper wahrnehmen?
Wenn ich über den schwarzen Körper rede, dann meine ich damit einerseits unsere tatsächlichen Körper als auch andererseits im übertragenen Sinn den Körper der Schwarzencommunity. Ich glaube, dass die Wahrnehmung des schwarzen Körpers mehr von persönlichen Erfahrungen geprägt wird, als dass es eine Frage von Gender ist. Ich wurde in der Schule von einer weißen Mitschülerin gefragt, welche Farbe meine Brustwarzen haben, sie hatte noch nie eine schwarze Person nackt gesehen. Das kommt von den Büchern, die man als Kind liest. In meiner Erinnerung zeigen die Illustrationen in Kinderbüchern nur Weiße. Etwas so Kleines und Unwichtiges wie die Farbe der Brustwarzen ist für die Leute, die noch nie einen Schwarzen nackt gesehen haben, etwas Fremdes.

Wie hat sich die Wahrnehmung des schwarzen Körpers in den letzten Jahren verändert?
Schwarze sind in den Medien viel sichtbarer, als sie dass vor zehn oder fünf Jahren waren. Das hat einen Einfluss auf die generelle Wahrnehmung des schwarzen Körpers. Je mehr Leute schwarze Körper sehen, desto normaler wird es und desto mehr Leute betrachten Schwarze als Gleichberechtigte.

Wie sieht das in der Mode aus?
Ich freue so, dass Grace Wales Bonner so erfolgreich ist und an ihrem positiven Afrozentrismus festhält. Das Shooting, das Harley Weir und Julia Sarr-Jamois zusammen mit ihr realisiert haben, war so gut. Außerdem ist es toll zu sehen, was für einen Erfolg Lineisy Montero mit ihrem schönen natürlichen Haar hat. Aber ich habe trotzdem immer noch das Gefühl, dass die Modebranche noch viel zu tun hat, nicht nur in Bezug auf die Akzeptanz von Schwarzen, sondern auch von anderen ethnischen Minoritäten. Ich habe sogar daran gedacht, meine eigene Modelagentur zu gründen. Die schwarzen Models müssen immer noch ihr Haar flechten oder eine Perücke tragen, um glattes Haar zu haben. Nicht nur weil es als begehrenswerter gilt, sondern auch damit die Stylisten nicht ihr natürliches Haar kaputtmachen, weil die nicht wissen, wie sie mit schwarzem Haar arbeiten sollen. Die Wahrnehmung des schwarzen Körpers verändert sich langsam, aber sicher. Die Nachfrage muss aber von oben kommen. Wenn große Marken und Designer denken, dass die Verkäufe nicht darunter leiden, wenn sie eine größere Bandbreite an Modeltypen verpflichten, dann wäre dem auch nicht so. Dann wären Modelagenturen und Casting-Agenten gezwungen, ethnisch vielfältige Models unter Vertrag zu nehmen, weil die Nachfrage da wäre. Leider ist das momentan noch nicht der Fall.

Gibt es Unterschiede zwischen unserer bewussten und unbewussten Wahrnehmung?
Für mich ist die bewusste Wahrnehmung die, die wir selbst schaffen. Die unbewusste Wahrnehmung ist die, die tief in uns verwurzelt ist, die wir nicht immer kennen müssen. Die Dokumentation mit Reggie Yates über Homophobie in den britischen Einwanderercommunitys ist das beste Beispiel. Ein lesbisches, schwarzes Mädchen sagte, dass ihr von Kindheit an Homophobie eingetrichtert wurde und dass sie sich immer noch unwohl fühlt oder negative Gedanken hat, wenn sie ein küssendes, schwules Pärchen sieht. Das ist unbewusste Wahrnehmung.

Wie hast du deine Models gefunden?
Dieses Projekt war besonders, weil ich genau die fotografieren konnte, die ich wollte. Ich konnte meine Mutter und auch einige meiner Freunde ablichten, was die Bilder so viel persönlicher macht. Viele der Leute auf den Fotos sind Models: Hamda aus Somalie oder die schöne Poppy Okotcha, mit der ich dreimal gearbeitet habe. Daneben habe ich ein paar Leute auf Instagram gefunden, außerdem habe ich einfach Fotos von Leuten gemacht, die mir zufällig währen deiner Party vor die Linse gelaufen sind.

Wer hat die Leute gestylt und gab es Inspirationen?
Ich habe alles selbst gestylt. Mir war wichtig, dass die Designer sich für das Thema interessiert haben. Bevor ich die PR-Abteilung kontaktierte, schrieb ich die Designer persönlich an, damit sie auch wirklich am Projekt interessiert sind. Und die Reaktionen waren fantastisch. Ich mag es einfach, Mode von Newcomern in Szene zu setzten. Zu sehen sind coole Pieces von unter anderem Mark Glasgow, Marie Yat, Amy Crookes und Kate Zelenstova.

Ist das ein Thema, was du gerne weiterführen würdest?
Ja, definitiv. Die Recherche und die Konzeption der Ausstellung haben mein Interesse für das Thema der Repräsentation des schwarzen Körpers in der zeitgenössischen Kultur nur noch gestärkt. Dadurch denke ich auch verstärkt darüber nach, was ich für eine positivere Wahrnehmung von Schwarzen tun kann und wie ich die fantastischen Sachen, die Schwarze für die Gesellschaft leisten, noch bekannter machen kann.

Was kommt als Nächstes für dich?
Ich arbeite momentan an mehreren Sachen. Das ist zum einen natürlich die Ausstellung und zum anderen werde ich zwei Zines veröffentlichen. Das eine heißt Meninas, was portugiesisch für Mädchen ist, und das andere nennt sich Strangers. Das sind Projekte, an denen ich immer mal wieder arbeite. Hoffentlich werden daraus Printmagazine und vielleicht werde ich auch meine eigene Modelagentur eröffnen.

@ronanksm

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Credits


Text: Felicity Kinsella
Fotografie: Ronan McKenzie

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