Warum die Faszination Ren Hang niemals enden wird

Das erste Mal nach seinem Freitod werden Ren Hangs Bilder in einer Einzelausstellung gezeigt. Wir haben mit dem Kurator über die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Fotografen gesprochen und einen seltenen Blick hinter seine Arbeiten geworfen.

|
Okt. 25 2017, 10:41am

Ren Hang provoziert, fasziniert und polarisiert. Der chinesische Künstler hat seine ganz eigene, unverkennbare Bildsprache entwickelt, die vor allem von der jungen Generation geradezu verschlungen wird. Es sind die Geschichten, die der verstorbene Fotograf mit seinen analogen Bildern zu erzählen versucht: Beziehungen, Sehnsüchte und Ängste spiegeln sich darin wider. Durch die akrobatischen Posen der meist nackten Models entsteht eine intime und anonyme Atmosphäre zugleich.


Auch auf i-D: Wir haben Fotografie-Legende Tim Walker getroffen


Das erste Mal nach dem Freitod Ren Hangs im Februar dieses Jahres werden 55 seiner Fotografien in einer großen Solo-Ausstellung im Museum für bildende Künste Leipzig ausgestellt. Wir haben mit Dr. Alfred Weidinger, dem Direktor des Museums, über seine Zusammenarbeit mit Ren Hang gesprochen und erfahren, warum er den Fotografen auch als Instagram-Künstler bezeichnen würde und welche Faszination seine Arbeiten auf uns ausüben.

Die Ausstellung wurde schon seit 2015 geplant — gemeinsam mit Ren Hang. Wie kam ihre Verbindung zustande?
Das erste Mal bin ich 2014 auf der Kunstmesse Paris Photo mit seinen Fotografien in Berührung gekommen. Wirklich kennengelernt habe ich ihn dann ein Jahr später bei der Eröffnung seiner ersten großen Retrospektive in der Galerie OstLicht in Wien. Seitdem waren wir in regelmäßigem Kontakt, auch wenn man ihn selten zu Gesicht bekommen hat. Wenn ich in Shanghai war, war er gerade in Paris.

Es flossen also auch seine Ideen mit in die Ausstellung ein?
Ja, er hat diese Ausstellung gewollt. Und glücklicherweise können wir über ein außergewöhnliches Ausstellungsset verfügen, denn in der Regel hatte Ren Hang vertraglich mit Galerien festgesetzt, dass seine Werke nach einer Schau zerstört werden. Im Fall vom OstLicht konnten wir ihn jedoch überzeugen, dass es Sinn macht, die Werke für weitere Ausstellungen zu behalten. Im besten Fall ist diese Ausstellung als Brückenschlag zu einer noch größeren Retrospektive zu sehen.

Man hört, dass Sie nicht nur große Künstler wie Yoko Ono, Anselm Reyle oder Ai Weiwei nach Leipzig holen, sondern auch junge Kunst für ein junges Publikum zeigen wollen. Diesem Leitsatz kommen sie mit der Ausstellung von Ren Hangs Fotografien wohl einen Schritt näher.
Seine Retrospektive in Wien war überlaufen von Hunderten jungen Leuten. Das überraschte übrigens nicht nur mich, sondern vor allem auch ihn selbst. Während der Eröffnung spiegelte sich in seinem Gesicht Überwältigung, Sprachlosigkeit, Angst, Unwohlsein, aber auch extremes Glück und Stolz wider.

Magazine, Kataloge und Artikel geben meist die immergleichen Informationen und Zitate über Ren Hang wieder, denn er hat nur wenige Interviews gegeben. Hatten sie für die Texte der Ausstellung Zugriff auf sein Archiv?
Es handelt sich um Zitate aus Gesprächen, die ein Freund von mir und ich selbst mit ihm geführt haben. Natürlich ist so etwas eine subjektive Angelegenheit, gerade weil auch unsere Zusammenkommen oft mit einem Übersetzer passieren mussten, aber wir haben versucht, seine Person so objektiv wie möglich darzustellen. Seine Gedichte stehen an den Wänden; das privates Archiv hingegen ist nach seinem Tod in die Verfügung seiner Mutter übergegangen, die den Zugriff bisher noch nicht erlaubt hat. Der Ausstellung hat sie aber ihre Billigung gegeben.

In Rens Werken lassen sich Referenzen zu anderen Künstlern wie Nan Goldin, Larry Clark oder dem japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki erkennen. Er selbst hat sich aber als einflussfreier Künstler gesehen. Wie erklärt man Werke, wenn der Künstler sie wie Werkzeuge in der Welt ablegt, damit andere dann mit ihnen interagieren?
Das ist nicht ganz so, wie er das immer wieder gesagt hat. Er kennt die Kunst von Araki und vielen anderen. Unterbewusst hatten sie alle eine Wirkung auf sein Schaffen. Und das ist spürbar. Auf der anderen Seite hat er sich mit seinem Werk allen Einflüssen entzogen.

Können Sie beschreiben, wie er gearbeitet hat?
Sein Werk ist von spielerischen Momenten geprägt. Das Einzige, was ihm bei seinen Shootings im Vorhinein schon bekannt war, war die Wirkung des Blitzes auf der Haut. Die dabei entstehenden Kontraste kannte er wirklich wie kein anderer, daher konnte er sich in dieser Sicherheit komplett befreit auf sein Modell konzentrieren. Aus dieser Freiheit heraus entstanden dann mit Requisiten, wie zum Beispiel Tieren oder Lebensmitteln, die spontanen Posen seiner Modelle.

Ren Hang hat seine Fotos vor allem über Instagram und Weibo einer breiten, jungen Masse verfügbar gemacht. Würden Sie ihn als Instagram-Künstler bezeichnen?
Natürlich. Auch über seine Freundschaft zu Ai Weiwei, der eine seiner Ausstellungen kuratierte und in den Massenmedien stark verbreitete, hat er mitbekommen, dass ihm Social Media als junger Künstler sehr zu Gute kommen kann.

Was glauben Sie, fasziniert ein junges Publikum an seinen Fotografien, die sie vor allem über digitale Netzwerke sehen?
Er hat den Zeitgeist von Momenthaftigkeit und Spontanität getroffen. Auch das Grenzgängertum trägt zu seiner Heroisierung bei: ihm waren Konventionen völlig egal. Er hat einfach das gemacht, was ihm Spaß bereitet hat. Es gibt viele Fotografen, ja Weltstars, die genauso zufallsgetrieben und flexibel arbeiten wie Ren Hang – der Überraschungsmoment und die Ornamentierung seiner Fotos, verbunden mit seinem Œuvre als Gedichte schreibender Poet, machen seine Werke aber zu etwas Einzigartigem.

Wie gehen sie in ihrer Rolle als Kurator mit dem Freitod des Künstlers in der Ausstellung um?
Als Privatperson war ich schockiert. Natürlich war es klar, dass er depressiv war und es ihm phasenweise auch sehr schlecht ging. Aber er war ein sehr umtriebiger Mensch, ist viel gereist und hat ständig Freunde in Europa besucht. Niemand hat wirklich ahnen können, dass er sich an jenem Tag im Februar diesen Jahres das Leben nehmen würde. Und auch aus Respekt vor ihm habe ich den Suizid in der Ausstellung nicht weiter thematisiert.

Was kann der Besucher in Leipzig erwarten?
Wir tragen dem Rechnung, indem wir in knapper, aber sehr pointierter Form Sätze auf die Wände geschrieben haben, die viel über Ren Hang, China und die junge Generation dort erzählen.

"Ren Hang" ist vom 27. Oktober 2017 bis zum 07. Januar 2018 im Museum der bildenen Künste in Leipzig zu sehen. Das Opening findet am 26. Oktober statt. Alle Informationen findest du hier.