Foto: über i-D UK

Wann haben Hetero-Männer aufgehört, Crop-Tops zu tragen?

Ob Calvin Klein Werbung oder Will Smith in 'Der Prinz von Bel-Air': In den 80ern und 90ern waren die kurzen Shirts beliebter denn je.

von Tom George
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20 August 2019, 10:20am

Foto: über i-D UK

Zwischen all den #couplegoals-Bildern und endlosen Meme-Posts gibt es zwischendurch doch noch ein paar interessante Dinge, die auf der Timeline übrig geblieben sind. Zum Beispiel während des Pride Month, als zwischen minikleinen Shorts und einer Menge Glitzer plötzlich Crop Tops ein (kurzes) Revival feierten. Eine der Anzeigen, die mir sofort ins Auge gesprungen ist, war von ASOS. Zu sehen war ein Männermodel, das ein neongrünes Crop Top trug.

Automatisch wanderte mein Daumen über den Bildschirm und öffnete die Kommentarspalte – auch wenn mir bereits klar war, dass mich die Bemerkungen der Online-Welt höchstwahrscheinlich meiner Nerven und guten Stimmung berauben würden. Meine Selbstbeherrschung ist miserabel. "Erinnert ihr euch noch an die Zeit, in der ASOS Kleidung für heterosexuelle Männer verkaufte?", heißt es in einem Kommentar. "Der Moment, wenn keine weiblichen Models verfügbar sind", in einem anderen. Und das waren noch die netteren. Der Rest war wie die Büchse der Pandora, nur eben gefüllt mit Frauenhass, Homo- und Transfeindlichkeit.

Die Auffassung, dass ein Mann mit Crop Top schwul sein müsse, seine Homosexualität verberge oder zumindest feminin sei, ist schon fast paradox. Denn der Ursprung dieses Stück Stoffs liegt in einer der hyper-maskulinsten Sportarten überhaupt: dem American Football.

Auch wenn es ein bisschen so klingt wie der Anfang eines unangenehmen Gay-Pornos, aber Football-Trikots wurden ständig während des Spiels zerrissen und die Oberkörper und Bauchmuskeln der Spieler offenbart. Diese unabsichtliche Enthüllung war der Ursprung eines äußerst wichtigen Trends der 80er Jahre: Die Spieler haben absichtlich ihre Trikots abgeschnitten, um ihre Adonis-Körper zur Schau zu stellen. "Der bauchfreie Schnitt hat ihre Silhouette verlängert, ihren Oberkörper und ihre Muskeln größer aussehen lassen. Es war ein sehr maskuliner Look", erklärt Professor Vicki Karaminas der Massey University in Neuseeland. Sportler haben hart trainiert – und das sollten auch alle anderen sehen.

Etwa zur gleichen Zeit führten Fitnessstudios jedoch ein Verbot ein, das es den Gewichthebern und anderen Muskelenthusiasten untersagte, oberkörperfrei zu trainieren. So entdeckten sie die Crop Tops als Schlupfloch, um trotzdem ihre Formen präsentieren zu können. Es dauerte nicht lange, bis Marken wie Nike diese Bedürfnislage erkannten, fix auf den Zug aufsprangen und Crop Tops für Männer auf den Markt brachten.

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Sportler waren nicht die einzigen, die diesen Look für sich beanspruchten. Im Film Rocky III aus dem Jahr 1982 trägt Carl Weathers eine ärmellose, blaue Variante. In dem Horror-Klassiker A Nightmare on Elm Street aus dem Jahr 1984 feiert ein junger Johnny Depp sein Kino-Debüt, wenn er auf seinem Bett faulenzt und ein knappes Football Jersey trägt. Und der Trend hat es sogar bis in die 90er geschafft, dank Will Smith, der in der Serie Der Prinz von Bel-Air eine graue Baggy-Version davon ausführt.

Das Crop Top der 80er und 90er war eng mit Sport, Athletik und Männlichkeit verbunden. Ein Zurschaustellen des männlichen Körpers und all der schweißtreibenden Arbeit, die dahinter steckte. Aber was ist seitdem passiert? Aus welchem Grund wollen heterosexuelle Männer dieses Kleidungsstück nicht mehr tragen? Warum sehen sie es plötzlich als 'unmännlich', manchmal sogar als queer an?

Schuld daran ist ein andauerndes Problem in unserer Gesellschaft. Ein Problem, das heute immer noch existiert: Fragile Masculinity.

In den späten 80ern hat sich das Image des Crop Top bereits langsam verändert. Der bahnbrechende, androgyne Künstler Prince war einer der ersten, der das Kleidungsstück aus seinem Sportkontext befreite. Er trug bei seinem Wembley-Auftritt 1986 eine enge, sehr kurze Variante, die dem Publikum seinen makellosen Oberkörper präsentierte. In den 90ern wurde das Crop Top so mit Mode und Sex in Verbindung gebracht. Selbst die ikonischen Calvin Klein Werbungen zeigten Kate Moss in einem Muskelshirt neben Mark Wahlberg in Crop Top. Auch Unterwäsche-Brands wie NIKOS haben das Kleidungsstück auf eine sexuelle, manchmal sogar homoerotische Weise vermarktet, indem sie Models wie griechische Götter aussehen ließen.

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Es war genau dieses Rebranding, das zum Untergang des Trends führte. "In der Post-AIDS-Ära gab es diese Gegenreaktion hetereosexueller Männer, die nicht als schwul wahrgenommen werden wollten", erklärt Dr Shaun Cole, Associate Professor in Mode an der Winchester School of Art. "Mode wurde herkömmlich auch als frivol und feminin verspottet."

Das Crop Top für Männer verkörperte plötzlich all die Dinge, von denen sich Männlichkeit abzugrenzen versuchte: Queerness und Effemination. Männer – egal ob sie straight, im Verborgenen queer oder geoutet waren – schenkten dem Trend keinerlei Beachtung, sondern ersetzten ihn mit schlecht sitzenden Hosen und geschmacklosen Tank Tops (die Nuller-Jahre waren eine seltsame Zeit). Der letzte männliche Celebrity, der sich seit Langem in der Öffentlichkeit bauchfrei zeigte, war Ginuwine in seinem extremen Crop-Blazer für die 2000 Radio Music Awards. Ein unangenehmes Ende einer so bezaubernden Zeit.

Doch nicht alle haben das Crop Top verbannt. Offen queere Männer, die sich nicht von der Angst 'unmännlich' zu wirken einschüchtern ließen, haben mutig über die Jahrzehnte damit weitergemacht, ihre Bauchmuskeln zu zeigen. Dadurch wurde das Stück Stoff zu einem der Must-Haves für den Pride Monat.

Nichtsdestotrotz sah es in den letzten Jahren so aus, als ob sich etwas veränderte und heterosexuelle Männer langsam aber sicher mit dem Trend aufholten. Jaden Smith hat – 20 Jahre nachdem sein Dad in Der Prinz von Bel-Air in einem Crop Top gesichtet wurde – seine eigene Interpretation auf Instagram gepostet. Kid Cudi hat das gesamte Coachella 2014 in einem baggy Crop Top performt, während NFL-Spieler Ezekiel Elliott zwei Jahre später dem einmaligen Look von Prince einen Tribut zollte. Journalist_innen und Modeblogger_innen sprachen vorschnell von einer Wiederauferstehung des maskulinen Crop Top. Aber war das wirklich der Fall?

Als Kid Cudi 2014 die Bühne des Coachella in einem bauchfreien Top betrat, tat er das auf einem Festival, das für seine unkonventionellen, fast schon kontroversen Outfits bekannt ist. Ezekiel Elliotts Tribut an Prince drehte sich mehr um den Protest gegen das Verbot der NCAA, ihre Trikots hochkrempeln zu dürfen, als dass es ihm um das Crop Top ging. Heterosexuelle Männer haben in den Augen der Öffentlichkeit vielleicht wieder angefangen, Crop Tops zu tragen, aber es wurde bei Weitem noch nicht normalisiert. Es wird getragen, um zu schockieren, zum Spaß, um für Gelächter zu sorgen. Das Crop Top, wie viele andere Kleidungsstücke auch, schleppt immer noch die Last von Gender und Sexualität mit sich herum.

Trotzdem gibt es laut Vicki Karaminas noch Hoffnung: "Gender wurde immer fluider, da die Gen Z und Millennials immer mehr mit Gender und Mode experimentieren. Sie überdenken ihre Vorstellungen von Identität durch die Kleidung, die sie tragen", erklärt sie. Jaden Smith ist mit seinem androgynen, genderfluiden Modegeschmack das beste Beispiel. An dem einen Tag sieht man ihn in einem Crop Top, am nächsten in einem schwarzen Hoody, und dann wieder in einem Kleid. "Kleidung ist nicht mehr länger männlich oder weiblich", sagt Dr. Karaminas. "Sondern viel komplexer, da neue Gender-Identitäten entstehen."

Toxische Männlichkeit existiert offensichtlich immer noch, du musst dir nur die Kommentare zu unter dem Crop Top-Post von ASOS anschauen. Aber die Dinge verändern sich. Ob es nun eine Handvoll männlicher Celebritys ist, die bereit dazu war, das Thema 'Camp' auf der MET-Gala 2019 zu erforschen oder Rapper Young Thug in einem Alessandro Trincone Kleid auf dem Albumcover von No, My Name is Jeffrey: Eine neue Generation heterosexueller Männer ist dabei, Mode und Kleidung wiederzuentdecken – und das unabhängig von überholten Tabus rund um Sexualität und Gender.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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