"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut"

Wir waren beim globalen Klimastreik am Brandenburger Tor in Berlin und haben nachgefragt, wie wir unseren Planeten noch retten können.

von Imke Rabiega
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23 September 2019, 11:10am

Fotos: Tereza Mundilova

270.000 Menschen gingen am Freitag in Berlin für mehr Klimaschutz auf die Straße. Insgesamt waren es deutschlandweit mehr als 1,4 Millionen Demonstrierende. Es sind erschreckend viele unterschiedliche Ängste, die die Menschen aus dem Haus treiben. Von der Sorge eines steigenden Meeresspiegels bis hin zu verdurstenden Rehen.

Einig sind sich alle Generationen: Jetzt ist die Zeit zu handeln!

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Foto: Tereza Mundilova

Fabian und Paul

Warum seid ihr heute hier?
Fabian: Wir waren vorher noch nie bei Fridays for Future, aber wir haben das Gefühl, dass es heute wirklich eine Veränderung bringen könnte.

Was muss sich für euch als erstes in puncto Klimawandel ändern?
Paul: Deutschland hat seine Klimaziele in den letzten Jahren nie erreicht. Ich finde es wichtig, dass sich Deutschland realistische Ziele aufstellt – zum Beispiel endlich komplett aus der Kohle aussteigen. Generell muss global etwas getan werden, etwa Plastiktüten weltweit mit einer Steuer versehen, sie müssen ja nicht direkt verboten, aber schrittweise reduziert werden.
Fabian: Es gibt auch auf der Website von Fridays For Future verschiedene Forderungen, die ich sehr realistisch finde – zum Beispiel die Erhöhung der Klimasteuer.

Hat der Klimawandel Auswirkungen auf eure Zukunftsplanung?
Paul: Ich muss wirklich sagen ja. Ich würde heute nicht mehr so weit in den Süden ziehen, weil man den Klimawandel dort als erstes spürt.
Fabian: Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Ich bin bei dieser Demo, damit der Staat seine Klimaziele künftig einhält. Dann muss auf der anderen Seite auch ich bewusster in der Zukunft leben, jetzt ohne heuchlerisch zu klingen.

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Foto: Tereza Mundilova

Rokhaya

Was ist deine größte Sorge in puncto Klimawandel?
Entwaldung und Abforstung. Wälder abzuholzen, führt zum Artensterben vieler Wildtiere und es wird weniger Regen geben. Die Auswirkungen sind gravierend, besonders in warmen Ländern wie meinem Heimatland Senegal, das sowieso schon trocken ist.

Wie sieht die Klimapolitik im Senegal aktuell aus? Welche Maßnahmen werden dort ergriffen, um den Klimawandel zu stoppen?
In meiner Heimat wird oft viel gesagt und wenig getan. Ich arbeite im Umweltschutz, wenn sie tatsächlich etwas Relevantes unternehmen würden, wüsste ich davon.

Erzähl mir mehr über deine Arbeit.
Ich leite die Organisation LEADSénégal. Wir bilden junge Leute in den Bereichen Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung aus. Dazu starten wir praktische Aufforstungsprojekte und informieren einzelne Kommunen darüber, wie sie Aufforstung selbst organisieren können.

Klimastreik Berlin
Foto: Tereza Mundilova

Hartmut

Vertraust du der deutschen Politik, dass sie in Klimafragen den richtigen Weg einschlagen wird?
Nicht sonderlich. Die Politik ist weder einheitlich noch konstant. Und Maßnahmen, die im Einzelnen vielleicht gut sind, werden in kein Gesamtkonzept integriert.

Was muss als erstes passieren?
Das Wichtigste ist, international Personen wie Trump oder Bolsonaro vom Klimawandel zu überzeugen. Was dort gerade passiert, ist schlimm und muss gestoppt werden.

Welche Auswirkungen des Klimawandels siehst du hier in Deutschland?
Ich bin Pensionär, arbeite aber noch in der Klimaanpassung – ich beschäftige mich damit, wie der Mensch unter den neuen Bedingungen überleben kann, wenn der Klimawandel kommt. Dadurch sehe ich viele schwierige Situationen. Ich habe beispielsweise diesen Sommer mit Bauern im Emsland gesprochen, deren Felder bei 42 Grad verbrannt sind. In Thüringen wird diskutiert, den Wald zu sperren, weil die Buchen instabil sind, große Äste vertrocknen und einfach abfallen. Ich war dort und es ist erschreckend zu sehen, was mit dem eigentlich sehr natürlichen Mischwald passiert. Er ist verreckt, flächenweise! Heute morgen habe ich mit einem Bauern aus Bamberg gesprochen, der reihenweise tote Rehe gefunden hat. Die Tiere sind alle verdurstet.

Klimastreik Berlin
Foto: Tereza Mundilova

Leonie

Ist das deine erste Demonstration?
Ja, ich bin heute zusammen mit meiner ganzen Klasse hier.

Wofür streikst du?
Die Politiker müssen endlich anfangen, etwas zu unternehmen. Wir haben sonst einfach keine Zukunft.

Wovor hast du in der Zukunft am meisten Angst?
Wenn die Polkappen schmelzen und der Meeresspiegel steigt. Wenn wir irgendwann einfach nicht mehr wissen, wo wir wohnen sollen und frisches Trinkwasser bekommen können.

Kann die Erde noch gerettet werden?
Ich denke schon, aber dafür muss es jetzt schnell gehen. Es sind schon ganz schön viele Gletscher geschmolzen ...

Und was muss getan werden?
Keine Plastiktüten mehr in den Supermärkten – nur noch Pappe und Papier. Und wenn man fliegen möchte, soll das teurer werden.

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Foto: Tereza Mundilova

Chidinma

Warum bist du heute hier?
Ich möchte Teil dieser Bewegung sein und meine Energie beisteuern, um irgendwie die Welt zu retten.

Wenn du direkt mit einem_r Politiker_in sprechen könntest, was würdest du fragen?
Wie kann es sein, dass der Planet für die Menschheit an zweite Stelle gestellt wird, obwohl er die Basis für unser Leben ist?

Wie kann die Welt gerettet werden?
Jeder muss bei sich selbst anfangen, es geht dabei vor allem auch um die Einstellung. Man muss daran glauben und es wollen. Das verändert viel, jeder kann bewusster leben. Das fängt bei der Ernährung an: Wenn man Fleisch isst, sollte man Bio Fleisch kaufen und bewusst einige Ketten meiden.

Gibt es etwas, das du den Menschen sagen möchtest?
Ich glaube, das unser Leben hier noch nicht zu Ende ist. Also lasst uns zusammen anfangen, etwas zu verändern und an unsere Kraft zu glauben.

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Foto: Tereza Mundilova

Maja

Wie stehst du zu der Fridays-for-Future-Bewegung?
Wir zeigen den Politikern, dass wir wirklich etwas ändern wollen. Gerade weil wir immer als 'die unpolitische Generation' betitelt werden, setzen wir ein Zeichen dafür, dass das nicht stimmt. Wir diskutieren sehr wohl und machen uns Gedanken. Es ist immer eine schöne Atmosphäre, weil wir alle zusammenkommen und uns friedlich für das Gleiche einsetzen.

Wenn du jetzt einen direkt mit einem_r Politiker_in sprechen könntest, was würdest du fragen?
Mich interessiert, was die Proteste bei ihnen auslösen. Wie sehen die Politiker_innen die Demonstrationen, kommt das überhaupt an? Vielleicht ist es denen komplett egal, aber vielleicht sehen sie es auch ganz anders und würden privat eigentlich selbst gerne mitlaufen.

Was war der Auslöser für dich, protestieren zu gehen?
Das kam ganz viel durch meine Klasse, weil wir immer zusammen demonstrieren gegangen sind. Wir haben auch viel dazu über Instagram mitbekommen. Je mehr Leute wir sind desto besser!

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Foto: Tereza Mundilova
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