Candy Flip dreht Pornos gegen das Patriarchat

Im Film 'Die traurigen Mädchen aus den Bergen' verarbeitet sie ihre Erfahrungen als Sex Worker innerhalb einer engstirnigen Gesellschaft.

von Imke Rabiega
|
07 November 2019, 12:30pm

Candy Flip ist ein Synonym. Ihr Alter ein Geheimnis, aus beruflichen Gründen. Candys Interesse an Menschen und ihren persönlichen Geschichten führte sie zum Psychologie-Studium und weiter zu ihrer heutigen Tätigkeit. Fasziniert von dem Gedanken, Sexualität und Arbeit zu verbinden, zieht sie vor fünf Jahren nach Berlin. Sie arbeitet als Escort, steht als Pornodarstellerin für Indie-Projekte oder queer-feministische Kollektive vor der Kamera und beginnt selbst Regie zu führen. Candys Ziel: eine Verbindung schaffen zwischen Kunst, Politik und Erotik.


Auch auf i-D: Ein Blick in das Privatleben von Sexarbeiterinnen


Ihr erstes großes Projekt gewinnt den Preis des diesjährigen Pornfilmfestival Berlin. Die Mockumentary Die traurigen Mädchen aus den Bergen ist kein klassischer Porno. Zusammen mit Co-Regisseur Theo Meow erzählt Candy die Geschichte von vier Sad Girls, die aus feministischem Protest in eine abgeschiedene Berghütte flüchten. In ihrer idyllischen Mikro-Utopie drehen sie Pornos gegen das Patriarchat. Bis sie von einem Reporter aufgesucht werden, der an einer Doku über die mittlerweile landesweit gesuchten Mädchen arbeitet. "Der Film ist kein Porno, sondern ein Essay-Film als Reflexion über diese Branche und unsere Gesellschaft. Er spiegelt wider, was wir aktuell über die Welt denken und wie wir sie erleben."

Im Gespräch mit i-D erklärt Candy, wie der Male Gaze ihren Film beeinflusst hat und räumt mit Vorurteilen um Sex Work und Feminismus auf.

1573119374838-porn2
Foto: @sadgrrrrls

Du sagst selbst, der Film kann keine generelle Antwort darauf geben, wie eine bessere Welt aussehen müsste. Was kann er dann?
Der Film erzeugt an einigen Stellen Unbehagen. Er ist oberflächlich lustig, doch es geht um harte Themen wie psychische Krankheiten und einem möglichen Zusammenhang mit der weiblichen Sozialisation. Die beiden klassisch angenommenen Geschlechter Mann und Frau stecken im Film gleichermaßen darin fest und verheddern sich in der Geschlechterordnung. Der Film fragt auch: Was bedeutet Arbeit in einer kapitalistischen Welt? Welchen Wert hat Freiwilligkeit? Das lässt sich nicht nur auf Sex Work beziehen, doch hier regt es die Leute am meisten auf. Deswegen beschäftigen wir uns so gern damit.

Im Film zeigt sich, dass unter dem männlichen Blick, dem sogenannten Male Gaze, nicht nur Frauen leiden. Wenn niemand glücklich ist, wieso ist es so schwer die Strukturen aufzubrechen?
Es geht um Macht. Wer hat in der Gesellschaft Macht über wen? Es wird uns so eindringlich beigebracht, uns über Kategorien zu definieren, dass wir gar nicht anders können. Das zeigt sich heute nicht mehr ausschließlich direkt und gewalttätig. Es wird nicht mehr gesagt 'Männer müssen das und Frauen müssen jenes', aber subtil wirkt der männliche Blick weiterhin. Außerdem überschneidet er sich mit anderen Kategorien in unserem Leben: Sexualität, Herkunft oder Klasse. Sie sind ganz tief im Individuum verankert und tragen zur Identitätsbildung der Einzelnen bei. Dadurch, dass sie alle miteinander verwoben sind, kann man das eine Problem nicht lösen, ohne die anderen auch anzugehen.

1573119565038-porn5
Foto: @sadgrrrrls

Kritiker könnten fragen, wieso alle traurigen Mädchen im Film weiß sind, warum es keinen diversen Cast gibt?
Wir haben natürlich darüber nachgedacht, dass es ein super weißer Film ist. Aber es wäre mir persönlich wie ein Token vorgekommen, wenn wir 'nur deswegen' eine Woman of Colour in die Hütte mitgenommen hätten. Ich bin selbst weiß und wurde sehr weiß sozialisiert. Der Film spricht aus meiner Perspektive. In der Geschichte sind die Mädchen deshalb nicht nur weiß, sie kommen auch alle aus der Mittelschicht. Natürlich schließen wir damit Menschen aus. Wir machen Feminismus, aber der hat Begrenzungen. Irgendwo möchte ich auch zu meiner eigenen Beschränktheit stehen.

Ist das Patriarchat verantwortlich für die Traurigkeit der Mädchen in den Bergen?
Die Mädchen sehen das so und es soll auch die Botschaft des Films sein. Ich wollte zeigen, dass nicht alles so leicht ist. Der Film transportiert unsere individuellen Schwächen, nicht nur die weiblichen. Ich habe das Gefühl, viele Menschen hadern derzeit verstärkt damit, einen Sinn zu finden, ihren Sinn. Es ist nicht einfach, sich Ziele zu stecken, wenn man ausschließlich mit den existierenden Gegebenheiten konfrontiert wird. Tess sagt im Film: "Uns wurde abgewöhnt, unsere eigenen Impulse wahrzunehmen." Das ist etwas, was viele weiblich sozialisierte Personen betrifft und längst nicht nur die …

1573130029301-1573119226422-headerporn
Foto: @sadgrrrrls

Glaubst du, dass alles besser wäre, wenn wir in einem Matriarchat leben würden?
Ich denke nicht, dass Frauen die besseren Herrscherinnen sind. Letzten Endes geht es im Feminismus darum, dass alle Menschen frei von Diskriminierung leben können. Ich würde mir eine herrschaftsfreie Gesellschaft wünschen, eine Welt ohne Kategorien. Natürlich ist jeder Mensch unterschiedlich, aber ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kategorien wie Geschlecht, Herkunft und Sexualität nicht mehr so stark an Teilhabe oder Macht geknüpft sind.

Funktioniert feministischer Porno in unserer heutigen Gesellschaft?
Es gibt großartige Ansätze, die dem Male Gaze etwas entgegensetzen. Projekte, die eine größere Diversität an Körpern zeigen, über das zwei Geschlechtermodell hinausgehen, andere Narrative bedienen. Es tut sich etwas, aber feministischer Porno unterliegt den gleichen Problemen wie Mainstream-Porno: Er ist ein Produkt, das verkauft werden muss. Sobald man kommerziell wird, muss man sich dem Mainstream anpassen. Wenn wir von einem Gegenstück zum männlichen Blick sprechen – dem weiblichen Blick –, ist es noch ein langer Prozess, bis wir in der Lage sein werden, etwas Derartiges zu entwickeln. Unsere Sozialisation sitzt so tief, dass es nicht einfach ist, losgelöst davon plötzlich etwas ganz anderes zu machen.

1573119585844-porn4
Foto: @sadgrrrrls

Was entgegnest du Menschen, die behaupten, Sex Work könne nicht emanzipiert sein?
Im Gespräch mit Leuten, die sich nicht damit auskennen, existiert häufig eine falsche Vorstellung: dass mit unserem Körper für eine bestimmte Zeit gemacht werden darf, was immer der Kunde will. Und das stimmt so einfach nicht. Meine Sexualität ist nirgends so verhandelt und ausdiskutiert wie bei der Arbeit. Im Privaten gibt es nicht so klare Grenzen. Natürlich ist Sex Work ein anderer Job als beispielsweise Verkäufer_in, weil man in aktiver Weise die eigene Sexualität einbringt. Das ist nicht für alle etwas, ebenso wenig wie vielleicht Architekt_in zu werden. Einen qualitativen Unterschied zwischen Sex Work und anderen Tätigkeiten sehe ich aber nicht. Am Ende ist Arbeit Arbeit – und die ist im Kapitalismus nie emanzipiert. Man sollte Arbeit abschaffen.

Bis zum 11. November kannst du dir noch 'Die traurigen Mädchen aus den Bergen' im Kino anschauen. Hier findest du alle Infos dazu.

Tagged:
porn
Feminismus
Kultur