Javier de la Blanca macht Berlins Straßen zu seiner Bühne

Wir stellen dir den jungen Kreativen vor, der selbst John Galliano inspiriert hat.

von Álvaro Piñero; Fotos von Maximilian Semlinger
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18 November 2019, 4:53pm

Fotos: Maximilian Semlinger

Madrid ist ein gemütlicher, aber unspektakulärer Ort, an dem verschiedene Ideologien nebeneinander existieren. Mit dieser Doppelmoral kämpfte Javier de la Blanca jahrelang, bis er sich dazu entschied, der Stadt den Rücken zuzukehren.

Der junge Kreative etablierte sich durch seine provokante Darstellung von Mode und Geschlecht in Madrids Underground-Szene. "Meine Klamotten werden oft als weiblich eingestuft", erzählt Javier. "Ich habe angefangen sie zu tragen, ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet." Die Reaktionen auf sein Stil reichen von Ablehnung bis Faszination. Als die Menschen anfingen, sein Gender zu verwechseln, stellte Javier alles in Frage – und wurde sich seines Körpers erst wirklich bewusst. "Menschen wissen nicht, was ich bin oder was sie mir zuschreiben sollen", sagt Javier. "Sie fragen mich immer, ob ich Trans bin." Der Wunsch, sich so ausdrücken zu können, wie er sich innerlich fühlt, war Javier wichtiger als die Blicke der Fremden. Über Instagram teilt der Spanier seine Bilder mit großer, theatralischer Kraft. Ermutigt von seinen Freunden, beginnt er als Stylist und Model zu arbeiten. Selbst Margiela wurde auf den jungen Spanier aufmerksam und inspirierte das französische Modehaus zu seiner AW19 Kollektion.

Für einen Tapetenwechsel zog Javier vor ein paar Monaten nach Berlin. i-D hat ihn einen Tag in seinem neuen Kiez, Kreuzberg, begleitet.

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Fotos: Maximilian Semlinger

Beginnen wir mit den Basics: Für jemanden der dich nicht kennt, was genau machst du?
Tolle Frage [Lacht]. Es ist etwas kompliziert, weil ich mich ständig weiterentwickle. Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert, aber gerade arbeite ich viel im Bereich Performance-Kunst. Damals, in Madrid, habe ich mir oft Looks zusammengestellt und mich auf die Straße gesetzt, um die Reaktion der Menschen hautnah zu erleben. Zu sehen, wieviele sich darauf einlassen. Ein bisschen wie in einem Minitheater. Wenn Mode kein Konzept, keine Geschichte hat, ist sie bedeutungslos für mich.

Wie kam es zu der Kollaboration mit Maison Margiela?
Alexis Roche, der Stylist von Margiela und ich waren schon lange auf Instagram miteinander verbunden. Irgendwann schrieb er mir, dass sein Team daran interessiert sei, mich kennenzulernen. Ich dachte, es ginge um ein Gruppen-Casting. Doch als ich in Paris ankam, stelle ich fest, dass es gar kein Casting geben würde. Sie hatten mich kontaktiert, weil John Galliano mich persönlich treffen wollte. Ich war eine seiner größten Inspirationen für die AW19-Kollektion. Wir haben uns lange unterhalten, er probierte die gesamte Kollektion an mir. Margiela war schon immer meine Lieblingsmarke, sie kommt meiner Vorstellung von Schönheit am nächsten.

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Foto: Maximilian Semlinger

Was hat sich beruflich seitdem für dich verändert?
Als ich zurück nach Madrid ging, beschloss ich, meinen Master in Style- und Art Direction zu machen, um meine Kreativität zu trainieren. Ich wollte mich nicht auf einer Illusion ausruhen, denn ich weiß, wie Mode funktioniert: Das, was ich gelebt habe, ist cool, aber ich bin nicht die einzige Person auf der Welt, die so lebt.

Warum bis du nach Berlin gezogen?
Mir war schon vor dem Master klar, dass ich nicht in Madrid weitermachen würde. Ich hatte noch nie außerhalb von Spanien gelebt. Ich hatte das Gefühl, dass ich in der Stadt alles gesehen, getan und erreicht habe. Du musst wissen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, um zu gehen. Um weiter wachsen zu können. Berlin ist mehr als nur das Berghain. Berlin ist brutal. Alle Menschen, die ich treffe, leben auf ihre ganz besondere Art.

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Foto: Maximilian Semlinger

Ist Berlin deiner Meinung nach wirklich ein kreatives Paradies?
Ohne Zweifel. Im Vergleich zu Madrid ist die Stadt günstiger und Künstler_innen haben mehr Raum und Sichtbarkeit. Es ist eine andere Welt. Eine, in der Menschen nicht so süchtig nach Social Media sind. Hier gibt es andere Möglichkeiten, Kunst zu kommunizieren. Wenn du etwas sieht, das dein Interesse weckt, kannst du einfach hingehen, ohne als Außenseiter_in gesehen zu werden. Wenn du dich kreativ ausleben möchtest, kann ich nur jedem raten hierher zu kommen.

Was erhoffst du dir von deiner Zeit in Berlin?
Mich selbst künstlerisch zu entdecken. Ich möchte weitere Facetten der Modebranche kennenlernen, um sagen zu können: "Das ist mein Ding!" Ich möchte mich ein wenig entspannen, Deutsch lernen, neue Menschen kennenlernen und Berlin aufsaugen. Wir werden sehen!

@delablanca_

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Foto: Maximilian Semlinger
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Foto: Maximilian Semlinger
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Foto: Maximilian Semlinger

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der spanischen Redaktion.

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