Model Anok Yai kämpft für mehr Diversität in der Modeindustrie

Sie hat ihr Biochemie-Studium gegen internationale Runways eingetauscht – und wurde zum Vorbild einer neuen Generation.

von Lynette Nylander
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07 November 2018, 11:25am

Erst seit einem Jahr ist sie dabei und schon hat sie in der Industrie Rekorde gebrochen. Sie sackte einen fetten Beauty-Deal ein und wurde der Liebling einer gewissen Miuccia Prada. 1997 wurde das heutige Topmodel als Tochter sudanesischer Migranten in Ägypten geboren. Dann mussten sie fliehen, vor dem Genozid in Darfur. So kam Anok Yai zusammen mit ihrer Familie nach New Hampshire, wo sie endlich ein Zuhause finden sollten.

America's Next Topmodel war ihr erster Kontakt mit der Modebranche. Zusammen mit ihrer Schwester schaute sie die Show regelmäßig im Fernsehen – doch noch mehr faszinierten sie Archivaufnahmen des ikonischen Supermodels Naomi Campbell, die sie dazu animierten, selbst Model zu werden. Das war gar nicht so leicht. Obwohl Anok Yai immer davon träumte, hatte ihr Vater andere Pläne für sie: Sie sollte einen Doktortitel machen. So steckte eine schüchterne Anok ihren Kopf in die Bücher, studierte Biochemie an der Plymouth State University und versuchte, ihren Vater glücklich zu machen.


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Das Schicksal aber war auf ihrer Seite. Beim jährlichen Homecoming-Konzert der Howard University in Washington, D.C., nahm ihre Zukunft eine unerwartete Wendung. Anok fiel dem Streetstyle-Fotografen Steve Hall auf, der umgehend ein Foto von ihr machte und es mit der Caption "Discovered a beauty" auf Instagram hochlud. Über Nacht bekam sie unzählige neue Follower und Modelagenturen wurden auf sie aufmerksam. Unter anderem der Präsident von NEXT Model Management Kyle Hagler.

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Anok trägt einen Mantel von Beautiful People. Blazer: Rohk. Kleid: Chanel. Hemd: Christopher Kane. Krawatte: Charvet. Gürtel: Underground. Socken: Off-White c/o Virgil Abloh.

Nachdem sie ihren Vertrag mit der Agentur unterzeichnet hatte, war sie nicht einmal sechs Monate später Exklusivmodel für Prada und schrieb Geschichte als sie als zweites schwarzes Model seit Gründung des italienischen Labels die Runwayshow eröffnete. Es war ein Meilenstein, vor allem für die Modeindustrie. Und für Prada, die öffentlich Kritik einstecken mussten, weil zwischen Naomi Campbell im Jahr 1997 und Jourdan Dunn im Jahr 2008 kein einziges Model of Color für die Schauen gebucht wurde. Anok Yai kämpft genau dafür: Mehr Diversität in der Mode.

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Jacke: MCM. Blazer: Neil Barrett. Hemd: JW Anderson. Rock: Christopher Kane. Krawatte: Charvet. Armband und Ringe: Model’s Own. Ring: GMBH. Boots: Junya Watanabe x Buffalo.

Mittlerweile lebt Anok in New York City, pausiert mit ihrem Studium und fliegt für Shootings und Fashion Weeks um die Welt. Allein während den Spring/Summer '19 Präsentationen lief sie 16 Shows, unter anderem für Prada, Miu Miu, Saint Laurent, Chanel und Louis Vuitton.

Gemeinsam mit den Models und i-D Cover Stars Adut Akech und Adesuwa Aighewi ist Anok Yai Teil einer neuen Generation Supermodels, die eine vielfältige Repräsentation von Schönheit in der Industrie – und darüber hinaus – vorantreiben.

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Mantel: Stone Island. Blazer und Rock: Louis Vuitton Resort 19. Hemd: Paul Smith. Krawatte: Charvet. Ring: GMBH.

Über ihre Familie:
"Als meine Familie nach Amerika kam, arbeiteten meine Eltern 16 Stunden am Tag, nur um uns zur Schule schicken zu können. Ich wusste einfach, dass ich im Leben hart arbeiten muss. Meine Familie war arm. Bevor wir es schafften, eine eigene Wohnung zu bekommen, lebten wir in Sozialwohnungen."

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Top und Rock: Stüssy. Kilt: Sacai. Krawatte: Charvet.

Über ihr Biochemie Studium:
"Mein Vater wollte immer, dass ich einen Doktor mache. Er drillte mich jeden Tag darauf, dass dieser Titel genau das ist, was ich anstreben sollte. Als ich im Kindergarten war, las er mir abends das Wörterbuch vor. Er machte Buchstabiertests mit mir, wollte, dass ich die Wörter definiere und dann kaufte er mir einen Stapel Mathe- und Wissenschaftsbücher."

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Mantel: The Kooples. Blazer: Stella McCartney. Hemd: Paul Smith. Krawatte: Hermès.

Über Prada:
"Als sie mir sagten, dass ich die Prada-Show eröffnen würde, fingen meine Schwester und ich an zu schreien. Wir konnten es nicht fassen. Ich war so stolz. Eigentlich hatte ich geplant, nur für ein halbes Jahr zu modeln – ich war schon bereit zurück an die Uni zu gehen!"

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Blazer: Chloé. Pulli und Rock: Mango. Hemd: Gucci. Krawatte: Charvet. Gürtel: Underground.

Über Models of Color:
"Ich möchte ein Vorbild sein. Ich möchte Menschen zeigen, dass ihre dunkle Haut schön ist. Ich möchte nicht, dass sie als außergewöhnlich wahrgenommen wird, sondern zur Norm wird. Im Vergleich zum Durchschnittsmodel ist meine Haut extrem dunkel. Deswegen hoffe ich, dass andere Leuten realisieren, dass sie auch schön ist, wenn mich Brands wie Estée Lauder und Prada ins Rampenlicht stellen. Es gibt so viele Jungs und Mädchen, die das Gefühl haben, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, weil sie sich nicht in den Medien repräsentiert sehen."

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Cardigan und Top: Miu Miu. Hemd: Gucci. Kilt: Christopher Kane. Krawatte: Hermès. Gürtel: Underground. Ring: GMBH.

Über Clubbing:
"Als ich nach New York kam, hatte ich mir ein paar mal vorgenommen, in Clubs zu gehen. Aber ich arbeite immer! Der ständige Jetlag macht mich so müde, dass ich nur selten das Haus verlasse – ich hatte noch nicht einmal Zeit, meine Wohnung einzurichten."

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Kompletter Look von Hugo Boss.

Über ihre Anfänge:
"Als mich Steve Hall fotografierte, sagte er 'Ich glaube, dieses Foto wird viral gehen'. Ich habe nicht weiter drüber nachgedacht, sondern ihm einfach meinen Instagram-Namen gegeben und meinen Tag normal weitergeführt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich 100 Follower und dann, ganz plötzlich 30k. Am Tag darauf sogar 80k!"

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Jacke und Pulli: Junya Watanabe. Hemd: Gucci. Krawatte: Charvet. Kilt: Christopher Kane Resort 19. Gürtel: Underground.
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Blazer: Calvin Klein 205W39NYC. Hemd: Gucci. Kilt: HBA Museum Spring/Summer 17 Archive. Krawatte: Charvet. Gürtel: Underground. Ohrring: Ambush.

Dieser Artikel stammt aus unserer The Superstar Issue, no. 354.

Credits


Fotos: Angelo Pennetta
Styling: Carlos Nazario
Haare: Cyndia Harvey / Streeters
Make-up: Susie Sobol / Julian Watson Agency
Nägel: Anatole Rainey / Premier
Fotografie-Assistenz: Jack Day und Pablo Freda
Styling-Assistenz: Alain Lucas
Haar-Assistenz: Pal Berdahl
Make-up-Assistenz: Shannon Rodriguez und Marijana Zivanovic
Produktion: Yulia Meldzikhova / Art Partner
Casting: midland agency
Model: Anok Yai / Next