The Craft

Sind alle Millennials Hexen?

i-D hat die Expertin Mona Chollet über die Wiedergeburt der mystischen Frauen ausgefragt.

|
Jan. 9 2019, 4:55pm

The Craft

Das Image von Hexen hat sich radikal verändert: Hakennasen gehören längst der diskriminierenden Vergangenheit an, selbst ihre Warzen sind dank allerlei Self-Care und Gesichtsmasken verschwunden. Öffentliche Verkehrsmittel haben Besen verdrängt und Zaubersprüche werden statt in dicken Büchern auf Instagram verbreitet. Hexen müssen sich heute nicht mehr verstecken – tatsächlich ist das ziemliche Gegenteil der Fall. Sie erobern ihre Identität öffentlichkeitswirksam zurück. Und nutzen ihre Kräfte für Gutes. So auch die Schwestern in New York, die sich regelmäßig vor dem Trump Tower in NYC versammeln, um den Präsidenten zu verfluchen. Doch auch auf der anderen Seite des Ozeans versammeln sich Hexen, um ihre feministische, intersektionale und regierungskritische Haltung kundzutun.

Die neue Welle der Hexerei ist kein Zufall. Seitdem Buffy, The Craft, Charmed und Sabrina die Fernsehkanäle verzauberten und die Harry Potter-Sage den Millennials unverzichtbare Lebensweisheiten beibrachte, regieren Hexen die Fantasie einer gesamten Generation. In ihrem Buch Sorcières, la puissance invaincue des femmes (zu deutsch Hexen: die unbesiegte Macht der Frauen) beschreibt Mona Chollet die Figur der Hexe als eine neue Waffe. Für sie stellen Hexen kollektiven Widerstand und einen mystischen Zufluchtsort dar. Wir haben mit ihr über Magie, politische Kämpfe und die Zukunft gesprochen.

Heute verkörpert die Hexe eine neue Art der weiblichen Stärke. Die Wahl in Amerika scheint eine bedeutsame Rolle in der Rehabilitation von Hexen gespielt zu haben – oder woher kommt das neue Interesse an der Hexerei?
Von einem politischen Standpunkt aus betrachtet, scheint es tatsächlich so, als hätte Trumps Präsidentschaft einen gewaltigen Schock bei internationalen Feministinnen ausgelöst. Ich glaube, das liegt daran, dass das System zu archaischen Machtdynamiken zurückgekehrt ist, die absolut schamlos sind, wenn es um Ökonomie, Sexismus und Rassismus geht.

Während der Wahlkampagne wurde Hillary Clinton bereits mehrere Male eine "Hexe" genannt. Die amerikanische Öffentlichkeit scheint wirklich von diesem Bild besessen zu sein. Einige schienen zu denken: "Wir wurden acht Jahre lang von einem schwarzen Mann regiert, kommt gar nicht in Frage, dass für die nächsten vier eine Frau kommt!".

Ich erinnere mich noch daran, dass ich ziemlich schockiert von einem Banner war, auf dem stand "American conservatives, crucifying women’s rights since the 17th century." Und das, obwohl es eigentlich offensichtlich ist, dass Männer an der Macht sind, die gewalttätig, frauenhassend, unterdrückend und rückwärtsgewandt sind.

Parallel dazu spielt auch die Popkultur eine wichtige Rolle dabei, dass sich das Image der Hexen unglaublich verbessert hat. Glaubst du Harry Potter und Sabrina the Teenage Witch haben diesen Prozess erleichtert?
Ich denke schon, dass Hermine einen sehr positiven Einfluss hatte, aber trotzdem war es ein kontinuierlicher Prozess. Wir können auch die Grenzen dieses Phänomens beobachten: Es sind immer junge und hübsche Frauen, so gut wie immer weiß. Wir bekommen Zugang zu diesen interessanten Hexenfiguren, aber nur unter der Bedingung, dass sie innerhalb der Kriterien für "akzeptable" Weiblichkeit liegen. Nichtsdestotrotz haben sie natürlich dazu beigetragen, eine gewisse Mystik neu zu interpretieren.

Astrologie, Mondzyklen, heilende Pflanzen: die neue Generation scheint tatsächlich immer mystischer zu werden. Handelt es sich dabei etwa um eine Sinnkrise?
Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Sinnkrise ist. Als ich das Buch geschrieben habe, hatte mich eigentlich am meisten überrascht, dass ein großes Interesse an alternativen Herangehensweisen bestand. Wenn die "rationale" Weltanschauung zur Zerstörung der Welt führt, wird es zur Notwendigkeit, diese "Vernunft" zu hinterfragen. Ich bin in den Arbeiten vieler Autorinnen auf diese Idee gestoßen, besonders relevant für mein Buch war das Werk von Mary Ann Henley, die die Medikalisierung der Geburt in Frage stellt. Sie möchte demonstrieren, dass bei der medizinischen Variante etwas Skurriles, Kontraproduktives und Irrationales mitschwingt. Starhawk, die sich selbst als neuheidnische Hexe beschreibt, beschäftigt sich sogar mit Quantenphysik. Sie sagt, dass die Entdeckungen der Quantenphysik mit den Vorstellungen von Hexen einhergehen.

Feministinnen, Anti-Kapitalisten und Anti-Kolonialisten haben die Hexenkraft für sich entdeckt. Wann wurde die Hexe zum Sinnbild für militante Bewegungen?
Das ist in verschiedenen Etappen passiert. Schon in den Siebzigern konnte man die Entwicklung beobachten. Wir könnten sogar zurückgehen ins späte 19. Jahrhundert, als die amerikanische Aktivistin Matilda Joslyn Gage, die sich selbst als Hexe identifizierte, zur Inspiration für The Wizard of Oz wurde – ihr Schwiegersohn war der Autor. Doch in den Siebzigern wurde das Symbol stark beansprucht, vor allem von dem WITCH-Kollektiv aus Amerika. Zur selben Zeit sangen italienische Feministinnen "Erzittert, die Hexen sind zurück!". In Frankreich erlebte die Bewegung in den Siebzigern mit dem Sorcière-Magazin ihren neuen Höhepunkt.

Es ist wirklich interessant die Memoiren einer der Gründerinnen von WITCH zu lesen. Sie erinnert sich darin an diese besondere Zeit, die Mitglieder, die Proteste. Sie erkennt aber auch, dass sie rückblickend betrachtet, ganz schön ignorant waren. Später wurde Federiccis Buch Caliban and the witch von Feministinnen wiederentdeckt und eine neue politische Dimension verpasst. Letztendlich ist die Militanz also ein recht junges Phänomen, das sich erst wirklich in den Achtzigern und Neunzigern etablierte.

Hast du eine gewisse Kommerzialisierung bemerkt?
Es stimmt, dass viele kleine Online-Shops mittlerweile Nahrungsergänzungsmittel, Pflanzen und Gebräue verkaufen. In gewisser Weise also ja. Aber jeder Selbstverbesserungstrend kommt mit einer kommerziellen Dimension. Die Figur der Hexe schafft es, Kosmetika und Arzneimittel zu verkaufen. Es ist eine Form der Genesung, die gar nicht mal mit zynischen Intentionen daherkommt, sondern normal ist.

Manchmal frage ich mich, ob es bei dieser Interpretation der Hexe nicht doch einen sinnentleerten und narzisstischen Haken gibt. Frauen müssen sich permanent gegen negative und erniedrigende Kommentare behaupten, zusätzlich tragen wir so viel Selbst- und Körperhass in uns. Deswegen halte ich mich mit der "Narzissmus"-Beschuldigung erst einmal zurück. Es gibt viel zu reparieren und solche Anschuldigungen würden diese Aufgabe behindern, auch wenn ich persönlich nicht damit übereinstimme, wenn Hexen auf Kristalle und essentielle Öle reduziert werden.

Hat Social Media die Wiedergeburt der Hexen erleichtert?
Definitiv. Jedenfalls sind sie ein beliebter Treffpunkt. Gemeinsame Hashtags ermöglichen den Aufbau einer Bewegung, einer Community. Es gibt Hexengruppen, die den Trump Tower einmal im Monat verhexen. Die, die nicht persönlich teilnehmen können, übermitteln ihre Zaubersprüche über Instagram. Die Zaubersprüche reisen mit den Hashtags durch die ganze Welt. Denkt man darüber nach, ist es ziemlich absurd. Instagram ist ein Teil der Artillerie von Hexen. Die Plattform ist zu einer gefürchteten Waffe geworden.

Können Mystik und Magie also die Waffen einer Gegenbewegung werden?
Ich glaube nicht an Magie in dem Sinne, dass du Leute in Kröten verwandeln würdest – das wäre wahrscheinlich wenig hilfreich. Aber vielleicht ist Magie ein Weg, die Natur neu zu entdecken, sich auf andere Aspekte unseres Lebens zu fokussieren. Magie gibt uns ein neues Selbstbewusstsein, sodass sie politisch wird und unsere Herangehensweise an Zeitaktuelles beeinflusst.

Die individuellen Gesichtspunkte und der Selbstverbesserungstrend lösen häufig sehr starke Reaktionen aus, manchmal sogar gewalttätige. So als wären sie unvereinbar mit politischen Ansätzen. Dabei bin ich mir nicht sicher, dass das überhaupt der Fall ist. 1992 hat Gloria Steinem The Internal Revolution veröffentlicht, worin es um Selbstwert geht. Als eine militante Feminsitin, die große Kampagnen angeführt hat, war sie stets sehr harter Kritik ausgesetzt. Doch sie sah keinen Widerspruch darin, ein persönliches Projekt und gesellschaftliche Ansprüche zu haben. Für sie war beides notwendig. Viel zu lange fühlte sie sich ausgestoßen und zensiert.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der französischen Redaktion.