Fotos: Eigentum von Ingrid Haas

Mein Bikini-Vorsprechen aus der Hölle zeigt, wie wenig sich Hollywood verändert hat

Zwar hat die Industrie einige positive Fortschritte gemacht, aber wirkliche Veränderung findet nur langsam statt – du musst dich immer noch mit ekligen, unprofessionellen Männern herumschlagen.

von Ingrid Haas
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21 Dezember 2018, 9:32am

Fotos: Eigentum von Ingrid Haas

Im Laufe meiner Karriere war ich bereits bei Tausenden von Vorsprechen. Wirklich, bei Tausenden. Erschreckenderweise haben Schauspieler so wenig Kontrolle über ihren eigenen Werdegang. Es würde jeden mit einem normalen Selbstwertgefühl in den Wahnsinn treiben. Zumindest hat es mich das. Zum größten Teil habe ich mich wieder gefangen, zumindest glaube ich das ... frag lieber meinen Therapeuten. Vor gut einem Jahrzehnt habe ich meine Agentin gebeten, mich nicht mehr für Jobs vorzuschlagen, die Alkohol bewerben. Weil ich kein "hot girl" war und die Vorstellung, eines zu sein, mein Selbstwertgefühl noch mehr zerriss. Ich wollte raus aus dem Business.

Bis letzte Woche. Es war nicht unbedingt ein großartiges Jahr für mich, was die Arbeit betrifft. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, meine eigenen Regeln zu brechen. Meine Agentin rief mich an und redete von einem Vorsprechen, das von den Bewerberinnen verlangte, im Bikini aufzukreuzen. Die Schauspielerinnen hatten tatsächlich Sätze zu sprechen und waren nicht einfach nur "hot girls", deswegen entschied ich mich dafür. Ich fühle mich gerade sehr wohl in meiner Haut und konnte meinen Körper zeigen, ohne mich auf irgendeine Weise erniedrigt zu fühlen. Nach der ganzen #metoo-Bewegung dachte ich, dass sich seit meiner letzten Alkohol-Werbung einiges geändert hätte. Und das hat es auch. Letzte Woche am Set wurde vor dem Shooting eine Durchsage gemacht, dass "das hier ein sicherer Ort ist und keinerlei sexuelle Belästigung toleriert wird." Es war klar und deutlich und ich fühlte mich wohler.


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Ich habe habe meine Achseln rasiert, einen gepunkteten Bikini angezogen, eine Stunde damit verbracht, Haare und Make-up zu machen und mir im Auto immer wieder selbst gesagt, dass ich das schaffe. Ich war bereit, abzuliefern.

Und das passierte als nächstes:

Ich war fünf Minuten früher da. Vor mir standen einige Frauen, die in der Lobby nochmal ihren Text durchgingen. Nachdem wir 25 Minuten gewartet haben, kam endlich einer aus der Casting-Crew ohne sich nur einmal dafür zu entschuldigen, uns warten zu lassen. Ich werde ihn an dieser Stelle nur noch MB nennen, kurz für Man Bun.

MB erklärte uns, dass die "girls" in einem Bikini vortreten sollten. Ich erwähne das, weil das Skript den Frauen eigentlich Namen gab. Es war das Casting, das uns plötzlich als "girls" degradierte. Ich schaue mich um und merke, dass keiner der Frauen die erste Alarmglocke wahrnahm.

Ich fing an, mit mir selbst zu reden: "Ingrid, du spielst eine Meerjungfrau. Meerjungfrauen tragen Muscheln. Es gibt nichts, über das du dir sorgen machen musst. Du wolltest hier sein." Ich komme langsam wieder in die Realität zurück, während MB immer noch redet. Nur dass er diesmal sitzt und so tut, als wäre er einer von uns. Ich weiß nicht einmal, warum ich plötzlich so wütend werde.

"Nachdem ihr vorsprecht, mache ich die Musik an und ihr werdet für 30 Sekunden tanzen", sagt MB in die Runde. Aus keinem ersichtlichen Grund sollen wir in unseren Bikinis herumtanzen. Es gibt nichtmal eine Tanz-Szene in der Werbung. Und weil niemand anderes den Mund aufmacht, sage ich "Ähmmmm, was!!!??? TANZEN? WARUM?"

MB erklärt, dass die beiden Regisseure "das immer für die Werbungen machen, bei denen sie Regie führen." Er sagt es in einem schnippischen Ton, so als wäre meine Frage absurd. Eine normale Reaktion darauf wäre: "Ja, das ist echt komisch. Vor allem, wenn es nicht mal eine Szene gibt, in der getanzt wird. Es tut mir so Leid, dass ich euch danach frage muss. Wenn ihr euch unwohl fühlt, lasst es bleiben." Das hat er natürlich nicht. Ein kurzer Reminder: Wir spielen Meerjungfrauen unter Wasser. Kann mir bitte jemand sagen, wie Meerjungfrauen im Meer tanzen?

Wiederholt frage ich nach "Aber WARUM!??!" Dieses Mal mit ein bisschen mehr Panik in der Stimme. Keine der anderen Bikini-Trägerinnen wollte ab diesem Zeitpunkt etwas mit mir zu tun haben. Denn laut dem ungeschriebenem Gesetz des Vorsprechen stellst du keine Autorität in Frage oder sagst "Nein" zu etwas. Die Liste, wen du damit alles auf die Füße treten könntest, ist lang. Natürlich wollte keine das "girl" im Bikini unterstützen, das sich darüber aufregt, nicht tanzen zu wollen.

MB brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt: "Willkommen im Corporate-Amerika. So verkaufen wir Dinge." Ich verarsche euch an dieser Stelle nicht, er ist einer dieser fiesen Schurken aus Filmen – nur eben im echten Leben. Dann schlug er die Tür hinter sich zu und verschwand.

Mein nächster Schritt war der, den jeder Schauspieler in meiner Situation machen würde: eine Instagram-Story. Eine Freundin schrieb kurz darauf, dass sie gestern auch dort war und sich weigerte, zu tanzen. MB meinte zu ihr, dass er schon lange kein Bikini-Vorsprechen mehr hatte und deswegen einen großartigen Tag vor sich habe. Ugh. Dieser Typ ist einfach nur widerlich.

Ingrid Haas #metoo

Mir wird schlecht und ich frage sie, welche Ausrede die beste sei, um nicht zu tanzen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich wollte keinen potentiellen Job sausen lassen. Ich liebe meine Arbeit! Sollte ich einfach gehen? Meinen Namen von der Liste streichen lassen und meine Agentin anrufen? Meine Freundin riet mir zu folgender Aussage: "Ich bin aufgewärmt, ich muss nicht mehr tanzen." Das mochte ich. Also beruhigte ich mich langsam wieder. Außerdem war ich wirklich aufgewärmt, mein fünftes Vorsprechen an einem Tag. Verdammt.

Wir waren dran. Ich stand auf meiner Markierung, neben mir eine Frau, die nicht älter als 24 aussah. Ich hatte große Mühe, mein Gesicht zu wahren. Ich sagte meinen Namen mit einem aufgesetzten Lächeln, doch innerlich brodelte es in mir.

MB drückte auf die Play-Taste. Ich entgegnete ein bestimmtes "Oh, ich werde nicht tanzen. Ich bin aufgewärmt, ich muss nicht mehr tanzen." Mein Selbstvertrauen war zurück. "Naja, wir treffen alle Entscheidungen" aka "Du bekommst den Job nicht" bekam ich zur Antwort. Die Musik setzt ein. Ich stehe reglos da, während meine Kollegin anfängt, enthusiastisch zu Kelis' "Milkshake" zu tanzen. Sie war wirklich gut, in dem, was sie da tat. Warum war es so einfach für sie?

Nach dem kurzen Dialog-Vorsprechen bedankte sich die Crew und wir auch. Ich zog mein T-Shirt wieder an, ging mit hängendem Kopf zurück in die Lobby und fühlte mich beschämt. So als hätte ich mich selbst verraten. Ich war wütend auf mich, weil ich nicht eher gegangen bin. Manche warfen mir ein wissendes Lächeln zu, eine blonde Frau sah mich mit Angst erfüllten Augen an und fragte, ob wir einfach reingehen und unser T-Shirt ausziehen müssen. Ich erwiderte "Oh ja, und du musst aus einem unersichtlichen Grund auch tanzen."

Ingrid Haas Me Too

Als ich ging, kam MB nochmal raus und fragte meine Vorsprech-Partnerin, ob sie nochmal reinkommen könnte. Er wollte ihr noch eine Chance geben – ohne mich. Um fair zu sein, war das ein großzügiger Schachzug seinerseits. On point, MB.

Ich garantiere mit absoluter Gewissheit, wenn die Casting-Direktoren Frauen gewesen wären, wäre das nicht passiert. Das ist passiert, weil keine Frauen in Machtpositionen bei diesem Job waren – und sich keine Frau sicher genug fühlte, etwas in ihrer Position zu sagen.

Zu erwarten, dass sich MB das nächste Mal "besser aufführt" ist ein weiter Begriff, weil sich niemand über Nacht verändert. Und je mehr ich gehofft hatte, dass sich die Industrie in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt hätte, habe ich zumindest eines verstanden: Das Einzige, das ich steuern kann, ist, wie ich auf eine Situation reagiere.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren kanadischen VICE-Kollegen.

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