Fotos: © Eddy Chen/HBO.

Was die Kleidung der Serie 'Euphoria' über die Gen Z verrät

Kostüm-Designerin Heidi Bivens erklärt die Vintage- und Streetwear-Einflüsse hinter den Looks von Zendaya und Barbie Ferreira.

von Amy Green
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07 August 2019, 10:43am

Fotos: © Eddy Chen/HBO.

Wie sagt man doch so schön in den Kreisen unserer Großeltern: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg." Ganz leicht ist es nämlich nicht, Euphoria in Deutschland zu streamen. Aber die Anstrengung lohnt sich. Seit der Premiere des von Drake produzierten Teen-Dramas warten wir jede Woche ungeduldig, bis die nächste Folge erscheint. Und das nicht nur wegen der hochkarätigen Besetzung (unter anderem Zendaya, Hunter Schafer und Barbie Ferreira), sondern auch wegen der großartigen Looks, liebevoll zusammengestellt von Kostüm-Designerin Heidi Bivens. Die hat ihr Gespür für Trends bereits bei Mid 90s, The Beach Bum und Spring Breakers unter Beweis gestellt.

Für Bivens ist es das erste Mal, dass sie sich an einer TV-Produktion versucht hat. Die Herausforderung? Alle Darsteller_innen erscheinen zusammen mehrere Stunden auf dem Bildschirm und tragen dabei hunderte Outfits, um ihre unverwechselbaren Identitäten hervorzuheben. "Ich denke, dass die Serie ihren ganz eigenen Vibe und hoffentlich genau so einen Wiedererkennungswert hat wie meine Designs", erklärt sie. "Es ist anders, als alles, was ich vorher gemacht habe."

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© Eddy Chen/HBO

Euphoria ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Mode demokratisiert wurde. Vor nicht allzu langer Zeit wurden die Teenager in Serien noch in Kleidung gesteckt, die zwar hübsch aussah, jedoch für den Großteil der Zuschauer_innen unerreichbar war. Man denke an Blair Waldorf, die in der Schule ihre Haare mit einem süßen Haarband zusammenhält und eine dazu passende Fendi Peekaboo an ihrem Arm ausführt. Oder Marissa Cooper, die in einem Komplettlook von Chanel zu Coldplay tanzt. Stylist_innen verkleiden erwachsene Schauspieler_innen, die Teenager mimen. Doch nun scheint sich etwas zu verändern.

Bei Euphoria wirkt alles 'normaler', es fällt leicht, sich mit dieser Welt zu identifizieren. Die Schauspielerinnen ziehen sich so an wie wir. Heidi Bivens hat etwas viel Besseres kreiert als einen neuen Trend. Sie hat ein bereits existierendes Phänomen reproduziert: Sie zeigt, was die Gen Z trägt.

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© Eddy Chen/HBO

High-Street-Labels und Brands aus dem mittleren Preissegment wie Reformation tauchen auf, genau wie Kult-Labels à la Eckhaus Latta und Jean Paul Gaultier. Streetwear spielt mit Sci-Fi-Fantasy, Aries Arise, Stüssy und natürlich Supreme eine entscheidende Rolle. Als Rue (Zendaya) zum ersten Mal nach einem Kurzaufenthalt in einer Entzugsklinik ihren Dealer besucht, trägt sie eine Kapuzenjacke von Gildan über einem oversized T-Shirt von Gosha Rubchinskiy mit dem Slogal 'UFO'. "Es ist eine Anspielung darauf, dass sich Rue manchmal wie eine Außenseiterin fühlt", meint Bivens. Und gleichzeitig ein Aushängeschild für den Mix zwischen high und low, ein Thema, das sich durch die ganze Serie zieht.

Ein anderer einschneidender Mode-Moment ist, wenn Rues beste Freundin Jules (Hunter Schafer) aus der Cafeteria stürmt und dabei einen Rock aus der 2013er Meadham Kirchhoff x Topshop Kooperation trägt. Vielleicht ist ihr bunter, surrealer Stil von ihrer Liebe für Animes beeinflusst. Fest steht jedoch, dass alles zusammenpasst. Was zunächst klingen mag wie ein verwirrendes Sammelsurium verschiedener Subkulturen, ist tatsächlich eine aufregend akkurate Abbildung davon, wie sich Teenager heute kleiden. Zwar hyperstilisiert, doch deswegen nicht weniger beeindruckend.

Kat-Euphoria
© Eddy Chen/HBO

Der Zugang zum Internet, zu Apps wie Etsy, Depop und eBay sowie der Siegeszug des Privatverkaufs bedeuten, dass du dich so kleiden kannst wie du willst, wann du willst. Und weil der Zugang so leicht ist, wurde Exklusivität noch wertvoller – jedoch nicht in Form eines Designer-Kleids, sondern als Kopie eines Tops von Louis Vuitton, gekauft bei irgendeinem Laden auf Shopify, der wahrscheinlich kurz vor der Schließung steht. Shoppen als Aktivität, so wie es bei früheren Teen-Serien proklamiert wurde, gehört heute nicht mehr zum alltäglichen Leben. Die wenigen Szenen, die in einer Mall gedreht wurden, sind nur eine weitere Kulisse für die Handlung. Nichts ist besonders Trend-gesteuert (viele der Stücke sind Vintage). Sogar der Moment, in dem Maddy ihre Jungfräulichkeit verliert, fühlt sich mit dem weißen Konfektions-BH von Trashy Lingerie natürlich an.

Maddy-Euphoria
© Eddy Chen/HBO

Wenig überraschend also, dass es mittlerweile nur so wimmelt von Twitter-Accounts, Instagram-Feeds und Websites, die sich ganz dem individuellen Stil der Show widmen und das Rätsel lüften, wo es beispielsweise das Alexander Wang 'Girls' Tanktop von Jules oder den berüchtigten i.am.gia Zweiteiler von Maddy zu kaufen gibt.

So wurde es auch zu einem metaphorischen Ritterschlag, wenn Designer_innen ihre Kreationen in der Serie wiederfinden. Nachdem ein Kleid von Alexandra Spencers Réalisation Par in Euphoria auftauchte, war es direkt ausverkauft. LuQi Yi, eine chinesische CSM-Absolventin und Designerin/ Gründerin von NO DRESS musste sogar einen Store eröffnen, um mit der Nachfrage Schritt zu halten, die explodierte, als Maddy in Folge 2 einen Zweiteiler von ihr trug. Große Online-Retailer wie Dollskill haben Marken, die in der Serie vorkommen, in ihr Sortiment aufgenommen oder, wie im Fall von Fashion Nova, einfach Duplikate gefertigt.

Kat-and-Maddy-Euphoria
© Eddy Chen/HBO

Vielleicht ist es der Beweis für einen dramatischen Wandel im – von den Medien angetriebenen – Konsumverhalten. Statt nach ähnlichen Stücken zu suchen, ist es jetzt möglich, exakt das zu tragen, was in der Serie zu sehen war. Etwas, das gut in die bereits existierende Garderobe passt. Auf die Frage ob dieser Effekt ein Schock für sie war, antwortet Bivens: "Ein wenig. Aber nur, weil mir während dem Zusammenstellen der Kleidung, die Voraussicht fehlte, wie viel Interesse die Kostüme auf sich ziehen würden."

Natürlich ist die Kleidung nicht das Hauptargument, die Show zu sehen. Euphoria ist eine einfühlsame, differenzierte Darstellung von den großen Themen, die das Teenager-Leben bestimmen: Eskapismus, Depression, Selbstbewusstsein und Abhängigkeit. Allem voran wünscht sich Heidi Bivens, dass die Zuschauer_innen diese wichtige Lektion mitnehmen: "Deine Stimme teilen, verletzlich sein, mit anderen sprechen, dich selbst ausdrücken, furchtlos sein, dich auf Freund_innen erlassen, dir selbst treu sein und nach Hilfe fragen, wenn du sie brauchst. Eine neue Generation steht in den Startlöchern und sie müssen in einer Welt leben, die noch komplizierter geworden ist. Liebe und Verständnis sind heute wichtiger als je zuvor."

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kollegen aus der US-Redaktion.