sean bakers kenzo-film ist da

Wir haben mit dem „Tangerine“-Regisseur über die Zusammenarbeit mit Humberto Leon und Carol Lim und über das Rebellische in uns allen gesprochen.

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04 Februar 2016, 1:00pm

Im Dezember wurden die erste Gerüchte über die Zusammenarbeit zwischen Sean Baker und Kenzo laut, nun ist er da: der Kollektionsfilm des Tangerine-Regisseurs für das französische Modehaus. Er trägt den Titel Snowbird und das australische Model Schrägstrich die Schauspielerin Abbey Lee Kershaw ist als Theo in der Hauptrolle zu bestaunen. Vielleicht kennst du sie aus Mad Max. Gedreht wurde in der Aussteiger-Community Slab City in der kalifornischen Wüste, es spielen sogar Bewohner des Wohnwagenparks mit. Alle tragen Kenzos neueste Frühjahr-/Sommerkollektion 2016. 

Zu der Premiere im historischen Hollywood American Legion Post 43 kamen Miranda July, Nastasha Lyonne, die aus Transparent bekannte Carrie Brownstein und Sängerin Caroline Vreeland. Snowbird ist der erste Modefilm des hochgelobten Regisseurs, der mit Tangerine letztes Jahr einen Überraschungserfolg landete. 

„Mit dem iPhone ist es ein bisschen wie mit einer versteckten Kamera", erzählt Sean backstage. Und er hat Erfahrung damit. Nach Tangerine, die Geschichte über zwei Trans-Prostituierte in L.A, gedreht an einem Tag mit dem Smartphone aus Cupertino, nutzte er diese Technik nun auch wieder. 

Der elfminütige Film entstand in Zusammenarbeit mit Kenzos Creative Directors Humberto Leon und Carol Lim. „Wenn Leute an eine Filmkamera denken, dann denken sie dabei nicht an ein iPhone. Das mindert die Hemmungen, entspannt und vermeidet, dass sie durch die Technik eingeschüchtert sind. Das ist wichtig, wenn man mit Amateuren zusammenarbeitet, so wie wir für diesen Film", erklärt der Regisseur. „Als ich das Kommando gab, dass es losgeht, fragten sie sich, wo denn die ganzen Kameras seien."

Abbey Lee ist der wunderschöne Star des Films und schlüpft in die Rolle der Theo. Fast wie ein Gespenst geht sie von Wohnwagen zu Wohnwagen, bringt selbstgebackenen Kuchen mit und spricht mit den Bewohnern—Außenseiter und Exzentriker, die sich auf dieser verlassenen Militärbasis ein neues Zuhause aufgebaut haben und dort eine Familie gefunden haben. „Manchmal tut es einfach gut, ohne bestimmten Anlass Kuchen zu essen", sagt einer der Bewohner, als ihm ein Stück angeboten wurde. Das süße und mit Streuseln bedeckte Dessert ist in diesem kargen und unerbittlichen Terrain ein Symbol für menschliche Wärme und eine Besinnung auf Häuslichkeit und Alltag. „Jeder möchte, dass an seinem Geburtstag an ihn gedacht wird", so Regisseur Sean Baker über die Bedeutung der Süßspeise für die Geschichte. „Auch wenn der Drehort exotisch ist, ich wollte ein universelles Thema behandeln, mit dem wir uns alle identifizieren und verbunden fühlen können."

Snowbird

bildet im Genre Modefilm eine Ausnahme. Außer von Theos wehenden Outfits, die vor dem beigefarbenen Hintergrund auffallen, steht die Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 von Kenzo nicht im Fokus, sondern sie bildet eine Einheit mit der Umgebung und lenkt nie von der Handlung ab. „Als ich zum ersten Mal von diesem Projekt hörte, habe ich mir Sorgen gemacht, dass es ein sehr langer Werbespot werden würde", sagt Sean und erzählt weiter, dass er eng mit dem Stylisten gearbeitet habe, um die Mode organisch in die Story zu integrieren. „Die Kleidung passt so gut zu den Charakteren, dass man kaum mitbekommt, dass sie alle Kenzo tragen, was wirklich toll ist." In einer Szene sehen wir eine Mutter, die ein Baby beruhigt und ihre Kenzo-Bluse ist voll mit Spucke. Ein gutes Beispiel für die Echtheit und die Authentizität, die Sean Baker so wichtig sind. „Ich habe mit den Bewohnern gesprochen und ihnen klargemacht, dass ich sie nicht ausbeuten oder jemanden in ein schlechtes Licht rücken werde. Ich wollte sie authentisch darstellen", so der amerikanische Regisseur. 

Sean Baker verbindet den vermeintlichen Glitzer von High Fashion mit der Realität der Bewohner der Wagenburg und setzt mit Snowbird selbst ein Zeichen. Das Verlangen, Regeln zu brechen und außerhalb der Mainstream-Gesellschaft zu leben, steckt in unserem Unterbewusstsein. „Dass Leute abgeschieden leben, ist etwas, das in uns allen schlummert. Ganz tief in unserem Unterbewusstsein wollen wir doch alle unabhängig leben", sagt er zum Schluss. „Ich hatte keine Ahnung, dass das Humberto und Carol auch so sehen. Sie wollten dieses Thema mit mir zusammen erschließen."

Credits


Text: Jane Helpern
Foto: Still aus Snowbird, Courtesy of Kenzo