alle lieben dev hynes – und wir auch

Mit „Freetown Sound“ hat Devonté Hynes sein bisher bestes Album herausgebracht. Wir sind schon lange Fans von dem Amerikaner und haben ihn New York zum Gespräch getroffen.

von Lynette Nylander
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28 Oktober 2016, 10:48am

Dev trägt Cape Ermenegildo Zegna Couture. T-Shirt: Vintage Helmut Lang from David Casavant Archive. Hut: Model's Own. 

Die Raffinesse von Freetown Sound, das dritte Album von Devonté Hynes aka Blood Orange, findet sich nicht nur in jedem der 17 wohldurchdachten Songs, sondern auch in den Ambient Sounds, die die Tracks miteinander verbinden. Gesammelt hat er sie während einsamer Nachmittage im Washington Square Park, beim mitternächtliches Skateboarden durch die Großstadt und bei nachdenklichen Wanderungen durch New York am Tag. Das geübte Ohr hört die tiefere Bedeutung zwischen zwei Songs heraus.

„Das macht mich echt glücklich, dass du das sagst", sagt Dev bei unserem Gespräch in einem ruhigen Buchladen in Soho. „Ich bin Freetown Sound so wie ein Old-School-HipHop-Album angegangen und Samples und Wörter finden, um dann all die verschiedenen Teile miteinander zu verbinden. Es ist mir darum gegangen, wie inspirierend diese Sounds sind, die man findet und die einem besonders bewusst werden, wenn man in eine neue Stadt zieht: die Dinge, die einem im Ohr bleiben, die aber mehrere Bedeutungen haben können. Ich wollte diese Stimmung erzeugen, dass die Musik von einem anderen Ort stammt und eine doppelte Bedeutung hat."

Der 30-jährige Musiker hat auch die eine oder andere Geschichte vom Wegziehen und Neuankommen zu erzählen: Geboren wurde er in Houston und ist dann aber am Rand von London aufgewachsen, bevor er sich vor zehn Jahren in New York niedergelassen hat. Musiker zu werden, hat nicht zum Plan gehört. Er ist begeisterter Fußballer und hat sogar kurz überlegt, Fußballprofi zu werden. Mit Musik ist er aufgewachsen: in den Klavierunterricht seiner Schwester hat er sich eingeschlichen und einfach nur zugehört, bis er sich selbst Cello, Schlagzeug und Bass beigebracht und auf der Schule in verschiedenen Bands gespielt hat. „Ich habe Musik einfach gemocht, sie war etwas, was mir einfach gelegen ist und das mir wichtig war. Aber es war jetzt auch nicht so, dass ich mit einer Gitarre in meinem Zimmer aufgewachsen bin", erinnert er sich. Sein Talent hat einfach für sich gesprochen. Nach einem kurzen Ausflug in den Dance Punk mit der Band Test Icicles in den 2000ern und einer Albumveröffentlichung unter seinem Spitznamen Lightspeed Champion im Jahr 2008 wurde aus ihm Blood Orange. 2011 hat er sein Debütalbum Coastal Grooves herausgebracht, 2013 ist der Nachfolger Cupid Deluxe auf den Markt gekommen und im Juni dieses Jahres Freetown Sound. 

Shorts: Nike. Cap und Uhr: Model's Own.

Das Album ist nach der Hauptstadt von Sierra Leone benannt, sein Vater kommt aus dem Land, und ist eine Kakophonie von Melodien, die einen in 58 Minuten auf eine Reise mitnimmt. Angefangen bei den Erfahrungen seines Vaters, der in den 30ern in Westafrika geboren wurde, bis zum Thema Rassenunruhen in „Hands Up" und Genderfragen in „Desireé", das zusammen mit Venus Xtravaganza aus dem Film Paris is Burning entstanden ist. In „By Ourselves" setzt sich mit Fragen der Repräsentation und Identität auseinander und in „Augustine" mit Entwurzelt-Sein. Auch wenn er zusammen mit dem gefeierten Autor Ta-Nehisi Coates, der Poetin Ashlee Haze und dem Filmproduzentin Marlon Riggs—alles prominente Stimmen in der derzeitigen Debatte über Rassismus in den USA—an dem Album gearbeitet haben, ist Freetown Sound nicht als Antwort auf die angespannte Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen geplant gewesen. „Ich habe die Songs nicht als politisches Statements geschrieben. Es war ziemlich lustig, als ich mit der Promo angefangen habe und die erste Frage immer gelautet hat: ‚Ist das ein Black-Lives-Matter-Album?'. Mich hat das ziemlich erstaunt. Wenn ich an Kendricks Album denke, dann ist klar, was er sagt. Ich erzähle Geschichten, die intim sind. Es ist interessant, dass Leute aus der Idee das machen, was sie wollen. Ich nehme an, es hat auch etwas mit dem Timing des Releases zu tun."

Vor zwei Jahren schon ist der erste Track des Albums „E.V.P." entstanden, der eine Zusammenarbeit mit seinen engen Freunden Bea1991 und Debbie Harry ist. „Ich habe den Song für eine Fashionshow von Eckhaus Latta geschrieben und solange an ihm gearbeitet, bis ich an der Abmischung für mein Album gesessen habe. Ich habe ständig Dinge entdeckt, die ich ändern wollte. Ich hatte so was noch nie vorher in meinem Leben erlebt", erklärt er. „Ich gehe nie ins Studio und denke: ‚Ich muss ein Album machen'. Ich schreibe ab und zu Songs und versuche, daraus ein Stimmungsbild zu entwerfen." „Hadron Collider", ein verträumtes Meisterwerk, hat er zusammen mit Nelly Furtado geschrieben. „By Ourselves" und „Hands Up" waren unter den ersten Songs, die er für geschrieben hat. Statt wie sonst das Album lose entstehen zu lassen, hat er sich dieses Mal Stift und Zettel genommen und die Texte bewusst aufgeschrieben. Eine Reaktion auf die Erwartungen von außen, wie er sagt: „Es war das erste Mal, dass die Leute gesagt haben: ‚Oh, du arbeitest an einem Album?'. Rückblickend kann ich gestehen, dass mir das ziemlich nah gegangen ist. Das war echt ein Paradox: Du arbeitest an etwas so Persönlichem, aber gleichzeitig gibt es von anderen auch eine Erwartungshaltung."

Jacke und Hose: Gucci. Hut, Uhr und Halskette: Model's Own. Schuhe: Vintage über Uncle Sam's NYC. 

Aufgewachsen ist er der Musik von Marvin Gaye, Nina Simone, Miles Davos und John Coltrane, wodurch manche versuchen, ihm den Stempel „Bohemian" aufzudrücken. „Das ist ein ziemlich eingeschränkte Sichtweise", sagt er lachend. Obwohl er dann doch nicht leugnen kann, dass sich bei ihm die Einflüsse niedergeschlagen haben: seine Liebe für diese musikalischen Größen und der Umstand, dass er außerhalb der USA aufgewachsen ist. Das hat bei ihm zu einer ganz eigenen Sichtweise auf das Land, das er jetzt sein Zuhause nennt, geführt. Eine Neugier, die nur entstehen kann, wenn man woanders aufgewachsen ist. „Ich glaube, es war James Baldwin, der geschrieben hat, dass man sich erst von einem Ort entfernen müsse, um ihn wirklich sehen zu können. Ich weiß, dass ich anders fühlen würde und eine andere Person sein würde, wenn ich hier aufgewachsen wäre."

Freetown Sound ist mehr als die Summe von Devs Erfahrungen, die er in den letzten zwei Jahren gemacht hat. Eine seiner Stärken ist es, das Unbeabsichtigte und das Improvisierte an die Oberfläche zu spülen; etwas, das aus einer persönlichen Erfahrung herrührt, aber das Spielraum für Interpretationen des Publikums lässt. „Ich weiß, dass mein Job jetzt Musiker ist, aber ich mache Musik immer noch so, wie ich das mit 14 Jahren getan habe. Ich lese auch keine Kritiken. Die Vorstellung, dass irgendjemand Musik für die Reaktionen macht, finde ich verrückt. Wenn die Leute mir sagen, dass sie meine Musik mögen, ist das für mich eine echte Überraschung und ich finde das interessant. Ich mache meine Musik für mich, auch die Konzerte sind für mich. Mir fällt es nicht so leicht, auf der Bühne zu stehen. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber. Ich glaube, deshalb bin ich auch seit fünf Jahren nicht mehr auf Tour gegangen."

Ein paar Tage nach diesem Gespräch raubt er dem Publikum bei einem spontanen und intimen Konzert im Greenpoint's Manhattan Inn in New York den Atem. Ob er sich nun vor Konzerten scheut oder nicht, eins wird an diesem Abend klar: Alle lieben Dev Hynes.

Mantel und Hose: Givenchy by Riccardo Tisci. T-Shirt: Vintage Helmut Lang from David Casavant Archive. Hut, Uhr und Halskette: Model's own.

Mantel und Hose: Givenchy by Riccardo Tisci. Hut, Uhr und Halskette: Model's own. Gürtel: Hermès. Schuhe: Vintage from Uncle Sam's.

Mantel und Hose: Givenchy by Riccardo Tisci. Hut, Uhr und Halskette: Model's own. Gürtel: Hermès. Schuhe: Vintage from Uncle Sam's.

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Credits


Text: Lynette Nylander
Fotos: Jalan and Jibril 
Styling: Carlos Nazario