„rot ist das schwarz der mutigen“

Wir haben mit Paige Horinek, Gründerin und Creative Director von Ferrari Concept, über schnelle Autos, Strip Clubs und Geschlechterrollen gesprochen.

von Lisa Riehl
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06 April 2016, 8:40am

Eine Präsentation im American Dream Strip Club zur Fashion Week in Paris, schummriges Licht und Stripperinnen zwischen Models in einer Kollektion, die lizensiert ist von Ferrari, wie es der Name schon andeutet. Dass ja meist doch erstmal in Klischees gedacht wird, muss einem neuen Modelabel nicht unbedingt schaden. Erst recht nicht, wenn die Mode von Ferrari Concept gar nicht so aussieht, als würde sie bevorzugt von den Besitzern polierter Autohausschlitten getragen werden. In der ersten Kollektion zeigen sich Miniröcke, Anzüge und Jacken aus Leder angereichert mit Strick, Leopardenfell, Camouflage-Shirts und Pelzbesatz. Das macht sich am Ende viel besser in einem schicken, mit Nostalgie aufgeladenen Oldtimer. Noch deutlichere, wenn auch noch ironischere Referenzen an die namensgebende Automarke soll es da schon in der nächsten Kollektion geben, verrät Paige Horinek. Anlässlich der Präsentation in Paris sprachen wir mit der Gründerin von Ferrari Concept über Models, Geschlechter und—natürlich—Ferrari.

Wie überträgt man die Linienführung, die Formen und die Geschwindigkeit eines Autos in Mode? Anders gefragt: Denkst du überhaupt an einen Ferrari, wenn du Kleidung entwirfst?
Unser Designanspruch ist sehr ironisch. Mit Ferrari wird eine gewisse Coolness assoziiert, die wir entdecken, aber auf die wir uns nicht gleich festlegen möchten. Der Name der Automarke soll erst einmal Aufmerksamkeit erregen und dann bieten wir etwas, das so witzig wie sexy, so unerwartet wie vertraut ist.

Um gleich bei Ferrari und den damit verbundenen Klischees zu bleiben: Was bedeutet die Farbe Rot für Ferrari Concept?
Rot ist mutig, lustig, sexy, mächtig. Und Rot wird zweifelsohne auch in Zukunft eine wichtige Rolle für uns spielen. Ich fand Rot schon immer bedeutungsgleich mit Schwarz—eigentlich ist Rot das Schwarz der mutigen Menschen.

Sie die Kühnen und Mutigen eure Zielgruppe?
Das ist jeder, dem das Universum, das wir kreieren, gefällt! Ich denke dabei an jemanden—einen Mann, eine Frau, einen Transgender—, der persönlichen Stil nicht für den Selbstausdruck braucht, sondern als Kritik an seiner Umgebung und um sich in dieser verrückten Welt zurecht zu finden.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Models für das erste Lookbook ausgesucht?
Ich bin da persönlich sehr instinktiv. Gleichzeitig schätze ich die Familie, die wir mit unseren Models erschaffen haben. Darum ist es wichtig für das Label, dass wir bei einigen von ihnen beständig und loyal bleiben werden.

Wie divers darf oder muss diese Familie denn sein?
Ich denke wirklich, dass es aktuell die Anforderung an Designer gibt, eine ethnische wie kulturelle Diversität zu unterstreichen. Auch wir haben diesbezüglich noch Raum für Verbesserungen, wenn ich auch nicht genau weiß, wie eine korrekte Darstellung von Diversität genau aussieht. Oder ob man eine solche überhaupt erreichen kann. Ich bin jedenfalls gewillt, so viel wie möglich dazuzulernen, damit wir auf einem positiven und bewussten Weg wachsen.

Wie näherst du dich dem Begriff „Unisex" in deinen Kollektionen? Gibt es ein übergreifendes Kollektionskonzept für beide Geschlechter oder sind vielmehr alle Kleidungsstücke sowohl von Männern als auch Frauen tragbar?
Ich bevorzuge den Begriff „Ambisexualität", er beschreibt unser Konzept am besten. Denn die Kollektion enthält sowohl feminine als auch maskuline Stücke und ich möchte, dass es einen nahtlosen Übergang zwischen beiden gibt. Das ist keine politische Aussage. Zu diesem Zeitpunkt denke ich: Die einzige Rolle, die das Geschlecht in der Mode hat, ist auf ironische Art und Weise, uns selbst und unsere Auffassungen in Frage zu stellen, um einen Dialog zu schaffen.

Schnelle Autos sind größtenteils noch immer ein recht männliches Hobby. Wie beeinflusst das die Mode, die du entwirfst, und woraus ziehst du die Inspiration für die weiblichen Attribute?
Interessante Frage. Wie generiert man überhaupt weibliche Attribute? Da bin ich auch neugierig. Ich denke, die Neuinterpretation von Namen und Symbolen ist diesbezüglich spannend.

Ihr habt die erste Kollektion von Ferrari Concept zur Paris Fashion Week präsentiert und als Location einen Strip Club gewähltnoch so ein eher von Männern dominierter Bereich.
Die Entscheidung in einem Strip Club zu zeigen, haben wir ohne bestimmten Vorsatz getroffen. Und was mir an der Präsentation persönlich gefallen hat, war, dass die Anwesenheit der Stripperinnen bewusst kein Kommentar sein sollte. Die Location ist einfach beeindruckend und ja, sie ist ein Strip Club. Also war es auch richtig, dass die Stripperinnen dort waren, wie sie es auch an einem normalen Tag gewesen wären. Zum Glück, denn diese Ladys waren verdammt großartig!

Die erste Kollektion habt ihr the atomic collection genanntwas bedeutet der Name?
Das Wort atomic ist gleichzeitig gewaltig und unbedeutend. Es beschreibt nicht die Ästhetik der Kollektion, sondern vielmehr die unbestreitbare Anziehungskraft, die von einigen Dingen, Menschen und Elementen ausgeht.

Was ist wichtiger für die Kollektionen von Ferrari Concept: das Gesamtkonzept oder das individuelle Kleidungsstück?
Das eine ist so wichtig wie das andere. Wir sind nicht wirklich ein Label, auf das man durch Zufall stößt. Unsere Bilder sind aus gutem Grund aufdringlich, sie sollen bewertet und kritisiert werden. Demnach kann das Konzept nicht von dem individuellen Kleidungsstück getrennt werden. Kauft man eines unserer Stücke, kauft man auch das Konzept dahinter.

Der Stil von Ferrari Concept wird mit vielen Kontrasten beschriebenMinimalismus und Statement Pieces, zeitlos und modern. Wie zeigt sich das in der Kollektion?
Ich halte besonders an der zeitlosen Modernität fest, weil ich glaube, dass das wirklich der einzige Weg ist, relevant zu bleiben. Er ist gleichbedeutend mit der Modernität in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, dem Beginn der Moderne, wenn man so will. Diesem Prinzip, kombiniert mit einem stilistischen Retro-Element, versuche ich zu folgen.

Ferrari ist italienisch, du bist Amerikanerin, mit Ferrari Concept sitzt du in Berlin. Wie beeinflussen dich die unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen im Design?
Viel interessanter als die Orte selbst finde ich die menschliche Natur und wie sie mit diesen unterschiedlichen Orten interagiert. Ich kann mich auch selbst nicht von meinen Erfahrungen freimachen, also ist Ferrari Concept tatsächlich eine Kombination aller Menschen, die Auswirkung auf mein Leben hatten.

Was erwartet uns nun nach der Debütkollektion von Ferrari Concept?
Wir haben schon viele Angebote und Ideen für Events und Kooperationen von unterschiedlichen Mode- und Kunstmagazinen. Außerdem einige Anfragen von Concept Stores für eine exklusive Zusammenarbeit. Mein Team und ich sind wieder in Berlin und arbeiten an der neuen Kollektion. Wir sind gerade an einem tollen Punkt—figurativ wie wörtlich gesprochen.

ferrariconcept.com

Credits


Text: Lisa Riehl 
Fotos: Yulya Shadrinsky
Styling: Erik Raynal 
Produktion: Margo Kirlan, Oleksandra Knyr

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