ziehen sich gegensätze an? john galliano geht zu maison martin margiela

Es ist offiziell: John Galliano wird neuer Creative Director bei Maison Martin Margiela. Und was bedeutet das jetzt?

von Anders Christian Madsen
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27 Oktober 2014, 11:49am

Sean Ellis

Gestern wurde nun offiziell das Ende des dreijährigen Fashion-Exils von John Galliano beendet - er ist als zukünftiger Creative Director zuständig für alle Kollektionen bei Maison Martin Margiela. Für alle (mich eingeschlossen), die von Gallianos Arbeit überzeugt waren - und die ihn gegen die Kritik der letzten Jahre verteidigt haben - war es ein längst überfälliger Schritt. Und trotzdem einer mit offenen Fragen. Wie will beispielsweise einer der berühmtesten Modedesigner der Welt einem der anonymsten Häuser der Modewelt vorstehen? Wird er nach der Schau für die Verbeugung auf den Laufsteg kommen - was einer Kulturrevolution bei Margiela gleichkäme? Oder werden sie ihn mit einer diamantenbesetzen Maske - à la Kanye West - nach vorne schicken?

Gallianos Erbe steht entgegengesetzt zum Image des Labelgründers Martin Margiela und dessen Haus - was seit seinem Rückzug ins Privatleben 2009 allein durch den Mehrheitseigentümer OTB geführt wird. Der Kern der Marke „Margiela" besteht darin gesichtslos zu sein, während die Marke „Galliano" aus der Person John Galliano bestand, auch wenn die Hälfte der Zeit Galliano hinter dem Namen „Christian Dior" verschwand. Sein Name prangt als Teil des Newspaper-Prints groß auf allen Kleidern seiner eigenen „John-Galliano"-Kollektion. Im Gegensatz dazu arbeitete Margiela vier unscheinbare weiße Maschen auf der Rückseite seiner Kleider ein. Margiela erschien nie auf den Laufstegen nach seinen Shows. Galliano war das eigentliche Highlight seiner Shows - er schritt den Laufsteg in fantastischen Kostümen wie ein heimkehrender General der Haute Couture ab. In diesem Sinne ist die Berufung von Galliano eine der überraschendsten in der Modegeschichte.

Abgesehen von ihrem Verständnis für große Inszenierungen - wenn auch auf sehr verschiedliche Art und Weise - haben das Haus Maison und Galliano eines gemeinsam: die Zusammenarbeit kommt für beide Seiten in turbulenten Zeiten. Galliano wurde im Februar 2011 dabei gefilmt, wie er unter Alkoholeinfluss Unbekannte in einer Pariser Bar antisemitisch beschimpft hat. Daraufhin wurde er bei Christian Dior und seinem eigenen Label rausgeschmissen und eine aggressive Hexenjagd auf Galliano folgte - der sich bereits auf Entzug in Amerika befand. Galliano erklärte letztes Jahr in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Charlie Rose wie sehr ihn seine Verpflichtungen bei Dior belasteten. Seine Worte seien das wirre Geschwafel eines Betrunkenen gewesen - und er wurde provoziert.

Nicht so tiefgreifend - aber dennoch für Maison Martin Margiela außerordentlich - war die Enthüllung ihres Designers, Matthieu Blazy, auf der Website der britischen Vogue durch Suzy Menkes in ihrem Artikel über die Menswear-Show von Margiela. Das seit Labelgründung bestehende strikte Anonymitätsgebot für jedes Teammitglied bei Maison Martin Margiela wurde damit gebrochen. Und Menkes hat sogar ein Foto von ihm mitveröffentlicht. Das Haus teilte in einem Statement mit, dass sich nichts bei Margiela geändert hätte. Gleichzeitig sickerte durch, dass Blazy das Haus zum 1. Oktober verlassen würde. Gerüchten zufolge wechselt er zu seinem anderen innovativen Haus. Bereits eine Woche vor Menkes' Enthüllung hat sich mit der Berufung eines bestimmten Kultdesigners für Männermode eine Veränderung angedeutet, über die die Modewelt eifrig diskutiert hat. Der Name dieses Kultdesigners soll noch geheim bleiben. (Es ist noch nicht bekannt, ob der Zugang von Galliano zum Weggang dieses Designers führen wird. Hoffentlich behalten sie ihn.)

Der Weggang von Blazy kann natürlich mit Gerüchten über den Galliano-Zugang bei Maison Martin Margiela zusammenhängen. Gerüchte zirkulierten seit einiger Zeit durch die Branche, nachdem Galliano an seiner Alma Mater - dem Londoner Central Saint Martins College - gesichtet wurde und nach Mitgliedern für sein Team gescoutet hat. So schnelllebig ist Fashion. Sie ist nicht mehr so, wie Galliano sie vor drei Jahren verlassen hat - obwohl er kurz bei Oscar de la Renta in der letzten Saison mitwirken konnte, aber in einer Nebenrolle. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen das Theatralische und Opulente die Mode beherrscht hat - seine Markenzeichen während seiner 13-jährigen Herrschaft bei Christian Dior. Ersetzt wurden die Opulenz durch nicht weniger teurere minimale Darstellungen von Minimalismus - tonangebend momentan. Und mit dem sich Galliano wird auseinandersetzen und neu erfinden müssen, wenn er das zweite Mal die Modewelt dominieren will.

Es gibt ein Haus in Paris, in dem die Wände noch den legendären Spirit von Galliano atmen und die Kleider noch seinen Namen tragen: das Haus John Galliano mit seinem Flagship-Store auf der Rue Saint Honorè, geführt von Gallianos ehemaliger rechter Hand Bill Gaytten und im Besitz von LVHM - sein ehemaliger Arbeitgeber. Interessanter als Gallianos neue Residenz bei Maison Martin Margiela, und alle damit verbundenen Fragen, dürfte seine Rückkehr in die Welthauptstadt der Mode sein, in der immer noch jährlich 2 Shows mit dem Namen Galliano stattfinden - aber mit keiner aktuellen Verbindung zum Designer. Die Modeindustrie liebt ihr Stühlerücken, jedoch zeigen Teilnehmer selten in derselben Stadt Schauen 3 Tage auseinander. Die Zeit bei Margiela kann für Galliano aber vielleicht der sichere Hafen sein, den dieses Ausnahmetalent braucht, bevor er den Schauplatz wieder gebührend als das betritt was er ist - herausragend. Welcome back, Sir.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Foto: Sean Ellis [Aus i-D No. 199, The Heartbeat Issue, Juli 2000]

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