Anzeige

im gespräch mit erotikmodel tessa kuragi

„Normalität macht mir Angst.“

von Tish Weinstock
|
19 Oktober 2015, 11:20am

Photography Milicent Hailes

Tessa Kuragi beschreibt sich selbst als „Wednesday Addams' jamaikanische Schwester mit dem Herz von Jean Rhys und den Kurven einer Bellmer-Puppe." Für das sonnige jamaikanische Klima war sie zu viel Goth und so zog sie nach London, um eine Karriere als Model zu starten. Doch Tessa passte weder in die schwarze noch in die weiße Schublade. Also fing sie an, ihr eigenes Fantasieleben zu leben und ihr eigenes Ding zu machen. Als Kind wurde sie noch gemobbt, heute versprüht sie jede Menge Sexappeal. Ihre Arbeiten umfassen die Bereiche Mode, Kunst und Erotik. Darin kombiniert sie den Reiz einer Femme Fatale mit der Kokettheit einer Lolita.

Sie hat bereits mit bekannten Fotografen wie Ellen von Unwerth, dem Stylisten Nicola Formichetti, Olivier Zahm sowie Nick Knight zusammengearbeitet. Letzterer hat sie einmal mit Seilen gefesselt, mit Schlangen umgeben, ein Kleid mit drei Nägeln an ihrer Haut befestigt und ihren Mund mit toten Vögeln gestopft. Tessa überschreitet die Grenze zwischen Sex und Gewalt, zwischen Sadismus und Masochismus, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Kunstperformance und sexueller Erfüllung. Ihre aktuellste Veröffentlichung Bruise Album ist eine Sammlung aus gesättigten, monochromen Fotografien und dokumentiert die blauen Flecke, die sich Tessa und ihr Partner Jon-Ross Le Haye gegenseitig zufügten. Wir haben der jamaikanischen Schönheit ein paar Fragen zu weiblichem Empowerment und sexueller Fantasie gestellt.

Foto: Alva-Bernadine

Wie erkundest du durch das Modeln deine Sexualität?
Mich haben erotische Arbeiten schon immer fasziniert. Die ersten Fotografen, die ich bemerkenswert fand, stammten von Alva Bernadine und Marc Blackie, ich mochte ihre ungewöhnliche Herangehensweise an Sexualität. Ich habe sie einfach gefragt, ob ich für sie modeln darf. Meine ersten Erfahrungen mit Seil-Bondage sammelte ich durch meine Zusammenarbeit mit Marc Blackie. Es war auf wunderbare Weise kathartisch, aber es war auch schräg, weil es trotzdem noch ein professionelles Fotoshooting war. Ich mag es, Grenzen auszutesten: mich einerseits gegenüber dem Fotografen sexuell und verletzlich zu geben und dem Publikum dieses Teil von mir zu zeigen, aber andererseits alles noch innerhalb der Grenzen eines professionellen Fotoshootings zu halten.

Macht dir manchmal Angst, was die Gesellschaft als normal ansieht?
Normalität macht mir Angst! Wenn ich darüber nachdenke, was normal heißt, dann denke ich an jemanden, der sein Leben aufgegeben hat, an Herdentrieb, an einen Mangel an Vorstellungskraft, einen Mangel an Träumen, an graue, monotone und ausgewaschene Platten und Jeans. Diese starken Emotionen kommen daher, dass ich die Welt ablehne, die mich abgelehnt hat. Ich weiß, dass man ein glückliches und normales Leben führen kann. Ich glaube aber, dass es der Welt besser gehen würde, wenn sie ihre Vorurteile gegenüber allem, was nicht als normal angesehen wird, ablegen würde. Wir müssen aufhören, die extremen Enden einer ansonsten normalen Erfahrung zu stigmatisieren oder zu verteufeln, ob es sich dabei um die Sexualität, psychische Erkrankungen oder einfach nur Alltägliches wie Kleidung - was ist angemessene Kleidung - handelt, denn all diese Dinge sind ständigen Veränderungen unterworfen und nicht festgemeißelt.

Was ist das größte Missverständnis über BDSM?
Viele denken, dass die Leute, die es praktizieren, Außenseiter sind. Zwar stimme ich zu, dass es krankhaft sein kann, wenn man es dafür nutzt, um negative Beziehungsmuster zu wiederholen (das kann auch in nicht-BDSM Beziehungen passieren), aber ich glaube auch, dass es wunderbar ist, solche Praktiken in einer liebenden Partnerschaft zu praktizieren. Ich glaube auch, dass die ganze Außenseiter-Sache erfunden ist. Man muss nur mal auf eine Fetischparty gehen. Dort trifft man auf Personen aus allen Bereichen des Lebens: Rechtsanwälte, Zahnärzte, Mütter, Künstler und viele verschiedene Ethnien. Ich mache hier keine Schleichwerbung für Fifty Shades of Grey, aber einfach der Umstand, dass es zu den meistverkauften Büchern aller Zeiten gehört, sagt etwas über das Interesse an BDSM aus. Es ist wie mit Sex: wir alle finden ihn gut, aber wir trauen uns nicht, darüber zu reden.

Foto: Mikael Vojinovic

Wie bringst du es unter einen Hut, ein Objekt sexueller Begierde und gleichzeitig eine emanzipierte Frau zu sein?
Ich glaube, dass es mit Liebe und Aufopferung zu tun hat: jemanden so weit zu vertrauen und eine so starke Bindung zu haben, dass man die Kontrolle zum Vergnügen beider aufgibt. Es ist vielleicht vergleichbar mit der Selbstgeißelung von Mönchen, die Opfergabe als Beweis der Hingabe. Natürlich geht es auch darum, Spaß zu haben. Oft ist es der unterwürfige Partner, der den dominanten Partner kontrolliert. Die Macht verschiebt sich viel in der Beziehung und ist oft da anzutreffen, wo man sie nicht vermuten würde.

Was bedeutet dir Feminismus?
Ich glaube an gleiche Rechte und Chancen für Männer und Frauen. Das geht in beide Richtungen. Frauen sollen so viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen, aber Männer sollen auch sensibel sein dürfen, ohne dass sie den Erwartungen eines Machos gerecht werden müssen.

Dein Instagram-Account wurde kürzlich gelöscht. Was denkst du über Social-Media-Zensur von Frauen?
Ich für meinen Teil verstehe nicht, was an einem nackten Körper so schlimm sein soll. Wieso soll es OK sein, sich das Gemälde Der Ursprung der Welt anzuschauen, aber keine echte Vagina? Ich verstehe nicht, wieso Bilder von Gewalt und toten Körpern OK sind, aber ein Akt ist auf einmal das Anstößigste überhaupt.

Was steckt hinter Bruise Album?
Es ist in Zusammenarbeit mit meinem Partner Jon-Ross Le Haye entstanden. Wir haben ein viktorianisches Fotoalbum mit einem wunderschönen Ledereinband und idyllischen Bildern entdeckt. Ich hatte bereits damit angefangen, die blauen Flecke, die wir uns gegenseitig zugefügt haben, zu fotografieren - es sind Symbole unserer Liebe und unseres gegenseitigen Vertrauens. Das sollte auf einzigartige Art und Weise dokumentiert werden.

Was sind deine Hoffnungen und Träume?
Auch weiterhin Arbeiten mit einer kathartischen Wirkung zu produzieren, die hoffentlich auch ästhetisch ansprechend und eine Bedeutung haben. Ich will für andere eine Inspiration sein, sodass sie nicht mehr die Gedanken haben, dass das, was sie machen, unnormalisch ist.

Das könnte dich auch interessieren:

  • Fotografin Millicent Hailes und Tessa Kuragi haben für uns die japanische Bondage-Szene erkundet.
  • Wie Bondage in die High Fashion kam, erfährst du hier.
  • „Feminismus und Pornos gehen klar", sagt Feministin, Bücherwurm und Pornostar Casey Calvert. Lies hier unser Interview mit ihr.

Credits


Text: Tish Weinstock 

Tagged:
BDSM
models
Beauty
bondage
Erotik
Feminismus
Tessa Kuragi