„screen touch“ zeigt intime porträts von heimlich lesbischen pärchen in china

In Xiamen entsteht eine neue, alternative Form von Intimität, sagt die Fotografin Sarah Mei Herman. Wir haben mit der Niederländerin über ihre Fotoreihe „Screen Touch“, in der es um die Realität von homosexuellen Paaren in der Volksrepublik China geht...

von Alice Newell-Hanson
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22 August 2016, 12:55pm

„Xiamen wird auch als Chinas Mittelmeer bezeichnet", sagt Sarah Mei Herman am Telefon. Sie arbeitet gerade an ihren Aufnahmen für die Unseen Photo Fair im September in Amsterdam. Sie wird Polaroids ausstellen, die Hypogogia festhalten, der Zustand vor dem Einschlafen. 2014 verbrachte sie vier Monate in der chinesischen Küstenstadt Xiamen und porträtierte dabei junge Paare am Strand und auf dem Campus—Momente, die sie bis heute nicht loslassen.

Die junge Niederländerin hat an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag und am Royal College of Art in London Fotografie studiert. Ihre Projekte dauern oftmals mehrere Jahre lang und können Wort wörtlich auch ein ganzes Leben dauern. Seit über zehn Jahren fotografiert sie ihren jüngeren Halbbruder Jonathan, seit 2005 ihre niederländischen Schwestern Julia und Stephanie sowie die eineiigen Zwillinge Jana und Feby, die sie mit ihrer Kamera bereits seit deren Kindheit begleitet. „Ihre Beziehung ist die engste Beziehung, die man haben kann", sagt sie über Jana und Feby.

Was sie so faszinierend finde, seien „die Wandlungen und die ständigen Veränderungen, die junge Leute auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchmachen", erklärt sie uns. „Mich interessiert die Intensität, die Übergangsphase und manchmal auch die Einsamkeit in diesen Zuständen. Ich finde die Grauzone zwischen Freundschaft und Liebe und die Widersprüchlichkeit von Beziehungen in bestimmten Lebensphasen spannend", so die Fotografin.

Mit Xiamen fand die Fotografin Herman auch eine sich verändernde Stadt vor. Die Universität, an der sie einen Fotografie-Workshop gegeben hat, ist eine Insel der Beständigkeit—prachtvolle Gebäude, Palmen und perfekte Rasen—inmitten von Abriss und Aufbau. „Für eine chinesische Stadt ist Xiamen sehr klein. Sie hat nur ungefähr vier Millionen Einwohner und verändert sich rasant schnell", erklärt die Fotografin. Ihre Fotoreihe Screen Touch beschäftigt sich mit der Intimität zwischen jungen Paaren in einer Zeit, in der heute nichts mehr so ist, wie es gestern war. Und wie das Handy diese Beziehungen beeinflusst. Wir wollten mehr wissen und haben der Fotografin ein paar Fragen über den Unterschied zwischen intimen Verhalten in China und in Europa gestellt.

Wie bist du nach Xiamen gekommen?
Mich interessiert die Nähe und Intimität zwischen Leuten, besonders von Leuten in Beziehungen, und von jungen Paaren. Ich war davor noch nie in Asien. Ich bin auf ein Residency-Programm in Xiamen gestoßen und habe mit der Direktorin gesprochen. Die sagte mir, dass die jungen Chinesen ziemlich offen sind. Ich wollte eigentlich nach Japan, aber es ist schwieriger dort, die Leute anzusprechen. Xiamen ist eine offene Stadt und die Einwohner sind bereit, fotografiert zu werden. Die Direktorin meinte noch zu mir, dass die Mädchen mit ihren Freunden sich körperlich sehr nah sind. Sie halten zum Beispiel Händchen. Wenn Mädchen in Europa Händchen halten, dann bedeutet es meistens, dass sie ein Paar sind. Aber in China laufen die Mädchen Hand in Hand in der Öffentlichkeit rum und Jungs umarmen sich. Freunde machen das in China einfach. Ich habe mich für das Programm beworben und bin dann für vier Monate nach Xiamen gegangen. Ich wollte sehen, wie die Leute dort Intimität definieren und ob sie bereit sind, mir das zu zeigen.

Wie offen waren die Paare, die du getroffen hast?
Ich hätte nicht gedacht, dass sie so offen sind, wie sie waren. Mein Freund war mal in Hongkong und sagte mir, dass Küssen in Parks verboten ist oder generell in der Öffentlichkeit körperlich intim zu werden. Ich bin davon ausgegangen, dass es schwierig sein würde, junge Paare zu finden. Ich spreche auch kein Wort Chinesisch und die jungen Chinesen kaum Englisch. Auf der Uni habe ich mich mit ein paar Studenten angefreundet und auch Leute auf der Straße angesprochen. Letztendlich war die Sprache gar nicht wichtig und ich bin ihnen ziemlich nah gekommen. Auf gewisse Art und Weise bedeutet Intimität dort das Gleiche wie hier. 

Ich habe ziemlich viel lesbische Pärchen fotografiert. Das hatte ich eigentlich gar nicht so geplant, aber ich habe sie einfach getroffen. Es hat mich überrascht, dass sie ihre Geschichten mit mir teilen wollten. Es gibt ein Foto, auf dem sich zwei Mädchen küssen. Eine wirkt wie ein Junge und die andere wie ein Mädchen. Das habe ich ziemlich oft gesehen, dass eine der beiden eher männlich aussieht. Auf die Art und Weise müssen sie sich nicht so viele Gedanken machen und können in der Öffentlichkeit Händchen halten und intim sein. In China ist Homosexualität zwar nicht mehr verboten, aber es ist immer noch ein großes Tabu. Ich habe mich mit zwei Pärchen angefreundet—eins hat sich getrennt und das andere ist immer noch zusammen. Jungs zu finden, war schwieriger. Ich hoffe, dass ich noch mal nach China fahren kann und schwule Pärchen finde.

Was denken die Frauen über die Fotos?
Die Fotos wurden in China und Amsterdam ausgestellt. Ich habe ihnen die Aufnahmen davor geschickt und sie sind stolz darauf. Sie wollen alle nach Amsterdam kommen und hier leben, weil sie hier heiraten können.

Erkläre uns den Titel Screen Touch.
In der Fotoreihe geht es um die Intimität zwischen jungen Leuten, der Touch sozusagen. Aber es ist auch ein Wortspiel mit Touchscreen. Die meisten jungen Leute schauen die ganze Zeit auf ihre Handys. Viel mehr als in Europa. Es gibt in Xiamen einen wunderschönen Strand. Dort sitzen sie alle nah beieinander, aber wenn man genauer hinsieht, dann starren alle nur auf ihre Bildschirme. Der Bildschirm ist eine Art alternative Form der Intimität geworden. Das sieht man zwar nicht in allen Fotos, aber das zieht sich wie ein roter Faden durch die Fotoreihe.

Es gibt auch Stills, die ich als Lichtboxen zeige, eine Metapher für die Bildschirme. Ich habe im Studentenwohnheim fotografiert. Die Girls waren bereit, mir diesen sehr intimen Raum zu zeigen. Sie leben zu viert in einer Wohnung und alle Sache liegen wild durcheinander. Die Fotos zeigen ihre Welt und dienen als Puffer zwischen den Porträts, die sehr intim sind.

Sorgen Handys dafür, dass sich die Leute näherkommen und intimer miteinander werden?
Ich habe mit den Leuten, die ich getroffen habe, über ihr Verhältnis zu ihrem Handy gesprochen und sie haben mir immer geantwortet: „Entweder kann ich eine Person treffen oder auf meinem Handy gleichzeitig mit fünf Leuten kommunizieren." Es ist so oberflächlich. Ich finde es traurig, dass sich die Leute nicht mehr ins Gesicht schauen. Ich bin da nicht anders. Ich werde die ganze Zeit abgelenkt. Chinesische Studenten machen alles mit ihrem Handy: Sie kaufen ein, sie kommunizieren—einfach alles. Aber ich glaube auch, dass es eine Form der Intimität ist. Die Leute sitzen enger zusammen, aber es gibt eben diesen Zusatz: den Bildschirm.

sarahmeiherman.nl

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Sarah Mei Herman

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