groupie, freundin oder die hohlbirne vom dienst - wie sieht hollywood die models?

Der neue Film „The Neon Demon“ von Nicolas Winding Refn über die Modelindustrie, Models und Vampire kommt nächste Woche ins Kino. Von „Blow Up“ über „Zoolander“ bis „Gia“: Grund genug, uns die Darstellung von Models auf der großen Leinwand einmal...

von Oliver Lunn
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15 Juni 2016, 1:35pm

Nicolas Winding Refns neuer Film The Neon Demon ist ein Psychothriller über die mörderische Modelwelt, über unsere schönheitsfixierte Kultur, die bittersüße Rivalität zwischen Models und die Ausbeutung von blauäugigen Dummchen, die auf den Catwalk geschickt werden. Und es gibt die Vampire, die ihre Erscheinung verändern und das Blut der schönen Frauen brauchen, um ihre Jugend zu erhalten. Doch die Darstellung der Modeindustrie als ein Ort, an dem Moral so einfach abgestreift wird wie das neueste Kleid und an dem unter der Schönheit direkt das Hässliche liegt, ist kaum neu im Kino.

Tatsächlich ist es so, dass Models im Kino nie sonderlich gut wegkommen. Filmemachern macht es offensichtlich zu viel Spaß, sie als Hohlbirnen vom Dienst, Groupies, Freundinnen oder einfach als laufende Schaufensterpuppen darzustellen. Das soll nicht heißen, dass es in der Modelbranche keine Narzissten gibt. Aber wir bekommen zu selten Models zu sehen, die anders dargestellt werden. Wir wissen, dass nicht alle Models in Derek-Zoolander-Modus operieren. Einige skateboarden, einige schauspielern und andere breakdancen. Wo sind diese Models vertreten? Warum haben Filmemacher Angst davor, diese Vielfalt zu zeigen?

Das Bild des hohlen Models wurde schon in den 50ern festgeschrieben. In der romantischen Komödie Der süße Fratz mit Audrey Hepburn hat ein Fotograf Probleme damit, ein Model zu finden, was schön und intelligent ist. „Eine Frau kann schön und intellektuell sein", blafft eine Moderedakteurin, die lose auf Diana Vreeland basiert. Und Auftritt der Hepburn: Sie spielt eine Angestellte aus einer Buchhandlung, die anfangs kein Model werden will. Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem ihr der Fotograf, gespielt von Fred Astaire, einen Trip nach Paris verspricht. Natürlich ändert sie ihre Meinung über die Modendustrie und wird sehr bald selbst Teil davon.

Zehn Jahre später war es immer noch so—vielleicht sogar schlimmer. Die Models in Blow Up, dem Kultfilm von Antonioni aus dem Jahr 1966 über Swinging London, basiert lose auf dem Leben des legendären Modefotografen David Bailey. In dem Film tauchen zwei ruhmsüchtige Models unangemeldet bei ihm auf. Sie knien vor ihm und flehen ihn an, fotografiert zu werden. Er bittet sie schließlich rein, zieht sie aus und es gibt einen flotten Dreier auf dem Boden in seinem Studio. Als er dann fertig mit ihnen ist, komplementiert er sie mit einem Blick hinaus, der sagt: „OK Girls, ich habe jetzt richtige Arbeit zu machen." In Blow Up ist der Fotograf der Rockstar und die Models seine Groupies.

Bei Robert Altmans Prêt-à-Porter—eine Satire, die während der Pariser Fashion Week gedreht wurde und bei der Carla Bruni, Naomi Campbell und Claudia Schiffer Gastauftritte haben—würde man annehmen, dass ein anderes Bild der Modelbranche gezeichnet wird. Vielleicht ein paar Szenen über Essstörungen oder darüber, dass es Models gibt, die Drogen nehmen, um ihr Gewicht zu halten. Dem ist nicht so. In den einzigen Dialogen der Models geht es um zickigen Wer-hat-mit-wem-geschlafen-Gossip. Und, natürlich, schlagen sie sich darum, wer denn zuerst auf den Catwalk darf. Das Radikalste im Film ist die Szene, in der die Models nackt über den Laufsteg laufen und den Leuten dabei die Kinnlade herunterfällt. Der Großteil zeigt sich beeindruckt vom next big thing in der Modebranche, ein Gast ist außer sich. Heute fühlt sich Altmans Satire an, wie ein ungeschickter Versuch eines Außenseiters, der einen Insiderwitz erzählen will. 

Die dunklere Seite des Modelbusiness, was in Prêt-à-Porter schon kurz anklang, kam 1998 in Gia dann an die Oberfläche. Aber auch der Film hatte seine Klischees. Darin spielt Angelina Jolie das erste amerikanische Supermodel, Gia Marie Carangi. Das Punk-Kid aus Philadelphia wird von einer New Yorker Modelagentur entdeckt. Diese sagt ihr gleich bei Vertragsbeginn: „Sprechen ist in diesem Job nicht gefordert. Was aus deinem Mund kommt, ist total egal." Bald schon schläft Gia mit anderen Models, zieht Koks und verliert die Kontrolle über ihr Leben. Diese Geschichte ist hinlänglich bekannt: Die Branche und ihre Exzesse verschlucken sie. Zwar wird sie im Film als etwas Außergewöhnliches dargestellt— ein Model mit Verstand—doch werden die gleichen Klischees über die Industrie wie in anderen Film bedient. Die anderen Models sind Hohlbirnen und wissen den lieben langen Tag nichts anderes zu machen, als über die Größe von Ärschen zu lästern.

Die Message von Gia ist letztlich genauso banal wie Derek Zoolanders Aha-Erlebnis: „Ich meine, es muss doch mehr im Leben geben, als wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig gut auszusehen". Da liegt Terrence Malick mit seinem Film Knight of Cups gar nicht so weit entfernt: „Berühmt zu sein, ist auch nicht so toll". Der Film ist ein Hochglanzporträt über die Entertainment-Elite von Los Angeles, in dem Models mal wieder als verspielte Dinger dargestellt werden: für den Filmemacher und für den Playboy, gespielt von Hollywood-Schönling Christian Bale.

In einer der schlimmeren Szenen tanzt Bale mit zwei spärlich bekleideten Models in einem Hotelzimmer. Sie bespritzen ihn mit Champagner und tollen mit ihm wie in der oben beschriebenen Szene aus Blow Up. Sie haben nichts zu sagen und auch nichts besseres zu tun, als sich an Bale ranzuschmeißen. Auch hier sind die Models letztlich wieder meist passive Charaktere und dienen nur dazu, die existenzielle Krise, die Bales Charakter durchlebt, zu verdeutlichen. Dasselbe passiert in einer späteren Szene, als er ein Model auf einer Privatparty erspäht. Es ist Freida Pinto. Der Dialog spielt sich auf der „Wie heißt du?"-Ebene ab. Es ist derselbe Regisseur, der Model Olga Kurylenko für 113 Minuten in To the Wonder mit offenen Armen durch die Welt laufen lässt.

Knight of Cups zeigt, dass nicht mal Arthouse-Regisseure sich sonderlich viel Mühe geben und Model-Klischees nur allzu gerne verwenden. Sie casten sie auch als Groupies, Freundinnen, Hohlbirnen oder einfach als schönes Beiwerk. Es gibt keine Nuancen in der Darstellung. Hollywood sieht Models nur zweidimensional. Um eins klar zu sagen: Satire ist großartig. Es ist wichtig, über die Absurditäten dieser Industrie zu lachen, wie über jede andere Branche auch. Aber es wichtig, dass manchmal eben auch die andere Seite gezeigt wird und Models nicht nur als ausdrucksloses, ichbesessenes, laufendes Catwalk-Etwas dargestellt wird, das sich nur dafür interessiert, wie sich auf dem Laufsteg gut aussehen. Immer mehr Models gehen zum Film: Abbey Lee, Cara Delevingne oder Lily Cole—vielleicht helfen sie in Zukunft dabei, ein anderes Bild zu zeigen und zu vermitteln.

@OliverLunn

The Neon Demon startet am 23. Juni in den deutschen Kinos. 

Credits


Text: Oliver Lunn
Foto: Courtesy of Warner Brothers

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