mode und musik im jahr 2015: ein kulturschock?

Von Rihanna bis Skepta, von Madonna bis Kanye, die Wege von Mode und Musik haben sich schon immer gekreuzt, Ikonen geschaffen und die Kultur weiterentwickelt. i-D über das Verhältnis der beiden Welten im Jahr 2015.

von Lynette Nylander
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06 April 2015, 9:00am

Das Jahr ist erst drei Monate alt und es wirkt schon so, als ob wir mitten drin sind. Prominente sind nur ein Selfie weit weg und die Stars mit den meisten Followern sind zum großen Teil Musiker (Justin Bieber, Rihanna, Taylor Swift und Beyoncé) - Voyeurismus ist auf einem Allzeithoch. Wir wollen wissen, wie Stars leben, lieben und natürlich was sie tragen. Die 2000er Jahre sahen eine noch nie dagewesene Vermischung von Mode, Musik und Stars. Für die Musikikonen der Vergangenheit, wie David Bowie, Debbie Harry, Grace Jones und Michael Jackson, war der Look mindestens ebenso wichtig wie die Musik. Die heutige Generation hat die kulturellen Grenzen noch weiter verwischt und unsere Bekleidungscodes verlieren immer mehr an Bedeutung. Mode und Musik sind eng miteinander verflochten und werden wie nie zuvor neu interpretiert.

Saint Laurent unter Hedi Slimane ist eine hedonistische Liebeserklärung an den Punk und Grunge sowie an den rockigen Style einer längst vergangenen Zeit. Jede Saison schickt Hedi clevere Variationen von sündhaft engen Hosen, Blazern im Mod-Stil und jede Menge Leder über den Catwalk, sehr zur Freude seiner treuen Modejünger. Hedis Liebe zur Musik geht nahtlos in seine Designs über und hat geholfen, eine Ästhetik zu erschaffen, die zu seinem Markenzeichen wurde. Während seiner Zeit bei Dior Homme entwarf Slimane die Bühnenkostüme von Mick Jagger, Jack White und Beck und verantwortet jetzt, neben den Mainlines, das Saint Laurent Music Project, bei dem schon Ikonen wie Marianne Faithful, B.B. King, Kim Gordon und Joni Mitchell mitgemacht haben. Sein Erfolg bei Saint Laurent zeugt nicht nur von der zeitlosen Anziehung der Looks und der Styles der 70er, sondern zeigt auch wie sehr Hedi dem kulturellen Zeitgeist entspricht. Er schafft es Looks, die mit einem Musikgenre verbunden sind, zeitgemäß umzusetzen, ihnen seinen persönlichen Touch zu verpassen und ihn in bares Geld zu verwandeln.

HipHop hat Mode schon immer als Vehikel genutzt, um die „Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär"-Märchen einiger seiner größten Stars zu feiern. „This the life that I chose / bought out the store / can't go back no more / Versace my clothes while I'm selling them bows / Versace took over, it took out my soul", rappt Migos aus den USA im Song „Versace", eine Liebeserklärung an Donatella, der funkelndste Stern am Modefirmament. Für den erfahrenen Rapfan sollte es keine Überraschung sein, dass das italienische Powerhouse schon seit Langem eine enge Bindung zu Musikstars hat.

Rapper hatten nie ein Problem damit, Marken in ihren Songs zu erwähnen: Denke nur an Lil Kims „Y'all rock Versace and y'all went out and bought it, I rock Versace and y'all know I ain't paid for it" in ihrem Song „No Matter What They Say" oder „Get Money" von Junior M.A.F.I.A. Gleichzeitig erhörte diese Wertschätzung die allgemeine Akzeptanz von Rapstars als Modeikonen. Es gibt eine lange Liste von Designern, die dem HipHop dafür dankbar sein müssen, dass er ihre Produkte einem breiten Publikum, das normalerweise nicht jeden Monat in Vogue blättert, bekannt gemacht hat. „Seit den 70ern hatte HipHop gar keine andere Wahl, als sich in kanarienvogelmäßiger Manier anzuziehen. Mit Studio 54 und Chic bestand die Mode der HipHop-Helden der ersten Stunde aus auffallenden Lederanzügen mit Applikationen und im Fall von gewissen Mitgliedern von The Furious Five aus Handschellen. HipHop-Looks waren von Anfang an frech, auffallend und konfrontativ, so wie die Stadt, aus der sie stammten. Dieser Style wurde besonders von Pushern, Pimps, Gefängnis und Ralph Lauren Polo beeinflusst . Was man trug, hing davon ab, woher man kam. Baggy-Jeans, XXXL-T-Shirt und Timberland-Schuhe bedeuteten New York. Bandanas, Locs, Chucks und Dickies bedeuteten, dass man aus den wärmeren Gefilden Kaliforniens kam. „Goldene Grills und Caddy? Dann kam man wahrscheinlich aus Houston", kommentiert i-D Music Editor und HipHop-Aficionado Hattie Collins. Heutzutage wendet sich die Modewelt an die größten Namen im Musikbusiness und Trendsetter, um die Erlebnisse bei den Fashionsshows zu ändern.

Für einen Designer ist die Fashion Week eine der wenigen Gelegenheiten, das Publikum komplett mit seiner Welt vertraut zumachen. Abseits von Werbekampagnen und Markenvideos ist die Catwalk-Show eine der wenigen Gelegenheiten, das vollständige Konzept und die Vision für die nächste Saison ohne Unterbrechungen oder Eingriffe kommunizieren zu können. Die Bedeutung von Musik bei der kreativen Kommunikation nimmt stetig zu, von einem verschwitzten Untergrund-Rave in Berlin bis zum Glamour der 70er. Enyas „Caribbean Blue" rührte die Zuschauer der wegweisenden Spring / Summer-15-Show von Craig Green zu Tränen. Musik wurde zu einem so wichtigen Teil von Fashionshows, dass die Branche mittlerweile Experten anheuert, um die akustische Erfahrung zu kuratieren. Zu den bekanntesten Namen von Musical Directors für Fashionshows, Präsentationen und Filme gehören Michel Gaubert, Misty Rabbit aka Mimi Xu sowie Steve Mackey und sein Partner John Gosling.

Matthew Stone, der talentierte Künstler aus London, der von Fotografie bis Performance-Kunst alles kann, arbeitet mit dem Designer Gareth Pugh zusammen und kreiert die Musik zu dessen Shows. „Musik hilft den Leuten dabei, in den emotionalen Aspekt einer Präsentation eintauchen zu können", erklärt er. „Ich mache die Musik mit und für Gareth. Der Sound ist eng mit dem Konzept verbunden. Für eine Show haben wir mit einem komplett abstrakten Trommelbeat gearbeitet, der nie im Takt war. Es hörte sich wie zerstreute Trommeln an. Bei den Proben im Palais de Tokyo hat es mitten im Soundtrack angefangen zu regnen und es entstand dieser unglaubliche Trommelsound, den wir nicht beeinflussen konnten. Es hat sich fantastisch angehört, jeder war den Tränen nah und wir machten dann Witze darüber, wie wir den Regen kontrollieren können und es bis zur Show einfach weiterregnen lassen können. Irgendwie hat es dann geklappt."

Musik ist aber auch in der Streetwear. ein wichtger Aspekt. Grime-Superstar Skepta wurde von der Modewelt mit offenen Armen empfangen und bescherte erschwinglichen Labels eine Portion Coolness. Er trat am Stand des Pariser Streetwear-Labels Pigalle auf der Art Basel Miami auf, ging mit Billionaire Boys Club eine Kollaboration ein, für die sie ihr bekanntes BBC-T-Shirt auf seinen Spitznamen abgewandelt haben, von BBC zu BBK (Boy Better Know). Zusätzlich lieferte er die Musik für Nasir Mazhars Spring / Summer-15-Show. Die neu gewonnene Verbindung zwischen ihm und den Modelabels ist für den Star ein Gewinn. Für Skepta ist dieser Prozess organisch und er geht an diese Kollaborationen genauso wie an seine Musik heran. Angesprochen auf die Zukunft von Mode und Musik sagt er, dass „Mode und Musik dasselbe sind, eine künstlerische Ausdrucksform."

Musiker wurden durch Designer sogar zu unfreiwilligen Stilikonen. Kurt Cobain Mix aus Flanellhemden, langen Haaren und zerzausten Jeans macht ihn in den 90ern zu einem Fashionista wider Willen, während Pete Doherty 2005 mit seinen ramponierten Stiefeln, schwarzen Skinny-Jeans und seinem Filzhut zum Aushängeschild des London-Styles wurde. 2014 waren es FKA Twigs' zauberhafte Looks, die sie zur Insiderikone machten. Obwohl es für die 2000er nicht den bestimmenden Look gab, hat diese Generation das beste aus den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen und etwas Neues und Provokatives daraus kreiert.

i-D-Coverstar Rihanna ist das perfekte Beispiel für die Symbiose zwischen moderner Musik und Mode. Auf der Bühne und in ihren Songs gibt sie sich selbstbewusst und hypersexuell. Ihre Kleidung verlangt Aufmerksamkeit, nicht nur weil Rihanna wunderschön ist, sondern weil ihre modischen Entscheidungen, genauso wie ihre Musik, von Vielem beeinflusst wird: vom Glitzer der 70er bis zu 90er Cybergoth, von Reggae-Rhythmen in „Man Down" bis zu HipHop in „Pour It Up". Ihre Klamotten sind glaubwürdig, weil sie ein Kind ihrer Generation ist und das, was sie lebt, nutzt, um ihren Look zu definieren.

Wie sieht es im Jahr 2015 aus? Bedeutet der Saccarin-süße Pop von PC Music, dass das Jahrzehnt von babyrosa Neckholder-Oberteilen geprägt sein wird? Oder bedeuten die auf Soundcloud geborenen Synthesizer-Beats, die sofort auf Tumblr geteilt werden, dass die nächsten Jahre von einem Mix aus Bucket Hat, Bindis und nackten Brüsten geprägt sein werden? Ich vermute eine Mischung aus beidem und unsere internetaffine Magpie-Generation wird mit Sicherheit Referenzen aus jedem Musikgenre einmischen. Mode und Musik suchen immer noch die Wunderformel, die Popkultur definiert. Während wir nicht wissen, wie die aussehen wird, wird es auf jeden Fall spannend, was die nächsten fünf Jahre für uns bereithalten werden, der Weg wird voller Likes und Shares sein. Alles ist verfügbar, da fällt es schwer, nicht davon inspiriert zu werden.

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Text: Lynette Nylander

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