im gespräch mit christopher kane

Persönlich, aber privat. Christopher Kane ist Großbritanniens Stardesigner, den auch nach Jahren im Geschäft noch immer ein Geheimnis umgibt.

von Anders Christian Madsen
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15 Juli 2015, 12:50pm

Es ist der erste heiße Tag des Jahres, eine Frau zieht ihre Bahnen im Pool vom Shoreditch House und am Rand reihen sich eingeölte Männer auf Liegen. „Womit verdienen diese Leute ihr Geld?", fragt Christopher Kane lachend und verdreht eifersüchtig seine Augen. Er hat sich eine Stunde außerhalb seines Studios genehmigt und der blaue Kaschmir-Pullover verrät, dass sein Terminkalender so vollgepackt ist, dass er glatt den Sommeranfang vergessen hat. Das kann schon mal passieren, wenn man zu den weltweit gefragtesten Modedesignern gehört, wenn der Mehrheitseigentümer am eigenen Label seit 2013 Kering heißt und einen Flagship-Store auf der Londoner Mount Street betreibt. „Als der Store eröffnete, dachte ich nur ‚Schließ die Tür!'. Es war schräg", gibt Christopher Kane zu. Trotz der ganzen Aufmerksamkeit, fühlt er sich nicht wie ein Star. In einer Branche, in der Modedesigner Selfies auf sozialen Plattformen posten und auf Magazin-Cover abgelichtet werden, wirkt Kanes Desinteresse am Scheinwerferlicht rebellisch. „Ich war noch nie diese Person. Ich stehe nicht auf Narzissmus. Ich glaube, dass es ein Fluch ist", sagt er. „Für mich geht es heutzutage wieder mehr darum, ein Geheimnis zu sein."

Seit seinem Abschluss am Central Saint Martins sind fast zehn Jahre vergangen. Was danach folgte, ist eine Geschichte aus der Mode-Traumfabrik: Der Job bei Versace, das Lob der Kritiker und der Verkauf an Kering sprechen für sich. Dennoch hat es der 32-jährige Modedesigner geschafft, zu den zurückgezogensten Stardesignern der Branche zu gehören. Bekannt ist, dass er aus Newarthill in Schottland stammt, das Geschäft gemeinsam mit seiner Schwester Tammy führt und 52 Leute bei seinem Label beschäftigt sind. Aber das war es dann auch schon. Mehr ist nicht über ihn im Internet zu finden. „Modedesigner zu sein bedeutet für mich", sagt er und hält inne. „Ich möchte einfach nur, dass es um die Kleidung geht. Ich möchte nicht, dass die Leute wissen, wohin ich in den Urlaub fahre, weil ich Urlaub mache, um mich zu entspannen - und nicht, um Selfies zu machen." Getreu seinem Vorsatz ist sein öffentliches Profil so professionell wie sein Label kommerziell wasserdicht ist. Was denkt er über Modedesigner wie Olivier Rousteing, die ihr Privatleben im Internet ausbreiten, um neue, globale Zielgruppen anzusprechen? „Ich denke, dass Olivier etwas Besonderes ist. Er macht das schon ganz gut. Daraus entwickelte er seine Welt und wurde zu seiner Marke. Aber möchte ich das? Nein. Interessiert mich das? Nein. Habe ich die Zeit dafür? Nein."

Für jemanden, der seine Privatsphäre liebt, hatte Christopher Kane ein außergewöhnlich öffentliches Jahr. Nachdem seine geschätzte Mentorin und Freundin, die Professorin Louise Wilson, im Mai 2014 plötzlich verstarb, widmete er ihr Teile seiner Frühjahr-/Sommerkollektion 2015. Im Februar 2015, in der Nacht vor der Trauerfeier für Wilson in der Saint Paul's Cathedral, starb seine Mutter Christine plötzlich und er verpasste Wilsons Trauerfeier. „Man wird erwachsen", gibt er nachdenklich zu. „Dadurch kann einen nichts mehr wirklich schocken und man wird stärker. Sie gehören zu mir. Sie haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ohne die Unterstützung meiner Mutter hätte ich die Kleider mit den Live Drawings nie umgesetzt ", sagt er und meint damit seine Herbst-/Winterkollektion 2015, deren Show nur Tage nach dem Tod der Mutter stattfand. „Sie hat mich zu dem gemacht, der ich bin, was toll ist. Und Louise hat mich geformt." Als Produkt der letzten zehn Jahre in der Modebranche steht Kane für den Neo-Feminismus innerhalb der Modebranche - eine Haltung, die er entscheidend mitgeprägt hat.

„Ich hatte immer das Glück, von sehr starken, tollen Frauen umgeben zu sein. Meine Mutter, Louise Wilson, Donatella, Sarah Mower und Anna Wintour. Ich bin mit diesen tollen Persönlichkeiten aufgewachsen, die sehr wichtig für meine Karriere waren." Wenn man das Jahr 2016 erwähnt, dann outet er sich sofort als Hillary-Clinton-Fan. „Das wäre grandios". Auf die Frage, was er von der Vorliebe der Medien für weibliche Altersdiskriminierung hält, antwortet er bestimmt: „Starke Frauen werden immer als Drachen oder Egomaninnen dargestellt. Wenn es um mich gehen würde, dann wäre der Tenor wohl ‚Oh, er ist so stark und mächtig. Er ist ein toller Typ'. Wann hört diese Ungleichbehandlung auf? Man wird mit dem Alter besser", sagt er. Er hat den Jugendwahn der Branche nie mitgemacht. „Ich möchte keinen ausgrenzen. Das würde ich nie tun. Alte Frauen können Miniröcke tragen. Die Welt wird sich weiterdrehen." Vor ein paar Jahren erfuhr er, dass Cher ein Fan von ihm ist, was ihn überglücklich machte.

„Cher trug die Chiffon-Bikerjacke. Sie hatte sie in Maxfield bekommen. Wir schickten ihr das Frankenstein-T-Shirt. Es ist Cher! Sie kann alles haben, was sie möchte", sagt er. „Sie umgibt ein Geheimnis. Das liebe ich an ihr. Sie gibt lustige Kommentare von sich, aber sie ist immer unerreichbar. Reserviert". Das ist eine Eigenschaft, die er auch an einer anderen Kundin - Britney Spears - mag. Britney stand zwar nicht immer ganz oben auf der Star-Wunschliste von Designern, aber Kane ist Spears-Supporter (und letztlich auch der König der Subversion ist). „Sie ist eine Ikone. Sie wird immer eine sein. In einigen Augen vielleicht geschmacklos, aber ich glaube, dass sie unser Erbe ist. Britney ist Britney. Sie ist wie Madonna oder Cher. Diese Frauen sind nicht fake, diese Frauen sind Stars." Das passt zur Stimmung unter britischen Designern, die Stolz darauf sind, die kulturellen Phänomene ihrer Zeit zu feiern, auch wenn diese Phänomene nicht von allen als hochkulturell eingestuft werden. Gepaart mit seinem ausgeprägten Verständnis für das Geschäft, hat er daraus etwas kommerziell Verwertbares geschaffen, und das in einer Branche, die für manche Designerkollegen aus London kein einfaches Pflaster war.

„Zu wissen, dass es so viele talentierte Modedesigner gibt, die kein Gehör finden, ist schon ziemlich hart. Als ich vor zehn Jahren anfing, gab es noch nicht so viele Kollektionen. Wir mussten nur zwei pro Jahr entwerfen. Von jungen Modedesignern wird heute dies, das und jenes erwartet, so funktioniert es aber nicht. Ich habe schrittweise Resort- und Pre-Fall-Kollektionen hinzugefügt, das war ein natürlicher Prozess und es war immer meine Entscheidung. Jetzt erwarten die Leute alles: Handtaschen, Schuhe - es herrscht ein enormer Druck", sagt Kane. Der Modedesigner gibt zu, dass der Verkauf der Mehrheit der Marke an Kering ihm die Freiheit einbrachte, sich auf den Aspekt des Jobs zu konzentrieren, nach dem sich auch junge Modedesigner zwischen all dem Geschäftsaufbau, den Finanzgeschäften und der ständigen Notwendigkeit, kommerziell zu sein, sehnen. „Es ist so viel besser, wenn man nicht mehr alles tun muss. Ich kann mich darauf konzentrieren, kreativ zu sein. Davor haben wir Jeans, T-Shirts und den ganzen Blah-Blah gezeichnet, aber jetzt tun das Leute für uns. Und das ist gut", lächelt er.

@christopherkane

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Credits


Foto: Alasdair McLellan
Text: Anders Christian Madsen
Styling: Francesca Burns
Haare: Duffy at Streeters London für Vidal Sassoon
Make-up: Frank B at The Wall Group
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Matthew Healy
Stylingassistenz: Saranne Woodcroft
Make-up-Assistenz: Megumi Onishi
Haarassistenz: Ryan Mitchell
Executive Producer (Nicht am Set): Lucy Johnson
Produzentin: Leone Ioannou at Pony Projects
Produktionsassistenz: Oscar Correcher, Louis Fernandez 
Location Manager: Chris Geair
Nachbearbeitung: Output Ltd
Model: Anna Ewers at Storm
Anna trägt ein Kleid von Christopher Kane. 

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