jung, schwanger und stolz: diese waliserinnen geben teenager-schwangerschaften ein neues gesicht

Für ihre Fotoreihe „Be Still, My Heart“ hat die italienische Fotografin Marta Giaccone vier Monate lang intime Porträts von jungen Müttern geschossen, die sie auf der Straße in walisischen Newport getroffen hat.

von Alice Newell-Hanson
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08 Juni 2016, 2:45pm

„Ich habe meinen Master in Wales gemacht und sehr bald die ganzen jungen Frauen mit ihren Babys in der Stadt bemerkt", sagt die italienische Fotografin Marta Giaccone. „Anfangs dachte ich, dass es die Babysitter oder älteren Schwestern sind, dann habe ich aber schnell gemerkt, dass es die Mütter sind." Die Fotografin machte einen Plan und setzte sich ein Ziel: Jeden Tag wollte sie drei Girls ansprechen, die ihr auf der Straße mit einem Kinderwagen entgegen kamen.

Marta war vor zuvor Praktikantin bei der legendären, aber leider verstorbenen, Fotografin Mary Ellen Mark in New York: Sie hat in ihrem Studio mitgearbeitet und die Prints archiviert. Nachdem sie wieder in Italien war, wusste sie, dass sie einen Abschluss in Fotografie ins Auge wollte: „Ich hatte mir bis dahin alles selbst beigebracht", sagt sie mir am Telefon aus Mailand. „Dabei hätte ich auch einfach meinen Vater fragen können, er ist Fotograf."

Newport in Wales empfand sie als sehr grau—genau wie ihre Heimatstadt Mailand. In Italien wird Fotografie nicht an Universitäten gelehrt und als sie ihr Abschlussprojekt gefunden hatte, war sie fasziniert von den unterschiedlichen Leben in der südwalisischen Stadt. Ich glaube, viele der Mädchen, die ich angesprochen habe, dachten, dass ich verrückt bin", sagt sie lachend. „Einige haben zugestimmt, aber dann nicht mehr auf meine Nachrichten reagiert. Aber 25 bis 30 von ihnen haben mitgemacht. Ich bin dankbar, dass sie es getan haben. Sie haben mich in ihre Wohnungen gelassen und wir haben stundenlang miteinander gesprochen.

In ihrer Serie Be Still, My Heart dokumentiert sie die jungen Frauen mit ihren Kindern in deren Wohnungen. Einige der jungen Frauen haben ihre Kinder bekommen, als sie 16 waren und noch zur Schule gegangen sind. „Viele haben mir gesagt, dass sie doch genauso Eltern seien wie andere Eltern auch", erinnert sich Marta. Aber ihre Fotos von den Jugendzimmern, wo Klamotten herumliegen und Bandposter an der Wand kleben, erzählen auch von einer komplizierteren Coming-of-Age-Geschichte—in einem Land mit der vierhöchsten Schwangerschaftsrate unter Teenagern in Europa.

Warum, denkst du, wollten die jungen Frauen mitmachen?
Bei einigen war es so, dass ich das Gefühl hatte, dass sie darauf gewartet haben, mit jemandem zu sprechen. Anfangs waren sie schüchtern. Aber als ich sie dann besucht habe, gab es nur mich, sie und das Baby, manchmal auch den Freund. Es war sehr intim. Und ich glaube, sie waren offen, weil sie gesehen haben, dass sie mir nicht egal sind. Denn niemand hatte sie vorher nach ihrer Geschichte gefragt.

Die Schwangerschaftsrate unter Teenagern ist in Großbritannien sehr hoch. Es gibt noch viele Vorurteile. Die jungen Frauen waren immer im Verteidigungsmodus. Aber sie sind auch sehr stolz auf alles. Sie haben mir alle gesagt, dass sie natürlich die Schwangerschaft nicht geplant hatten, aber dass es nun mal passiert sei. Sie würden daran nichts ändern wollen. Kinder zu haben, hat ihr Leben zum Besseren verändert. Viele von ihnen haben sogar gesagt, dass ihre Kinder ihre letzte Rettung gewesen seien. Das war sehr überzeugend.

Ich für meinen Teil war ernsthaft daran interessiert, weil die italienischen Frauen ihre Kinder viel später bekommen. Meine Eltern haben mich bekommen, als sie viel, viel älter waren. Das ist für mich eine ganz andere Welt. Ich habe aber keine Vorurteile, wieso sollte ich auch? Es war interessant, mehr über das Leben dieser Frauen, die so anders sind als ich, herauszufinden.

Sind viele der Mädchen noch zur Schule gegangen?
Einige arbeiten, einige haben Partner, die arbeiten, wieder andere erhalten Stütze vom Amt. Und einige arbeiten und gehen gleichzeitig zur Schule, was toll ist.

Welche Art Unterstützung bekommen sie von ihren Freunden und Familien?
Einige wohnen noch zu Hause und ihre Eltern helfen ihnen bei der Erziehung. Fast alle haben aufgehört, feiern zu gehen. Viele haben mir gesagt, dass sich ihre Prioritäten geändert hätten: ‚Ich gehe nicht aus. Das bedeutet leider auch, dass ich all meine Freunde verloren habe. Ich fühle mich nicht mehr so alt wie ich bin, sondern viel älter.' Mit 16 oder 18 Jahren haben sich viele orientierungslos gefühlt. Dass sie ein Kind bekommen haben, hat ihnen wieder eine Struktur gegeben, auch wenn sie am Anfang Angst davor hatten. Aber jetzt sind sie stolz und stark. Ein paar haben zu Hause Gewalt und Missbrauch erlebt. Bei einem Mädchen hat deren Mutter tatsächlich das Baby gestohlen. Sie haben vor Gericht um das Sorgerecht gestritten. Es war verrückt.

Warum ist die Teenie-Schwangerschaftsrate so hoch?
Alle walisischen Kids, die ich auf der Straße angesprochen haben, wussten nichts mit ihrer Zeit anzufangen. Sie hatten gerade die Schule beendet. Sie haben abgehangen und getrunken. Genau diese Frage habe ich auch einem der Mädchen und ihrem Freund gestellt. Ihre Antwort: ‚Wir tun einfach das, was wir tun. Wir haben Spaß und denken erst später über die Konsequenzen nach.'

Interessanterweise warten viele der Mädchen bis ihre Kinder ein Jahr alt sind, damit sie bei den Großeltern bleiben können, und fangen dann mit dem College an. Viele von ihnen studieren Gesundheitswesen und Soziale Arbeit. Ich fand es schön, dass sie nach ihrer eigenen Schwangerschaft auf andere Kinder aufpassen wollen. Die Schwangerschaft hat ihre Perspektive total verändert. Ich habe eine 17-Jährige getroffen, die eine Kita gegründet hat. Viele der Mädchen haben selbst viele schlechte Erfahrungen mit ihrer Familie oder dem Ex-Freund hinter sich, jetzt fühlen sie sich endlich sicher. Sie haben jemanden, der sie braucht und das macht sie stärker.

Kommen die Mädchen selbst aus Familien mit Teenie-Eltern?
Ja, definitiv. Bei vielen Mädchen waren die Eltern selbst Teenager, als sie geboren wurden. Viele der Großmütter und Urgroßmütter sind noch so jung.

Was denken die Mädchen über die Fotos?
Die meisten empfanden die Bilder als ernst, weil die einzige Anweisung, die ich ihnen gegeben habe, war: nicht lächeln. Ich wollte, dass die Bilder an die Madonna mit Kind erinnert—und die Madonna lächelt nie. Sie ist stolz und mutig. Ein paar haben sich für die Fotos bedankt, aber es war ihnen auch egal, weil sie sowieso jeden Tag Selfies machen! Sie haben bereits so viel Bilder von sich selbst.

martagiaccone.com

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Marta Giaccone

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