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ein coming-of-age-drama für junge frauen von frauen, aber dank männern erst ab 18

Du gehst vielleicht durch denselben Scheiß wie die Protagonistin Minnie Goetze, aber das heißt noch lange nicht, dass du alt genug bist, dir deine Seelenverwandte auf der Kinoleinwand anzuschauen.

von Francesca Dunn
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05 August 2015, 7:45am

Trotz einer Beschwerde wurde der Berlinale-Liebling „The Diary of a Teenage Girl" mit Kirsten Wiig und Alexander Skarsgårdin in Großbritannien erst ab 18 freigegeben. Geschrieben, produziert und unter der Regie von Frauen für junge Frauen entstanden (eine Seltenheit), wurde der Film von einem Panel angeschaut und beurteilt, das fast ausschließlich aus Männern bestand. Dank der Ansichten von einer Handvoll Leute, die null Erfahrung damit haben, was es bedeutet, eine heranwachsende Frau zu sein, müssen junge Frauen warten bis sie die Hürden und Probleme ihrer Teenager-Jahre überstanden haben, bevor sie sich diesen wirklich längst überfälligen Film anschauen dürfen. Und damit wird das Teenagerinnen-Dasein nochmal zusätzlich um eine Prise Beschissenheit angereichert.

Jeder, der den Film sieht, wird sich in Bel Powley als Minnie Goetze verlieben. Minnie ist die 15-jährige angehende Cartoonistin, mit der wir befreundet sein wollen. Wir schauen ihr dabei zu, wie sie in ihren Clog Wedges durch das San Francisco der 1970er spaziert und sich durch die Stadt und ihre Pubertät kämpft. Hätte es diesen Film schon vor zehn Jahren gegeben (als wir jung waren), hätten wir uns mit Minnie identifizieren und von der Entdeckung ihrer Sexualität lernen können, so wie wir unsere eigene entdeckt haben. Es ist wirklich eine Schande, dass die Mehrheit der Jugendlichen - um die es ja gerade in dem Film geht - in Großbritannien nicht in der Lage sein wird, diesen Film im Kino anzuschauen.

Wahida Begum von Vertigo Films, dem Verleiher in Großbritannien, glaubt, dass das Panel die Message des Films gar nicht verstanden hat: „In dem Film wird die weibliche Sexualität offen, ehrlich und auf nicht ausbeuterische Art und Weise thematisiert. In einer Zeit, in der junge Frauen nach wie vor ständig sexualisiert und objektiviert werden, sendet The Diary of a Teenage Girl eine äußerst positive, ermutigende Message an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und Körperwahrnehmung." Dem stimmen wir voll zu. Das Heranwachsen eines Mädchens wird so oft in Filmen mit einer männlichen Perspektive gezeigt. Uns Mädchen wird beigebracht, dass nur Jungs Sex haben wollen und dass Mädchen dem nicht nachgeben sollen, um nicht als die karikaturenhafte Schlampe aus den Filmen zu gelten, die einen schlechten Ruf hat und nicht als Ärger bedeutet. 

„Niemand zeigt Mädchen, wie es ist, wenn sie Sex haben wollen. Was ist, wenn du eine Teenagerin bist, die Sex haben will? Wenn das so ist, wird dir heutzutage immer noch vermittelt, dass du ein Freak sein muss, weil alles, was man jemals gelesen oder gesehen hat, einem sagt, dass man keinen Sex haben wollen soll … und das stimmt einfach nicht", erklärt Regisseurin Marielle Heller. „Für Jungs gibt es so viele Beispielfilme, in denen ihnen die Message vermittelt wird, dass alles, was sie sexuell fühlen, normal ist. Und für Mädchen gibt es nur dieses beschränkte Angebot: Du musst deine Jungfräulichkeit beschützen, die Jungs werden versuchen, sie dir zu nehmen. Als Mädchen wurden wir lange Zeit so trainiert, uns mit einem männlichen Protagonisten zu identifizieren, ihre Geschichten mitzufühlen und uns in sie hinein zu versetzen. Es gibt keinen Grund, wieso wir uns nicht auf dieselbe Art und Weise mit Protagonistinnen identifizieren sollten. Sexualität ist etwas, was Mädchen und Jungs betrifft, also sollten beide Seiten dargestellt werden. Die Geschichten von Frauen sollten genauso erkundet und gefeiert werden."

Zwar wird Minnies Sexualität zufällig durch eine Begegnung mit dem Freund ihrer Mutter (Alexander Skarsgård) geweckt, aber The Diary of a Teenage Girl ist kein Film über Pädophilie, sondern ein Film über eine Teenagerin in der Pubertät und über all das, was damit zusammenhängt. Mutigerweise vertritt der Film den Standpunkt, dass auch Mädchen Sex mögen können und dass dieses angebliche Phänomen mehr als nur akzeptabel ist. Was die Nacktheit, die in der Einstufung beanstandet wird, betrifft: Letztlich geht es nur um eine Szene, in der Minnie nackt vor dem Spiegel steht und sich die Änderungen ihres Körpers anschaut. Wenn dann Filme mit einer männlichen Perspektive wie Superbad und Beim ersten Mal ab 16 bzw. 12 und Coming-of-Age-Klassiker wie Eiskalte Engel (ab 16) und Almost Famous - Fast berühmt (ab 12) freigegeben wurden, dann erscheint die britische Klassifizierung The Diary of a Teenage Girl ab 18 noch lächerlicher, besonders wenn man berücksichtigt, dass Filme wie Fish Tank und Der Vorleser, die fast dieselben Themen behandeln, in Deutschland ab 12 und in Großbritannien ab 15 freigegeben wurden.

Über die ehrlichen, sexuellen Gefühle von Teenagerinnen wird im Fernsehen oder auf der Leinwand kaum gesprochen. Vielleicht waren die Männer vom britischen Pendant zur FSK, die BBFC, ja deswegen verwirrt oder hatten sogar Angst vor der Idee, diese Gefühle einem jungen Publikum zu zeigen. Zwar darfst du mit 16 bereits legal den Sex haben, den du willst, stell' dich aber darauf ein, dass du die Repräsentation davon auf der großen Leinwand erst zwei Jahre später sehen darfst. Die einzige Erklärung für so einen falsch informierten Entscheidungsprozess der BBFC kann nur darin liegen, dass die den letzten Satz in Minnies Tagebuch zu wörtlich nahmen: „This is for all the girls when they have grown" … in echt, bis sie 18 sind. Was für ein Scheiß.

Fight the Power, Ladys!

The Diary of a Teenage Girl soll am 24. September 2015 in die deutschen Kinos kommen.

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