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ronald van der kemp: der radikale niederländische designer, der frischen wind in die haute couture bringt

Triff den Designer, dessen Jacke Kate Moss unbedingt haben musste.

von Rory Satran
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18 August 2015, 11:15am

Die Modemüdigkeit ist real. Nach hunderten Fashionshows, tausenden Pressemitteilungen über den nächsten Designer, den man sich unbedingt merken sollte, und Besuchen in Showrooms in unter 5 Minuten, fragt man sich, ob man Mode überhaupt noch mag; geschweige denn, ob man Mode noch auf dieselbe Art und Weise liebt wie als Teenager liebt. Dann sieht man ein Foto von einem Ronald Van Der Kemp-Look aus der diesjährigen Juli-Haute Couture-Saison und das Gefühl ist plötzlich wieder da: Die Liebe zur Mode ist zurück.

Der Look besteht aus einer türkisfarbenen, gepunkteten Bluse, die zum Hals hin zugeknöpft wird, aber komplett durchsichtig ist (erinnert sehr an YSL aus den 70ern, frech und schön) und einem bodenlangen schwarz-weißen Kilt. Wie mit allen „Demi-Couture"-Designs des niederländischen Designers der letzten beiden Kollektionen, die er in dieses Jahr in Paris zeigte, sind seine Outfits gleichzeitig vertraut (hergestellt aus Vintage-Stoffen) und doch frisch und neu. Sie vermitteln ein Hochgefühl, ähnlich wie das Gefühl, das Marc Jacobs zu seinem Kommentar auf Instagram inspiriert hat: „Ich LIEBE diesen Look und die Kollektion ist fantastisch. Bravo @ronaldvanderkemp."

Van der Kemp arbeitet mit seinem Bauchgefühl. Er kauft seltene Stoffe und Vintage-Pieces und fügt sie zu neuen Kleidungsstücken zusammen, die man hinterher nicht mehr missen möchte. „Ich glaube, dass ich ziemlich chaotisch bin", sagt er, als wir uns in New York treffen. „Ich ging die Dinge immer auf eine perfektionistische Art und Weise, woran ich immer scheiterte. Zum ersten Mal habe ich jetzt die Unvollkommenheit akzeptiert. Ich glaube, dass es ebenfalls zu schönen Ergebnissen führen kann. Ich habe das Motto: Perfektion existiert nur digital. Man kann sehen, dass ein Mensch Hand an die Kleidung gelegt hat." So wie bei der Patchwork-Jeans mit der amerikanischen Flagge und dem Pelzmantel, den Marc Jacobs so gut findet. Das sind Kleidungsstücke mit einer gewissen musealen Qualität, die jedoch über einen sehr persönlichen Touch verfügen.

„Ich bin ein intuitiver Typ", sagt Ronald. „Vielleicht ist das mein Talent." Er erzählt uns von der Pelz-/Lederjacke, die Kate Moss umbedingt haben wollte: „Anfangs war es ein Pelzmantel und eine Lederjacke. Aber ich mochte den Pelzmantel und die Lederjacke nicht. Also habe ich beide zusammengefügt und am Ende wurde daraus etwas viel Interessanteres."

Kate bekam die Jacke von Inez Van Lamsweerde, die Fotografin besuchte zusammen mit Ronald die Kunsthochschule und sie gehört zu den größten Unterstützern des Designers. Er lud Inez und Vinoodh ein, sich die Kollektion in Amsterdam anzuschauen, bevor er sie zum ersten Mal in Paris zeigen sollte. Sie „begeisterten sich sofort für die Kollektion", was ihn noch mehr motivierte, weil „sie schon alles gesehen hatten".

Die Kleidung ist Teil seiner größeren Mission. Nach 25 Jahren, in denen er für Häuser wie Courreges, Bill Blass, Guy Laroche und Celine gearbeitet hat, erdachte der niederländische Designer Luxus neu, dieses Mal jedoch aber nach seinen eigenen Regeln. Er sieht sich selbst als Alternative zu den massenkompatiblen, Social-Media-getriebenen und von einer Umsonst-Einstellung geprägten Luxuslabels. 

Die Wiederverwertung Stoffen ist eine Reaktion auf die Verschwendung im Markt. „Ich versuche, keine neuen Stoffe zu bestellen, weil ich das Gefühl habe, dass es bereits mehr als genug gibt", sagt Ronald. Er besorgt sich exotischere Tierhäute wie Wasserschlange, Alligator und Python von einem Handtaschenhersteller. „Diese Tiere sind tot und anstatt sie in den Müll zu werfen, mache ich lieber etwas mit ihnen. Zumindest respektiere ich sie so weit, dass ich sie nicht in den Müll werfe."

Begrenzte Verfügbarkeit von Materialien hat auch seinen Vorteil: Exklusivität. Der Designer interessiert sich für die Blütezeit der Mode in den 70ern und 80ern mit Designern wie Valentino, Saint Laurent und seinem früheren Mentor Bill Blass. „Ich hatte einfach das Verlangen, Dinge zu entwerfen, die wirklich schön sind, so wie sie früher waren", sagt er. „Das treibt mich an: Schöne Kleider mit einer gewissen Sentimentalität zu entwerfen." Diese schönen Kleider werden mithilfe einer beeindruckenden Anzahl an Helfen in Amsterdam produziert, angefangen vom Atelier, das normalerweise Ballett- und Opernkostüme produziert, bis hin zum Schneider alter Schule, der noch selbst Knopflöcher sticht.

Wo kann man diese originellen Kreationen erwerben? Bis jetzt noch nirgends. Ronald hat schon mit Händlern gesprochen, aber er hat es nicht eilig: „Das ist momentan keine Priorität." Die beiden ersten Kollektionen hat er selbst finanziert. Momentan ist seine Priorität, etwas Zweckfreies zu entwerfen, etwas außerhalb des Modesystems. „Ich mache mein eigenes Ding. Ich kann es meine Art und Weise machen und ich kann sagen, was ich sagen will", sagt er uns zum Schluss. „Deshalb mache ich das Ganze".

Credits


Text: Rory Satran
Alle Fotos: Marijke Aerden