Foto: Lexie Smith by Eric Oglander; alle andere Bilder: © Lexie Smith

Lexie Smith will ein neues Wikipedia erschaffen – nur eben für Brot

Wir stellen dir die Künstlerin vor, die gerne backt und aus Brot Kunst kreiert.

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19 Dezember 2018, 12:09pm

Foto: Lexie Smith by Eric Oglander; alle andere Bilder: © Lexie Smith

Wenn du an Brot denkst, ist das Wort Kunst nicht unbedingt das erste, das dir dabei in den Sinn kommt. Aber nur, weil du bisher vielleicht noch nicht von Lexie Smith gehört hast oder ihren Bread On Earth Instagram-Account entdeckt hast. Ihre Arbeit in einem einzigen Satz zu beschreiben, ist erwartungsgemäß schwierig, aber wir versuchen es trotzdem einmal: Essbare Installationen, Skulpturen und Prosa mit und über Brot.

Die New Yorker Künstlerin nutzt Essen aber nicht nur als Medium, sondern auch für kulturelle Zwecke. Für Smith gibt es nämlich kaum etwas, das mehr über eine Gesellschaft verrät, als die Art wie sie sich mit Brot beschäftigt – oder eben nicht. "Brot beinhaltet ein riesiges Spektrum menschlicher Erfahrungen", sagt sie selbst.


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Smith hat sich bereits als Kind fürs Backen interessiert und sich nach dem College mit diversen Restaurant-Jobs über Wasser gehalten, bis sie auf die Idee kam, Brot zu backen und daraus Kunst zu machen. Aber gehe auf keinen Fall davon aus, dass sie ihre Einzelstücke verkauft. "Für mich ist wichtig, keinen Abfall zu produzieren und diesen Produkten, die ich mit meinen Händen kreiere, kein Ego anzuheften", erklärt sie weiter. "Wenn es nach mir ginge, würde ich den ganzen Tag nur natürlich gesäuertes Fladenbrot über einer offenen Flamme backen." Oder mit Samuel spielen, ihrer Schlange.

Was Smith von Gluten hält und was es mit ihrem nächsten geheimnisvollen Projekt, ein Wikipedia für Brot, genau auf sich hat, erfährst du hier.

lexie smith artist

Was fasziniert dich so an Brot als Ausdrucksmedium?
Ich habe angefangen mit Brot zu arbeiten, weil ich mir in der Welt des Backens bereits einen Namen gemacht hatte. Doch eigentlich war das eine Szene, in der ich mich nie wohlgefühlt habe oder in der ich überhaupt sein wollte. Das soll kein Diss gegen die großartigen Bäcker sein, aber ich habe mich immer gefragt, wie ich da gelandet bin. Ich habe das Backen immer geliebt, aber der Grund, warum ich es gemacht habe, war das Geld. Anfang 20 war ich stark involviert in der hippen Downtown Kunstszene und plötzlich hatten alle um mich herum ein Studio, waren Künstler – und das obwohl sie teilweise erst 18 Jahre alt waren. Das schüchterte mich ein, obwohl es eigentlich immer das war, was ich machen wollte. Kunst aus Brot zu schaffen, ist sehr befreiend. Ich musste ihm keine Struktur oder Ästhetik aufzwingen. Brot ist so universell, aber auch ein sehr vertrautes Symbol, das als Bindeglied zwischen Arm und Reich gesehen werden kann. Es repräsentiert die Sprache und Wirklichkeit von Geld, allein in der Färbung des Brots, und ist gleichzeitig ein treffendes Symbol für die bäuerliche Gesellschaft.

Heutzutage hat man auch das Privileg, zu wählen, kein Brot zu essen.
Genau. Wenn du dir die Unterschiede zwischen der "Dritten Welt" und Amerika ansiehst, wie Brot in der Kunst und Kultur repräsentiert wird, was impliziert das dann über die Freiheiten, die wir uns erlauben? Es ist ein ziemlich geniales Barometer, um soziale Veränderungen zu erkennen. Das könnte man wahrscheinlich auch über Sand oder Farbe sagen, wenn du einen Abschluss in Kunstgeschichte hast und dir genug Bullshit zu jeder Situation einfällt. Aber das Ding mit Brot ist, dass es fast jeder liebt. Damit hat auch alles angefangen: Ich mag Brot einfach so sehr und habe begonnen, meine Liebe auch online zu teilen – die Reaktionen darauf waren wirklich überraschend.

Glaubst du, dass "Food Art" – oder eben Brot – einen Platz in der Industrie findet?
Neuerdings sehe ich auf vielen Bildern, dass Nahrung als Requisite eingesetzt wird. Es ist dieses super trendy Accessoire oder sogar Kunstwerk geworden. Dennoch glaube ich, dass das eine recht leere Geste ist und eine große Verschwendung indiziert. Ich würde nie Brot machen, wenn es nicht dem Zweck dient, Menschen zu sättigen. Und würde es auch nie als ein Accessoire nutzen, um mehr Likes auf Social Media zu bekommen.

lexie smith artist

Das ist echt komisch, Nahrung ist plötzlich ein Like-Magnet. Brot ist out und Bacon in. Genauso wie mit Avocados.
Es gab eine Zeit, in der Fett böse war. Bacon und Avocados wären direkt vom Tisch geflogen. Aber jetzt ist es vor allem das Brot! Wo die Reichen hingehen, da folgt auch bald der Rest, dann ziehen die Reichen weiter zum nächsten Ding – so funktioniert unsere Welt. Das wird wahrscheinlich irgendwann auch der "glutenfreien" Industrie passieren, momentan ist sie aber gigantisch. Eine Milliarden-Dollar-Industrie, die auf Produkten fundiert, die viel schädlicher für deinen Körper sind als Brot. Doch jeder sucht heute nach einem Wunderheilmittel. Oder eben einem Sündenbock. Trotzdem ist es wichtig, zu hinterfragen, woher diese Idee überhaupt kommt. Wen oder was wir tatsächlich beschuldigen sollten, anstatt Brot, das die Zivilisation seit 1400 Jahren erhält.

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Worum geht es in deinem Projekt Bread On Earth ?
Momentan lebt es auf einer Website, aber es ist auch ein Projekt, dass die Grundlage für all meine weiteren Untersuchungen sein wird. Mein Endziel ist eine Art "Bread Web". So etwas wie eine navigierbare Landkarte, die wie ein Guide funktioniert, der dir zeigt, welche Brotsorten auf der Welt existieren. Bisher habe ich nichts dergleichen entdeckt, doch die Möglichkeiten wären endlos. Falls du also ein Brot in Rumänien hast, das einem aus Georgien sehr ähnelt, könntest du die Gemeinsamkeiten und Unterschiede kennenlernen – so würde ein ganzes Netzwerk entstehen. Meine Idee ist eine Datenbank, um die globale Kultur miteinander zu verbinden.

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Also quasi ein Wikipedia für Brot?
Genau. Bisher waren die Reaktionen auf meine Arbeit mit Brot unglaublich und überraschend, dafür bin ich sehr dankbar. Brot ist das Einzige, mit dem ich mich bisher so lange beschäftigt habe. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl ein paar Schritte zurückzugehen und meine Arbeit zu schützen, weil ansonsten die Gefahr besteht, eine Karikatur deiner selbst zu werden, à la "Das ist die Brot-Lady. Kannst du dieses Brot neben dein Gesicht halten?". Ich musste mich daran zurückerinnern, was mich an diesem Medium so angezogen und inspiriert hat. Aber irgendwie komme ich immer wieder zurück zum Brot, egal woran ich arbeite.

@bread_on_earth

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.