Solltest du wirklich Mode in Berlin studieren?

"Viele Menschen hier sind unterbeschäftigt, sitzen in Bars und sprechen von Projekten, die niemals stattfinden werden."

von Mahoro Seward
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24 Oktober 2018, 2:08pm

Foto: Nicolas Stephan Fischer

Schon lange steht Berlin im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit. Und genauso lange verpasst die Stadt auch ihre Chance auf den großen Durchbruch. Immer wieder. Sie könnte etwas ganz Großes werden, doch kommt es scheinbar nie zu dem finalen Schritt. Dabei hat Berlin echtes Potential, den Status Quo der Modeindustrie neu zu kalibrieren und die Heimat spannender Designer zu werden, die international für Wellen sorgen. Ist jetzt endlich die Zeit gekommen?

"Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Designs hier sehr auf Sicherheit bedacht sind", erzählt Cissel Dubbick. Sie steht kurz vor ihrem Abschluss an der Kunsthochschule Weißensee, neben der Universität der Künste (UdK) eine der zwei großen Modeinstitutionen Berlins. "Vielleicht liegt das an der Freiheit, die uns meine Uni gibt. Sie ist nicht so strikt wie andere Schulen – das kann allerdings auch zu weniger Kreativität führen. Manchmal musst du eben so richtig angetrieben werden, um dein volles Potential ausschöpfen zu können." Eine Aussage, die man in dieser grenzenlosen Stadt häufig hört. Denn Freiheit bringt oft auch Strukturlosigkeit mit sich. Sie birgt stets die Gefahr, statt Karriere zu machen, im Hedonismus der deutschen Hauptstadt unterzugehen und sich in der Riege der kreativen Köpfe einzureihen, die nur mit ihrer Kunst niemals überleben können. Wie sagt man so schön? Eine Medaille hat immer zwei Seiten?

Fashion Design Berlin Newcomer Modestudium Berlin
Foto: Isabelle Oestlund

Dabei kann nicht behauptet werden, dass die modische Infrastruktur der deutschen Hauptstadt kein Potential hatte: In den Zwanzigern war Berlin das Zentrum der Schneiderkunst. In den folgenden Jahren, mit all ihren furchtbaren Geschehnissen, wurde die aufstrebende Industrie ausradiert und jeglicher Fortschritt, alle Entwicklungen, die die Branche zu einem prosperierenden Tiegel der Kreativität hätten machen können, zerstört. Und dann, nach dem Krieg, kam die Teilung der Stadt. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum globalen Durchbruch.

Es ist leicht zu vergessen, dass Berlin, in der heutigen Form, seit nicht einmal 30 Jahren existiert – der offizielle Geburtstag ist bekanntermaßen der 3. Oktober 1990. Aber die turbulente, düstere Vergangenheit hat der Modeszene auch etwas Gutes getan, meint Prof. Valeska Schmidt-Thomsen, Direktorin des Mode-Departments an der UdK: "Aufgrund der Historie Berlins haben wir viele Schulen, an denen Mode-Design studiert werden kann. Bei uns gibt es alles in doppelter Ausführung, einmal im ehemaligen Osten, einmal im ehemaligen Westen." So befindet sich die Kunsthochschule Weißensee beispielsweise im östlichen Gebiet der Stadt, die UdK hingegen im westlichen. Weiterhin müssen die Akademie Mode & Design (AMD), sowie die kürzlich geschlossene ESMOD, ein Ableger der renommierten Einrichtung in Paris, genannt werden. In Anbetracht der Anzahl etablierter Modeschulen, muss sich Berlin also nicht vor den großen Konkurrenten namens London oder New York verstecken.

Berlin, so könnte man meinen, ist ein Paradies für junge Modemenschen. Im Vergleich zu London oder New York sind die Lebenshaltungskosten (noch) gering. Auch elitäre Cliquen wie in Paris findet man hier nur wenige. Es ist eine freundliche Umgebung für Studierende, die durch die Humboldt Universität, die Freie Universität und die Technische Universität zu einem Hauptstandort für die akademische Entwicklung in Europa wurde. Aber vielleicht liegt hierin auch ein Problem: Schon immer war Berlin ein Zentrum für radikale und kreative Gedanken, wurde zum geistigen Brutkasten für Intellektuelle wie Luxemburg, Brecht und Benjamin – und blieb dabei eine Blase, abgeschnitten von der kommerziellen Existenz der restlichen Welt. Aber Mode, noch mehr als andere kreative Industriezweige, ist explizit verbunden mit der großen, weiten Welt.

Nicolas Stephan Fischer, der nach seinem Bachelor an der UdK an die Central Saint Martins wechselte, um seinen Master in Angriff zu nehmen, hat Ähnliches festgestellt: "Es ist ein sehr freier Ansatz, der zwar ein sicheres Umfeld für deine künstlerische Entwicklung kreiert, dabei aber manchmal das kommerzielle Bewusstsein außer Acht lässt. Man könnte Berlin so ganz gut beschreiben: ein Ort voll von endloser Kreativität, die kanalisiert werden und ein Ventil finden muss." Das merkt man auch, wenn man durch die verschiedenen Kieze spaziert. "Viele Menschen hier sind unterbeschäftigt, sitzen in Bars und sprechen von Projekten, die niemals stattfinden werden", meint Prof. Schmidt-Thomsen und bezieht sich damit auf die Bierliebhaber, die an einem Dienstagnachmittag die Terrassen der Stadt füllen. Nichts Ungewöhnliches.

Nam Nguyen, der kürzlich seinen Abschluss an der Weißensee absolvierte und Creative Director des aufstrebenden Design Kollektivs STANDARDCLOTHING ist, stimmt zu: "Wenn du eh dein eigenes Ding machen möchtest, ist es super, wenn Studierende viel Freiheit und Zeit haben. Mode ist aber mehr als pro Semester zwei Konzepte und einen Look zu erarbeiten. Du musst weiterdenken – mit dem richtigen Gespür für die Industrie. Das ist doch das Interessante daran: kreativ zu sein, aber zu wissen, wie du es effektiv gestaltest. Das habe ich auch oft mit einem meiner Lehrer diskutiert. Ich meinte, es sei lächerlich, dass bestimmte Dinge einfach nicht verändert werden könnten! Er antwortete nur, dass so die Schule eben arbeiten würde, dass sie ein gewisses Level an kreativer Freiheit anböten und wenn jemand klug genug sei, derjenige den Rest schon selbst herausfinden würde."

Modestudium Berlin Fashion Design Newcomer
Foto: Isabelle Oestlund

Das mit dem Selbst-Herausfinden haben dann scheinbar eine Handvoll Designer getan. Auch wenn die Stadt seit Jahren versucht, den Durchbruch zu schaffen und international relevant zu werden – ja, es gibt sogar eine Fashion Week in Berlin –, ist es nur wenigen Labels zu verdanken, dass sich der Ruf Berlins tatsächlich verbessert: GmbH, Ottolinger, Dumitrascu, Namilia, Nhu Duong. Sie alle haben ihren Hauptstandort in der deutschen Hauptstadt. Sie alle sind ein kontemporärer Beweis, dass Berlin vielleicht doch Nährboden für global-agierende Marken sein kann. Anstatt darauf zu warten, dass sich einflussreiche Buyer nach Berlin verirren, gehen sie einfach zu ihnen und präsentieren ihre Kollektionen in New York oder London, in Paris oder Mailand.

Könnten das die ersten Anzeichen sein? Könnte das Unvorstellbare tatsächlich eintreffen?! Lässt Berlin die fruchtlose Vergangenheit zurück und besteigt endlich den Mode-Thron? Man könnte es denken. Doch leider klafft da immer noch ein riesiger Abgrund zwischen Schein und Sein. Denn der Erfolg einiger weniger kann keine zukunftsfähige Grundlage für eine komplette Szene sein.

So sieht es auch Nam Nguyen: "Momentan ist es schwierig zu sagen, ob Brands wie Ottolinger oder GmbH überhaupt irgendwas verändern werden. Berlin war in den Zwanzigern bekannt für die Bekleidungsmanufakturen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Stadt jemals dahin zurückkehren kann. Ich habe mit vielen Produktionsunternehmen und Näherinnen in und um Berlin gesprochen, da ich gerne hier produzieren würde. Aber es geht einfach nicht! Hier gibt es zu wenig Geld, keine wiederkehrenden Kunden. Es ist immer nur für eine Saison, dann gehen die Designer woanders hin, zum Beispiel nach Polen."


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Diesem Problem widmet sich das Fashion Council Germany (FCG). Die Initiative wurde 2015 gegründet und beschäftigt sich mit der Förderung deutscher Designer – im In- und Ausland. Claudia Hoffmann, ein Mitglied des Boards zu dem auch Vogue Germany Chefredakteurin Christiane Arp gehört, sagt klar heraus: "Im Vergleich zu beispielsweise Paris, findet man in Berlin kaum Manufakturen, aber daran arbeiten wir. Wir möchten die Manufakturen zurückholen nach Berlin – oder zumindest nach Deutschland." Ein mutiges Unterfangen für eine Institution.

Doch der Einsatz des FCG reicht weiter, bis in das Feld der Bildung. Sie möchten die so häufig kritisierte Problematik angehen und endlich die Lücke zwischen der Ausbildung an den Modeschulen und den Ansprüchen des Markts schließen. "Das ist eine meiner Hauptaufgaben beim Fashion Council Germany", sagt Claudia, die Vertreterin für Educational Development. "In den nächsten fünf Jahren möchten wir ein Programm einführen, das einen erfolgreichen Austausch zwischen der deutschen Industrie und den deutschen Unis generieren soll. Für die Industrie ist es wichtig, die Möglichkeit zu haben, die talentiertesten Nachwuchsdesigner zu entdecken – kuratiert in Zusammenarbeit mit dem FCG und den diversen Schulen."

Es ist schön und bewundernswert, zu sehen, wie viel Mühe eine solch junge Institution aufbringt – alles andere wäre aber auch albern, bedenkt man, dass Deutschland eine der weltweit stärksten Verbraucherökonomien ist. Aber mit solch einem massiven Fokus auf der Förderung und der Bekanntmachung von den Studierenden, fragt man sich automatisch, weshalb nicht den Leuten, die das Wissen tatsächlich vermitteln, mehr Aufmerksamkeit zukommt. Das denkt jedenfalls Prof. Schmidt-Thomsen: "Ich hoffe, dass der FCG sich nicht nur auf die Bildungsförderung aus der Perspektive Studierender konzentriert – wir Lehrenden werden mit so vielen neuen Entwicklungen konfrontiert und wir haben keine Zeit, diese erst genau auseinander zu nehmen."

Die Modeindustrie entwickelt sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit. Kein Wunder also, dass man von den Bildungseinrichtungen erwartet, immer vorne dabei zu sein, wenn es um moderne Technologien oder Nachhaltigkeit geht – die Industrie erwartet es nämlich von den Studierenden. "Wir bräuchten spezielle Kurse von Leuten aus der Industrie, die uns helfen möchten. Ich hoffe sehr, dass der FCG auch Kurse für Lehrende entwickeln wird, das wäre unglaublich wichtig."

Modestudium Berlin Fashion Design Newcomer
Foto: Isabelle Oestlund


Wenn eines aber sicher ist, dann, dass Berlin alles hat, was es braucht, um ein einmaliges Zentrum für Mode zu werden. Die Stadt bietet eine zugängliche Infrastruktur, sich kümmernde Institute, sogar eine gesunde Bandbreite von Gallionsfiguren der Industrie. "Leute wie David Fischer von Highsnobiety oder Joerg und Maria Koch von 032c", merkt Claudia an. "Sie alle haben ihren Standort hier, ihre Reichweite aber ist global."

Und mit dem Brexit, der um die Ecke steht, kann die Stadt nur profitieren. Berlin versucht alles, was in seiner Macht steht, um das existierende Angebot attraktiver zu gestalten, um die potentielle Flut internationaler Studierender anzulocken – angefangen bei der Lockerung der strengen Anforderungen bezüglich der deutschen Sprache. "Der Brexit wird Berlin zu Gute kommen", meint Claudia selbstbewusst. "Die Stadt ist bezahlbar, sowohl was das Leben, als auch die Ausbildung betrifft. Viele junge Designer aus ganz Europa, auch aus UK, werden sich dafür interessieren, nach Berlin zu kommen. Deutsche Modeschulen rücken verstärkt ins Bewusstsein – und sie sind darauf bedacht, die bestmöglichen Programme anzubieten."

All diese verschiedenen Stränge miteinander zu verbinden, wird natürlich keine leichte Aufgabe, aber Berlin hat einen klaren Vorteil: eine reiche Anzahl Individuen und Institutionen, die begierig darauf sind, es zu schaffen. Und eine genauso große Zahl junger Designer, die ihre Stadt unterstützen möchten. "Ich kenne so viele Leute, inklusive mir, die gern in Berlin arbeiten würden. Nur leider ist es schwierig, die gleichen Möglichkeiten zu bekommen, die dir in den großen Modehauptstädten entgegen fliegen", sagt Nicolas, der momentan in Mailand lebt. "Berlin hat echtes Potential eine Alternative zu dem jetzigen Modesystem zu kreieren. Falls sich die richtige Möglichkeit auftut, bin ich im nächsten Augenblick wieder hier."

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.