© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Ein seltener Einblick in den Alltag der "Black Panther"-Bewegung

Als offizieller Fotograf dokumentierte Stephen Shames ihre revolutionären Kämpfe, die Momente der Stille und die Normalität ihres Familienlebens.

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12 Oktober 2018, 9:57am

© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Wir schreiben das Jahr 1967. Damals war Stephen Shames erst 20 Jahre alt, als er Bobby Seale traf, Gründer der Black Panthers, der ihn bat, die täglichen Aktivitäten der Bewegung zu dokumentieren. Er war es auch, der Shames seinen einflussreichsten Mitgliedern vorstellte: Huey P. Newton, Angela Davis, Kathleen und Eldridge Cleaver, Fred Hampton und Stokely Carmichael. Sieben Jahre lang war Shames der offizielle Fotograf der politischen Organisation.


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Im Gegensatz zu anderen Fotografen, die auch die Panther dokumentierten – wie Ruth-Marion Baruch oder Pirkle Jones – gelang es Shames, in die intime Privatsphäre der Organisation einzutauchen, die der FBI-Direktor John Edgar Hoover als "die größte Bedrohung für die Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten" betrachtete. Shames Fotografien werden nun im Rahmen der Power to The People Ausstellung in Lille, im Maison Folie de Moulins ausgestellt. Wir haben uns mit ihm getroffen, um über die Widerstandsbewegung, die Relevanz seiner Dokumentation und die Mutter von 2Pac zu sprechen.

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© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Wie bist du mit den Black Panthers in Berührung gekommen?
Im April 1967 gab es einen großen Aufmarsch gegen den Vietnamkrieg. Als Student an der UC Berkeley nahm ich daran teil und traf Bobby Seale. Er mochte die Fotos, die ich an diesem Tag gemacht habe und wir wurden Freunde. Er ermöglichte es mir, immer mehr Zeit mit den Black Panthers zu verbringen. Er war sozusagen mein Mentor. Zu dieser Zeit war Bobby der Leiter der Organisation, also stellte er mich allen vor. Mir war das zwar zu diesem Zeitpunkt nicht klar, aber ich war die einzige Person außerhalb der Partei, die in ihre Welt eingeladen wurde. Natürlich kann heute jeder Fotos der Black Panther auf Demonstrationen sehen, aber damals hatte niemand Zugang zum intimen Leben der verschiedenen Mitglieder der Organisation. Sieben Jahre verbrachte ich damit, die Panthers zu dokumentieren, ihren Alltag zu verewigen, wie sie sich Zuhause in der Umgebung ihrer Partner oder Kinder verhielten.

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© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Hattest du damals schon das Gefühl, dass du etwas Historisches miterleben würdest oder wolltest du einfach nur Fotos von Leuten machen, die dir wichtig sind?
Als ich der Black Panther Party begegnete, war ich gerade mal 20 Jahre alt, hatte kein spezifisches Ziel und war bestimmt nicht klug genug, meinen Ansatz intellektueller zu behandeln. Die Idee war hauptsächlich zum Teil der Bewegung zu werden. Ich dachte nicht, dass diese Fotos eines Tages in Museen ausgestellt werden... Ich sah mich als einen Revolutionär mit dem Ziel, die Black Panthers von innen heraus zu zeigen. Damals, so wie es heute noch häufig der Fall ist, haben alle Medien auf systematisch Kontroversen angezettelt. Im Gegensatz zu ihnen wollte ich täglich fotografieren, was vor sich ging und zeigen, was hinter den Kulissen passiert. Sie waren sicherlich extrem engagierte Revolutionäre, aber das hat sie nicht weniger real als Menschen gemacht – sie lebten ihr Familienleben genau wie alle anderen auch.

Warum denkst du, dass es im Interesse der Panther war, ihren Alltag und ihre Zusammenkünfte fotografieren zu lassen?
Die Panthers waren keine Protestgruppe, sondern eine politische Partei, die realisierte, dass Amerika ein Kosmos ist, in dem alles von der richtigen Kommunikation abhängig ist. Sie verstanden, dass Bilder wesentlich für ihren Ruf und die Förderung ihrer Ideen sind. Rückblickend stelle ich fest, dass dies den avantgardistischen Charakter der Partei nur noch mehr hervorgehoben hat. Zu dieser Zeit organisierten sie große Versammlungen, um qualitativ hochwertiges Essen in großen Mengen an Familien und Kinder zu verteilen. Sie waren der festen Überzeugung, man könne nicht auf leerem Magen Wissen aufnehmen, deswegen waren diese Aktionen auch ein Ausdruck ihrer Grundprinzipien. Als Präsident Johnson endlich die gleichen Maßnahmen, die die Panthers schon lange zuvor ausführten, in die Politik integrierte, war die Nahrung von der Regierungsbehörde sehr viel schlechter – einige Leute verglichen den Käse sogar mit weißem Karton...

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© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Du hast bereits erwähnt, dass die Medien durch ihre Berichterstattung der Bewegung großen Schaden zugefügt haben. Was war mit den Bestrebungen des FBIs, die versucht haben, die Organisation komplett zu zerstören?
Ich möchte keine Rassismuskarte spielen, aber es ist offensichtlich, dass alles getan wurde, um ein negatives Bild der Panthers zu inszenieren. Sie als eine gewalttätige Gruppe zu zeigen, die potenziell gefährlich für das Wohlergehen der Gesellschaft war. Es erklärt sich von selbst, dass das Bild eines bewaffneten schwarzen Mannes die Öffentlichkeit immer mehr schockierte, als ein weißer Mann, der auf die gleiche Weise gezeigt wird. Dabei hatten die Panthers doch nur ein Ziel: Gleichberechtigung. Um sich diesem anzunähern, standen sie um vier Uhr morgens auf, bereiteten das Frühstück für die Kinder in der Nachbarschaft vor, veröffentlichten eine Zeitung und entwarfen einen spezifischen Plan, um ihren Kampf zu führen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Bobby Seale eine Wahlkampagne in der Oakland City Hall durchgeführt hatte und mit mehr als 40% der Stimmen an zweiter Stelle stand! Er war ein sehr intelligenter Mann, der wusste, wie man die Organisation führte und Black Power auf den Weg des Triumphs brachte.

Du bist ein wenig von der Frage abgewichen ...
Ja, tut mir leid [Lacht]. Die Panther haben – wie alle Menschen oder Bewegungen, die versucht haben, wirkliche soziale Veränderungen herbeizuführen –, immer Wellen der Unzufriedenheit und des Misstrauens in der Bevölkerung erzeugt. Bestes Beispiel ist Martin Luther King: Er trat für den Frieden ein und trotzdem hassten ihn viele. Heute ist er eine Legende, doch damals lehnten die Leute seine Reden ab. Einige wollten ihn töten und waren letzten Endes auch erfolgreich. Die Panthers erlitten das gleiche Schicksal: Führende Persönlichkeiten wie Fred Hampton wurden im Schlaf ermordet. Das FBI erfand sogar das Programm COINTELPRO, das zur Neutralisierung politischer Gruppen engesetzt wurde, die als Bedrohung der Staatssicherheit wahrgenommen wurden. Leider war es keine Seltenheit, dass Panther bei Zusammenstößen mit der Polizei getötet wurden. Sie hatten nicht umsonst eine separate Unterkunft für ihre Kinder eingerichtet, damit nicht auch noch sie den vielen FBI-Angriffen zum Opfer fallen würden. Das gehörte leider auch zum Alltag der Parteimitglieder: ständig von den Behörden und ihren rassistischen Angriffen bedroht zu sein.

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Du hast von deiner Freundschaft mit Bobby Seale erzählt. Was kannst du denn über Huey P. Newton und Angela Davis sagen?
Ich kannte Angela Davis nicht wirklich. Ich habe sie ein paar Mal fotografiert, aber sie blieb nur sechs Monate in der Black Panther Party. Danach trat sie der US Communist Party bei. Mit Huey habe ich ein bisschen mehr Zeit verbracht. Er war sehr talentiert, unglaublich intelligent und charismatisch. Es gibt schon einen Grund, warum er die Partei zusammen mit Bobby Seale geleitet hat. Ihre Stärke war es, sich mit wirklich intelligenten Menschen zu umgeben: Stokely Carmichael, George Jackson oder Fred Hampton. Wenn Huey nicht vom FBI getötet worden wäre, würden wir heute noch viel von ihm hören...

Die Black Panther Party hatte eine sehr fortschrittliche Ausrichtung. Während Frauen noch stark mit der sexistischen Ungleichheit kämpften, bekamen sie in der Partei Positionen mit hoher Verantwortung.
Leider kann ich nicht behaupten, dass Frauen das gleiche Ansehen genossen wie Männer, aber das hat auch mit dem globalen sozialen Kontext der Zeit zu tun. Auf der anderen Seite spielten sie aber eine sehr wichtige Rolle in der Partei. Die Panthers waren eine der progressivsten Bewegungen in den Vereinigten Staaten – besonders in Bezug auf die Rechte von Frauen und der LGBT-Gemeinschaft. Damals wie heute war das kein leichtes Unterfangen. Ein Großteil der Black Community in den Vereinigten Staaten geht regelmäßig zur Kirche und bleibt deswegen häufig sehr konservativ. Aber es ist offensichtlich, dass Frauen wie Kathleen Cleaver oder Ericka Huggins genug Charisma hatten, um sich neben den Männern in der Bewegung durchzusetzen.

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© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Afeni Shakur war auch da, 2Pacs Mutter.
Ich hatte nur einmal das Glück sie zu treffen. Wir waren nämlich weder im selben Bundesstaat noch in derselben Abteilung. Aber sie war eine sehr engagierte Frau und stand einem guten Freund von mir, Jamal Joseph, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied der Panthers, nahe.

Hattest du jemals das Bedürfnis deine Kamera zur Seite zu legen und eine noch wichtigere Rolle im Kampf zu übernehmen?
Alles, was ich außerhalb der Fotografie versucht habe, hatte meiner Meinung nach weniger Relevanz als die Bilder, die ich aufnehmen konnte. Ich war Teil von Bobby Seales Kampagne in der Oakland City Hall, ich marschierte gegen den Vietnamkrieg, ich war Mitglied der Berkeley Barb, einer alternativen Zeitung. Aber meine Fotos machten es leichter eine größere Aufmerksamkeit zu schaffen. Am Ende sind sie das, was bleibt.

Selbst heute, im Jahr 2018 hat man den Eindruck, dass sich die Situation für die African-American Community nicht wirklich geändert hat...
Das ist richtig. Die meisten der von den Panthers aufgeworfenen Fragen existieren heute noch. Bobby Seale hätte vielleicht gesagt, dass Black Sitcoms der Black Community geholfen hätten, von der breiten Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, aber: die Arbeitslosigkeit innerhalb der Community in den USA ist doppelt so hoch, wie die der Weißen und jedes vierte African-American Kind lebt immer noch unter der Armutsgrenze. Und Donald Trumps Präsidentschaft wird die Situation bestimmt nicht verändern... Eine Regel der Black Panther war, niemals auf jemanden zu hören, der älter ist als 30 – und Trump ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Alles, wofür er steht, alles, was er macht, sorgt für noch mehr Hass im ganzen Land.

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© Stephen Shames, Steven Kasher Gallery

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.