Fette Sans, with Linnéa Sjöberg

Diese Künstlerin hat Fremde in ihr Zimmer eingeladen und aus den Begegnungen Kunst gemacht

Spontane Tattoo-Sessions, kreative Sleepover und nächtliche Fotoshootings inklusive.

von Juule Kay
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14 September 2017, 7:36am

Fette Sans, with Linnéa Sjöberg

"Ich mag es, Geheimnissen von Fremden im Park zu lauschen und zufällig Geschichten zu sammeln", verrät uns Fette Sans. Sie und ihre Arbeiten haben wir kennengelernt, weil die Künstlerin bis vor Kurzem für fünf Monate in der Art Residency im Hotel ZOO in Berlin zu Gast war. Ein Mal im Monat hat sie Zuschauer eingeladen, sie dort in ihrem Hotelzimmer zu besuchen und so Teil ihrer Performance zu werden. "If I can't sleep at night is it because I am awake in someone else's room?" lautete deren Titel. Heraus kam ein Collagen ähnliches Kunstwerk, in dem die multidisziplinäre Künstlerin spontane Tattoo-Sessions, kreative Sleepover und nächtlichen Fotoshootings verarbeitet. Fette Sans bedient sich dafür aus gestohlenen, echten und erfundenen Erinnerungen. Wie es sich anfühlt, wenn Fremde in dein Zimmer kommen und was das Skurrilste war, das sie in 150 Tagen Hotelzimmer erlebt hat, hat sie uns im Interview erzählt.


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Kannst du uns ein bisschen mehr über das Projekt im Hotel ZOO erzählen. Was ist das Konzept dahinter?
Ich frage mich oft, was all die Orte, an denen ich gelebt habe, gemeinsam haben. Den Winter über habe ich zwei Monate in Jekaterinburg in Russland in einer Residency im Museum für Fotografie verbracht. Als ich im November gerade Berlin verlassen wollte, habe ich gemerkt, dass ich schon wieder an meine Rückkehr gedacht habe – vermutlich habe ich an meiner Vorstellung von Heimat gezweifelt. Diesen Zweifeln wollte ich näher auf den Grund gehen. Ich bin auf das Hotel zugekommen, als ich nach einem Zimmer suchte, das auch als Art Studio funktionieren würde. Ich wusste schon damals, dass ich regelmäßig Besuchern die Türen öffnen möchte und habe viele befreundete Künstler kontaktiert, so unter anderem Andreas Reihse von der Band Kreidler, der auch die Stücke während der Performances komponiert hat. An einem Abend kam auch Linnéa Sjöberg mit ihren Freunden für eine Salong Flyttkartong Tattoo-Session vorbei. Ich habe mir von ihr das Datum dieser Nacht tätowieren lassen.

Joaz Polaroid

Jeden Monat war dein Hotelzimmer der Öffentlichkeit für kurze Zeit zugänglich, in dem du Performances wie The thief, The dancer oder The executioner aufgeführt hast, für die du in jeweils andere Rollen geschlüpft bist. Was haben alle gemeinsam?
Für jeden Monat habe ich verschiedene Peformancetitel als Kapitel ausgewählt, ein Freund hatte online eine Liste mit Vorschlägen zusammengestellt. Diese vermitteln Theatralik – und das in einer hyper-dramatischen Art und Weise. Sie fühlen sich zeremoniell an und wurden für mich zur Manifestierung der Ungewissheit, was als nächstes kommen wird. Es war auch entscheidend, das Projekt mit etwas Gestohlenem zu beginnen, weil es die Methode war, nach der ich Ausschnitte von Artikeln, Interviews, Instagram- und Twitter-Posts zu einem Script verarbeitet habe. Diese neu zusammengewürfelten Texte habe ich später während der öffentlichen Performances laut vorgelesen – so als ob ich ein Stück proben würde.

Handcard in hand

Wie fühlt es sich an, so viele fremde Menschen in dein temporäres Zuhause zu lassen?
Während der öffentlichen Performances habe ich es geliebt, zu sehen, wie es mit Menschen gefüllt wurde. Wie sich die Energie ständig verändert hat und ich selbst davon betroffen war. Wenn es mein eigenes Zimmer gewesen wäre, wäre es vermutlich anders gelaufen. In diesem Hotelzimmer wollte ich etwas Lauteres machen und mir Zeichen setzen, wann es Zeit dafür war, die Tür zu öffnen und wieder zu schließen. Letzten Endes war ich ja auch Gast in dem Zimmer.

Phone face

Du hast 150 Nächte im Hotel verbracht. Wie hat der Alltag in deinem Hotelzimmer ausgesehen?
Ich bin aufgewacht, habe die Vorhänge aufgezogen, das Fenster geöffnet und mir einen Tee gemacht. Diese Wiederholungen haben mir Platz zum Nachdenken gegeben – und ein leerer Raum lässt die Gedanken besser springen. Ich stelle mir vor, wie sie sich mit den Geistern all der Menschen vermischen, die in diesem Raum geschlafen haben. Tagsüber bin ich manchmal durch die Nachbarschaft spaziert und habe jemanden in mein Hotelzimmer eingeladen, um ihn zu fotografieren. Die meiste Zeit habe ich aber geschrieben.

Ich habe gelesen, dass du fast schon besessen davon bist, Fremde zu treffen. Was fasziniert dich daran so sehr?
Da kommt mir James Baldwin in den Sinn. Er hat geschrieben, dass die merkwürdigsten Menschen im Leben die sind, die man kennt und immer lieben wird. Bei denen man versucht hervorzusehen, welchen Schritt sie als nächstes machen werden. Um dann möglicherweise herauszufinden, wie sinnlos die Handlung war.

Welche merkwürdige Geschichte aus dem Hotelzimmer ist dir in Erinnerung geblieben?
Als Sophie Yerly und ich uns dazu entschieden haben, fünf Stunden lang zu schlafen, während die Besucher das Zimmer nacheinander betreten konnten. Einmal kam jemand herein, der sich irgendwann einfach auf den Fußboden am Ende unseres Betts gelegt hat. Weil wir geschlafen haben, konnten wir das nur im Nachhinein auf den Aufnahmen von den Überwachungskamera sehen, die im Zimmer angebracht wurden. Dieser Mann blieb dort bestimmt 20 Minuten liegen und sah so aus, als ob er selbst auch eingeschlafen wäre. Als er wieder aufgewacht ist, hat er ein Foto von uns mit dem Handy gemacht und dann den Raum verlassen.

Philip