Wie Yael, Gianni Mae und Ebow den Sexismus aus der Berliner HipHop-Szene verbannen

Wir haben drei Künstlerinnen getroffen, die eine Ära einläuten, in der Selbstbestimmung großgeschrieben wird.

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29 Januar 2019, 11:03am

Die deutsche HipHop-Industrie hat, nett ausgedrückt, nicht unbedingt den besten Ruf. Da gibt es Frauenarzt, der mit lyrischen Ergüssen à la "Lass Dich Gehn" Dorfdiscos zum Ausrasten brachte. Die ständigen Abou-Chaker-Querelen. Antisemitische Sprüche von Kollegah oder hie und da eine kleine Vergewaltigungsfantasie seitens Rin. Glücklicherweise werden aber Gegenstimmen laut. So laut, dass tatsächlich Hoffnung aufkommt, die Szene könnte dank natürlicher Selektion allmählich Arschlöcher weg-evolutionieren.

Die Stimmen sind mal queer. Mal weiblich oder links. Was sie vereint, ist die immer größer werdende Sichtbarkeit: Es gibt spannende Alternativen, die die Branche mit ihrer Präsenz verändern. Was im englisch-sprachigen Raum schon längst kein Novum mehr ist – Shoutouts an Missy Elliott, Rico Nasty, 070Shake oder Flohio – wird auch in Deutschland zunehmend normalisiert. Das Tempo des Umschwungs mag hier langsamer sein, die Kraft ist aber dieselbe. Event-Veranstalterinnen wie Gizem und Lucia von Hoe__Mies sorgen für Repräsentation im Nachtleben, Festival-Organisator*innen achten auf ein Gleichgewicht im Line-Up und Labels investieren nicht mehr nur in Männer.

Drei Frauen, die in Berlin den Fortschritt vorantreiben, sind Ebow, Gianni Mae und Yael. Sie alle sind unverzichtbar für eine Zukunftsutopie, in der Gender irgendwann keine Rolle mehr spielt.

Jede auf ihre ganz eigene Weise.

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YAEL

Du bist in einem Dorf in Süd-Deutschland aufgewachsen. Wie hat dich das Leben dort geprägt?
Das Leben dort war sehr monokulturell, könnte man sagen. Sehr Deutsch und "normal" – arbeiten, Haus, Kind. In meinem Dorf war ich sehr lange die einzige schwarze Person. Die Möglichkeiten waren sehr begrenzt, besonders wenn man etwas Kreatives macht. Aber dann habe ich meine Crew kennengelernt, drei Jungs, die auch rappen und produzieren. Sie sind wie ein Familienersatz. Wir teilen dasselbe Weltbild, dieselben Ansichten, denselben Sinn für Menschlichkeit.

Hat sich deine Musik, dein kreativer Output verändert, seitdem du in Berlin lebst?
Ich kann hier sehr offen sein, sehr ehrlich. Meine Texte sind authentischer. Ich möchte, dass sich Leute mit meinen Liedern identifizieren können und wirkliche Emotionen aufkommen. Zuhause habe ich oft Texte geschrieben, bei denen ich dachte: "Wenn das jetzt meine Ma oder jemand anderes von hier hört, gibt's direkt wieder einen Spruch." Die Inspiration und das Tempo in der Großstadt sind komplett anders. Allerdings liegt es nicht nur daran, ich bin als Künstlerin gewachsen und habe mehr Erfahrungen gesammelt. Heute kann ich viel besser Metaphern und lyrische Stilmitteln anwenden und wirklich runde Songs entwickeln. Das liegt auch daran, dass ich mich mehr mit der Theorie auseinandergesetzt habe – das Klavierspielen gelernt und meine Produktionsskills ausgebaut habe. Jeden Tag lerne ich etwas Neues.

"Ich möchte einen Ort schaffen, zu dem coole Girls kommen, einen guten Abend haben, sich sicher fühlen und alles vergessen können."

Mittlerweile bekommen Rapperinnen eine größere Sichtbarkeit. Eine längst überfällige Entwicklung, die aber manchmal dazu führt, dass alle Frauen in einen Topf geworfen werden, sobald sie "irgendwas mit HipHop" machen.
Lange Zeit gab es einfach keine Agenda für Frauen im HipHop – vor allem in Deutschland. Diese Agenda wird gerade auch bei großen Labels gefahren, aber das ist eine Chance für uns, die wir nutzen können. In solchen Zeiten ist es wichtig, dass Frauen einfach weiter ihr Ding durchziehen, so wie sie es bereits zuvor gemacht haben. Die wenigsten, die ich kenne, sind erst seit dem letzten Jahr dabei. Zuhause habe ich nie gesagt, dass ich Musik mache – das weiß bis heute hoffentlich niemand. Hier in Berlin waren meine Erfahrungen bisher wirklich positiv. Klar, manche Männer sagen dann: "Du hast schon ein bisschen Glück, dass du eine Frau bist, du hast ja nicht so viel Konkurrenz." Ich warte bestimmt nicht auf irgendwen, dass er mir sein Einverständnis gibt. Es gibt genug starke Frauen in der Industrie, die keine Bestätigung von Männern brauchen.

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Von links nach rechts: Ebow, Gianni Mae, Yael © Tea Marta

Was wünschst du dir von der Berliner Musikszene?
Manchmal ist es schwer, sich mit anderen Künstler*innen zu connecten. Einige denken, sie sind zu cool oder sind halt Arschlöcher. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Formate gäbe, bei denen Kreative zusammenkommen und sich austauschen – vielleicht auch speziell für Frauen. Ich mag es besonders gern, wenn Dinge spontan passieren, man ins Studio geht und schaut, was passiert. Besonders die Deutsch-Rap-Szene ist immer noch stark von bestimmten Männer-Charakteren dominiert, die super sexistisch sind. Aber ich denke, dass das auch eine Phase ist, die vorübergehen wird ...

Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückschaust, was macht dich besonders stolz?
Ich bin auf alles stolz, jeden Tag. Wenn ich aufstehe, was zu tun habe, kreativ arbeiten kann, ins Studio gehe und meine Musik veröffentliche. Dass ich den Schritt aus dem Dorf heraus geschafft habe. Das Leben in die Hand zu nehmen.

Was sollten wir alle über Yael wissen?
Ich stehe für Gleichheit und Liebe. Ich möchte einen Ort schaffen, zu dem coole Girls kommen, einen guten Abend haben, sich sicher fühlen und alles vergessen können.

@yael_fiftyfifty

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Ebow © Tea Marta

EBOW

Wann hast du mit dem Rappen angefangen?
Meine Onkel und Tanten haben Zuhause sehr viel R'n'B und HipHop gehört. In der fünften Klasse habe ich dann angefangen, alles auf Fantasie-Englisch mitzurappen und eigene, wenn auch nicht wirklich sinnvolle, Texte zu schreiben. Zu deutschem HipHop bin ich erst sehr viel später gekommen.

Du kommst aus München, hast lange in Wien gelebt und bist nun seit einigen Monaten in Berlin. Wie wirkt die deutschsprachige HipHop-Szene auf dich?
Die Szene hat sich mehr geöffnet, man traut sich mehr. Du musst nicht der Mega-Gangster sein, sondern auch mal witzig und kannst mehr mit dem Sound experimentieren. Ich hoffe, dass sich die Szene noch stärker weiterentwickelt und mehr queere oder weiblich gelesene Personen HipHop machen. Damit wir irgendwann nicht mehr darüber reden müssen, dass HipHop sexistisch ist, weil diese Leute einfach irrelevant werden. Es passiert viel Gutes, auch was Veranstaltungen betrifft – vor allem, was Hoe__Mies so machen und wie sie Awareness schaffen.

"Wenn du als Label einen Künstler pushst, der antisemitisch, sexistisch und einfach ekelhaft ist, kannst du nicht sagen, dass die Zuhörer*innen das wollen."

Sexismus ist im HipHop sehr präsent. Als Feministin ist es manchmal schwierig ausschließlich Artists zu hören, deren Haltung mit dem eigenen Weltbild übereinstimmt.
Auf jeden Fall, das ist immer dieser innere Konflikt. Ich höre auch Sachen wie Haftbefehl oder Kool Savas. Als Teenager habe ich so etwas, besonders bei den ganzen Ami-Künstlern, gar nicht richtig gecheckt. Ich finde es wichtig, dass man bei bestimmten Leuten sagt, dass man sie nicht mehr spielt oder zu Festivals einlädt, wie zum Beispiel bei dieser ganzen R. Kelly Story. Viele sagen, dass die Zuhörer*innen bei sowas die Verantwortung tragen, aber die liegt in erster Linie bei den Labels und Veranstalter*innen.

Wenn du als Label einen Künstler pushst, der antisemitisch, sexistisch und einfach ekelhaft ist, kannst du nicht sagen, dass die Zuhörer*innen das wollen. Das sind junge Kids, die sich das anhören und alles cool finden, was gerade Hype ist. Man müsste viel mehr Druck auf die Labels, Veranstalter*innen und Festivals ausüben, damit die Rapper merken, dass das nicht klar geht. Momentan veröffentlichen sie etwas, das stark polarisiert, sie dadurch mediale Aufmerksamkeit bekommen und Geld verdienen, weil dann Werbung für die Alben gemacht wird.

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Ebow © Tea Marta

Auf der einen Seite möchte man immer besonders herausstellen, dass es eine Frau ist, die hier den HipHop auf den Kopf stellt, auf der anderen sollte unsere Gesellschaft mittlerweile soweit sein, dass Gender irrelevant ist. Wie siehst du das?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch wichtig, es zu thematisieren. Das merke ich zum Beispiel stark an Festivals, die jetzt wirklich darauf achten, mehr Frauen ins Line-Up zu holen. Klar, man sollte meinen, dass wir mittlerweile dieses binäre Denken überwunden hätten, aber Deutschland braucht scheinbar etwas länger dafür. Man sollte wegkommen von diesem Quote-Gedanken und erkennen, dass man geile Veranstaltungen machen kann mit Künstler*innen, die sonst weggelassen werden.

Was macht dich besonders stolz, wenn du an deine bisherige Karriere denkst?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mich aus Strukturen zu lösen, die stark von sehr vielen und vor allem sehr vielen älteren Männern geprägt waren. Als ich mit 18 einen Vertrag unterschrieben habe, wollten sie mir ständig einreden, wie sich meine Musik anzuhören hätte. Heute habe ich mein eigenes Team und suche mir die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, selbst aus. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich selbst Entscheidungen treffe und Leute unterstützen kann – und sie mich natürlich auch.

Was wünschst du dir in diesem Jahr?
Ich wünsche mir, dass meine erste Solo-Tour gut läuft. Dass die Festivals und die Bookings noch geiler werden. Dass es mehr Rapperinnen gibt und ich nicht mehr in den Backstage gehe, wo sich Tausende Dudes selbst abfeiern. Und besonders darauf, dass Ende März mein neues Album rauskommt.

@ebow.mp3

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Von links nach rechts: Yael, Ebow, Gianni Mae © Tea Marta
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Gianni Mae © Tea Marta

GIANNI MAE

Wer ist Gianni Mae?
Ich musste erst herausfinden, welche Geschichte ich erzählen möchte. Ich komme aus Curaçao, habe Medizin in den Niederlanden studiert, als Duo Musik gemacht und versuche jetzt in Berlin, mein eigenes Ding aufzuziehen. In meinen Songs geht es darum, dass du nicht darauf hören solltest, was andere Leute von dir erwarten oder über dich sagen. Es geht ganz allein um dich und was du willst. Bei meinen Live-Performances sieht man direkt, dass meine laute, verrückte Seite rauskommt. Viele Leute fragen mich: "Aber du bist doch so nett und süß – wo kommt das plötzlich her?" Ich trage beides in mir, je nach Situation lebe ich die eine oder andere Seite aus. Es gibt Situationen, in denen es angebracht ist, rude zu sein. Generell connecte ich mich gerne mit Leuten, bin zielstrebig und sehr positiv, da so auch Positives zu dir zurückkommt. Aber ich ändere und entwickle mich stetig.

Gibt es eine Umgebung oder Stimmung, die dich besonders kreativ werden lässt?
Das ist immer unterschiedlich, spät abends, wenn ich plötzlich Sachen ins Handy tippe. Oder wenn ich ins Studio gehe, mit Greeny und Alex von den Broke Boys und wir Musik hören, viben und einfach machen. Manchmal kommt es auch aus dem Nichts, wenn ich in der U-Bahn sitze oder im Auto fahre und der Kopf komplett frei ist.

Wie wichtig ist Gender in der HipHop-Szene?
Die Musik sollte immer an erster Stelle stehen, egal ob von einem Mann oder einer Frau – gute Musik ist das, was zählt. Allerdings ist es wichtig, dass mehr und mehr Frauen anfangen zu rappen oder zu produzieren, um zu zeigen, dass wir das auch können. Es ist nicht nur für Männer.

"Wenn du dich mit etwas unwohl fühlst, musst du es direkt sagen."

Wurdest du schon mal mit Diskriminierung oder Sexismus in der Musik-Branche konfrontiert?
Ja, vor allem als ich noch im Duo aktiv war und wir involvierter in diesen strengen Label- und Management-Konstrukten waren. Es war so dummes Zeug wie: "Aber wenn du in dem Video zu sehen bist, solltest du etwas anziehen, dass sexy und ansprechender ist." Nein! Ich mache, was ich will. Wenn ich mich sexy zeigen möchte, dann mache ich das, aber bestimmt nicht, weil mir das irgendwer vorschreibt. Männer können anziehen, was sie wollen – tragen sie eine Jeans und T-Shirt schreien alle "Oh my God, amazing".

Je höher es in der Unternehmenshierarchie nach oben ging, desto weniger ernst haben sie dich im Vergleich zu männlichen Artists genommen. Sie wollten mich häufig belehren, deswegen bin ich froh, nicht mehr in diesen Strukturen zu sein. Es kam auch vor, dass mich Leute in professionellen E-Mails mit 'Sweetie' angeschrieben haben. Darauf antworte ich allerdings, dass das nicht OK ist. Du kannst allerdings nicht voraussetzen, dass die anderen, egal ob Mann oder Frau, das wissen, da so ein Umgang schon so lange in der Musik etabliert ist. Wenn du dich mit etwas unwohl fühlst, musst du es direkt sagen.

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Gianni Mae © Tea Marta

Es fühlt sich an, als würden die etablierten Strukturen in der Musikindustrie aufgebrochen und durch eine Independent-Bewegung umgestürzt werden. Wie geht es dir als aufstrebende Künstlerin in Berlin?
Wenn du als Independent Artist in Berlin anfängst, hast du sehr viele Möglichkeiten – auch, wenn es darum geht, Connections zu anderen aufzubauen. Du triffst Leute bei Partys oder Freunden, deren Freunde zufällig auch Musik machen und so geht es weiter. Im Vergleich zu den Niederlanden findet man hier einen ganz anderen Zugang. Dort fühlt es sich sehr nach Business an und man merkt noch die alten Strukturen, in denen die Labels das Sagen haben. Sie entscheiden, wen du triffst. Hier behandeln dich die Leute ganz anders, sie können dich direkt kennenlernen. Ich habe das Gefühl, dass meine Meinung wirklich gehört wird.

Welchen Tipp würdest du anderen Newcomer-Artists mit auf den Weg geben?
Du musst wissen, was du willst, damit du etwas kreieren kannst, dass wirklich du bist. Dann kommst du auch authentisch rüber und die Leute respektieren dich. Besonders im Rap ist das wichtig, die Erwartungen sind sehr hoch. Egal ob du etwas machst, das sehr politisch, lyrisch oder schnell ist – wenn dein wahres Ich darin steckt, kommt es auch rüber. Es gibt keine wirkliche Regel, außer dass du nichts faken solltest.

@giannimae

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Von links nach rechts: Gianni Mae, Yael, Ebow © Tea Marta

Credits


Fotografie: Tea Marta
Produktion: Marieke Fischer