Fotografie: Tim Walker

Becoming Solange

Solange Knowles neues Album 'When I Get Home' hat es mal wieder geschafft, neue Maßstäbe zu setzen. Wir haben sie in ihrer Heimatstadt Houston getroffen, um über Musik, Zugehörigkeit und ihren persönlichen Werdegang zu sprechen.

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06 März 2019, 9:31am

Fotografie: Tim Walker

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Solange trägt einen Hut und Handschuhe von Ibkamarastudios. Hose: H&M. Ohrring: Chanel.

Solange Knowles wurde an einem Tag geboren, den Astrologen liebevoll einen "magischen Scheitelpunkt" nennen – in der Mitte des Monats, wenn das Sternzeichen Krebs langsam zu Zwilling übergeht. Und das macht Sinn: Nie weißt du, mit was Solange die Leute als Nächstes faszinieren wird, doch kannst du dir sicher sein, dass es etwas Geheimnisvolles und Elektrisierendes sein wird.

Die mit einem Grammy Award ausgezeichnete Künstlerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Geschichte und Erfahrungen, besonders die einer Schwarzen Frau aus den Südstaaten, mit der Welt zu teilen. Zwar gibt es kein leeres Blatt, das groß genug wäre, ihre wundervolle Seele in Gänze einzufangen, aber ein Versuch ist es wert, zumindest einen Teil davon zu porträtieren.

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Rollkragenpullover: Coach 1941. Hose: Seen Users. Hut: Marc Jacobs. Handschuhe: IbkamaraStudios.

"I been through the storm and it turned me to a G." Wir fahren im Auto durch die berüchtigte Third Ward Nachbarschaft in Houston, während Solange "a lot" von 21 Savage mitrappt. Sie schaut über ihre Schulter: "Wir fahren gleich an den Project Row Houses vorbei, wo ich einen Großteil meines Albums aufgenommen habe." Solange spricht von ihrem kürzlich erschienen vierten Studioalbum When I Get Home. Seit letztes Jahr ein mysteriöser Schnappschuss von ihr mit den Worten "Solange coming" auf Social Media kursierte, steigte die Spannung unter den Fans ins Unermessliche.

Ihr letztes Album, das von den Kritikern gefeierte A Seat at the Table, brachte ihr die wohlverdiente Anerkennung als "wahrer" Popstar und als eine ernstzunehmende Performance-Künstlerin ein. Außerdem regnete es zahlreiche Auszeichnungen: Harvard University Artist of the Year, Glamour Woman of the Year, Billboard Impact Award und eine Ehrwürdigung für ihren ikonischen Modegeschmack bei der 70th Annual Parson Benefit in Zusammenarbeit mit The New School. Es war eine Traumreise, auf die sie ihre ganze Karriere hin zu gearbeitet hat, doch weiß sie auch, dass jeder dieser überwältigenden Momente sie zu einem ganz bestimmten Ort zurückführt: Nach Houston, Texas. Zu ihr selbst.

Um behaupten zu können, man würde Solange wirklich kennen, muss man verstehen, dass ihr Privatleben an oberster Stelle steht. Manchmal verschwindet sie für Monate von jeglichen Social-Media-Plattformen. Fotos von ihrem Sohn sucht man im Internet vergeblich. Sie muss nicht im Zentrum des universellen Interesses stehen, was sie auch mit ihrer progressiven Kreativagentur Saint Heron beweist, bei der sie anderen Künstlern of Colour den Platz im Scheinwerferlicht überlässt.

Jetzt, da wir gemeinsam im Third-Ward-Bezirk in Houston unterwegs sind, fügen sich plötzlich alle Teile zusammen. Ich verstehe langsam, wie sie es schafft, in einer Industrie, die versucht Künstler nach kommerziellen Aspekten zu formen, sie selbst zu bleiben. Orte, an denen ausschließlich Schwarze Anliegen und Interessen im Zentrum stehen, gibt es viel zu selten. Doch hier ist es anders. Man spürt die letzten Schwingungen von Phylicia Rashads Stimme in der Luft, hört die tänzelnden Schritte von Debbie Allen, wird mitgerissen von den Erzählungen der Frauen in den Friseursalons. Es werden die trägen Beats von DJ Screw gespielt. Und mittendrin ein kleines Mädchen, das all diese Einflüsse einsaugt, um ihre Vorfahren in ihrer Arbeit zu huldigen, um sie stolz zu machen.

"Wir sind da", kündigt Solange an, als das Auto langsam zum Halten kommt. Wir stehen draußen, auf dem Parkplatz der Menil Collection. Das legendäre Museum, in dem sie SCALES prämierte – ein Performance-Stück, das sie selbst komponierte und choreografierte, um die Konversation zwischen Schwarzen Frauen und Männern fortzusetzen. Eine Diskussion, die sie bereits auf ihrem vorherigen Album begann.

Sie öffnet allmählich die Tür zu ihrer spirituellen Seite. Die meditativen Strukturen ihrer Identität, die zum Synonym ihres Künstlertums geworden sind. Hinter den Lyrics und den bahnbrechenden Visuals steht ein echter Mensch, der die qualvolle Arbeit auf sich nimmt, sich durch die Dunkelheit zu kämpfen. Jeder Moment der Euphorie, jeder Augenblick des Schmerzes – sie musste all das zuerst selbst spüren, damit sie diese Empfindungen an ihrer Hörer weitergeben kann.

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Hut und Handschuhe: Ibkamarastudios. Hose: H&M. Ohrring: Chanel. Socken: Uniqlo. Schuhe: Soft Criminal.

Trotz des Regens, der gegen die Fenster prasselt, schlägt Solange vor, das Auto stehen zu lassen und die paar Meter zum Bücherladen zu Fuß zu gehen. Wir gleiten in den Laden ohne erkannt zu werden, doch ich bin mir bewusst, dass das nicht lange so bleiben wird. Solange wühlt sich zwanglos durch die kleine, aber bemerkenswerte Sammlung. Sie entdeckt Blackness in Abstraction von Adrienne Edwards und hält inne.

Man kann sehen, wie ihr Hirn arbeitet und Gedanken schneller als Worte produziert. Sie blättert durch ein paar Seiten und legt das Buch auf ihren Stapel, der schon bald weiteren Zuwachs bekommt in Form eines Werks, auf dem ein Selbstporträt der amerikanischen Künstlerin und Philosophin Adrian Piper zu sehen ist.

Ich versuche mir vorzustellen, wie Solange das Evening Standard Magazine in die Schranken weist, nachdem sie ihren goldenen, geflochtenen Heiligenschein ohne ihre Zustimmung von dem Cover wegretuschiert haben. Die Frau, die den Artikel geschrieben hat, wollte, dass aus Solidarität ihr Name nicht in der Ausgabe erscheint. Solange will die volle Kontrolle über ihr Narrativ und ihren Körper. Auf ihren Wunsch hin wird jeder Artikel ausschließlich von Schwarzen Frauen geschrieben, denen sie vertraut – und manchmal ist das auch sie selbst.

Wir gehen zur Kasse. Die Kassiererin, eine Schwarze Frau mittleren Alters, bittet uns zu warten, doch ändert plötzlich ihre Meinung, als sie einen Blick auf Solanges Gesicht erhascht. "Ich weiß, wer du bist! Du musst garantiert nicht warten", summt sie. Solange lächelt. "Alles gut. Wir warten, bis wir dran sind." Sie betrachtet die Bücher in ihrer Hand und denkt laut: "Ich versuche herauszufinden, was Zuhause zu einem Zuhause macht …"

Jetzt haben wir die volle Aufmerksamkeit der Kassiererin. "Endlich! Wie geht es dir heute? Schön, dich zurück Zuhause zu haben." Solange lächelt noch breiter. "Danke, Sis. Es ist immer gut hier zu sein."

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Links: Solange trägt eine Jacke von Balenciaga. Hut, Schal und Schleife: IbkamaraStudios. Socken: Uniqlo. Schuhe: Jimmy Choo. Rechts: Eric trägt einen kompletten Look von Topman. Hut, Schal und Schleife: IbkamaraStudios. Socken: Uniqlo.

Während ich When I Get Home anhöre, geht Solange in eine Mall. Als wir uns danach wieder treffen, um darüber zu sprechen, überrasche ich Solange beim Tanzen. Ich erzähle ihr, dass es mich an The Wiz erinnert – nicht des Sounds wegen, sondern vom Gefühl her. Die Reise zurück nach Hause, zurück zu dir, ist nichts für schwache Nerven. Licht und Dunkelheit treffen aufeinander. Es ist sowohl theatralisch als auch introspektiv.

Um die Reise nachvollziehen zu können, die sie zu diesem Album brachte, frage ich sie, was sie nach den ausverkauften Konzerten in ganz Amerika und Europa zurück nach Houston brachte. Sie legt ihren Kopf nach links. "In den letzten Jahren habe ich viel über Herkunft nachgedacht. Wie viel wir mit uns nehmen, was wir hinter uns lassen. Vieles davon hatte damit zu tun, nach Hause zu kommen und die Antworten herauszuarbeiten. Nach meinen letzten Performances für A Seat at the Table funktionierte mein Körper nicht mehr so, wie ich es wollte. Es ist spannend zu sehen, wie dein Körper dir sagt, was du wann zu tun hast."

2017 verkündete Solange, dass sie seit geraumer Zeit eine Störung des autonomen Nevensystems behandelt – und so wie bei jeder unerwarteten Erkrankung, würde man mit einer gewissen Verzweiflung rechnen, doch ihr neues Album beweist das komplette Gegenteil. Es ist ein Triumph. Sinnlich, euphorisch.

"Ich musste durch eine Phase gehen, in der mit meinem Körper Dinge passiert sind, die außerhalb meiner Kontrolle lagen, und bin zu dem Punkt gekommen, an dem ich keine Furcht mehr hatte. Mein Körper gehört mir nun in einer komplett neuen Weise. Es war eine wunderschöne Liebesbeziehung, die allerdings etwas Zeit brauchte. Ich hatte schon immer eine enge Verbindung zu meiner Sexualität und Sinnlichkeit, doch vieles davon musste sich in dieser Zeit erst wieder erden. Aber die Freiheit, die ich dann fühlte, war unglaublich."

Freiheit ist ein interessantes Konzept, besonders wenn es um Schwarze Frauen geht – doch was bedeutet dieses Wort heute für Solange? "Ich hatte tierischen Spaß als ich dieses Album gemacht habe. Ich wollte einen Raum für Freude und künstlerischen Ausdruck erschaffen. Mein letztes Album war sehr persönlich, aber es war auch kein Geheimnis, dass ich viel Shit verarbeiten musste. Ich habe eine große Last mit mir getragen und auch, wenn diese nicht einfach verschwinden wird, habe ich das Gefühl, dass dieses Mal viele Fragen innerlich geklärt wurden. A Seat At The Table war eine Komposition, eine These, eine heilende Erfahrung, aber ich konnte die Welt nicht darum bitten, sich bei den Antworten einzubringen, die ich für dieses neue Projekt brauchte. Ich musste darin leben."

Dann erzählt sie, dass sie mit 17 in einer Jazz-Band spielte. "Unsere Band war ziemlich schlecht, aber wir hatten Herz und Seele! Mit ein paar meiner damaligen Bandkollegen habe ich mich für mein neues Album zusammengetan. Das hat mich auf das nächste Level gebracht, da sie es gewohnt sind, zu improvisieren. In meinen Gedanken haben sie mich überall hin begleitet. Es hat sich wirklich befreiend angefühlt, es war so viel Spaß." Und weiter: "Die Energie auf dem Album ist eine Feier der letzten zwei Jahre meiner Evolution. Alles kommt aus einem ganz besonderen Ort in mir, alle Songs verkörpern Leben."

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Khalil und Eric tragen beide eine Hose von Topman. Accessoires: Chanel. Schuhe: Models own.
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Nachdem ich Solange in Houston besucht habe, musste ich über vieles nachdenken. Vieles von dem, wie wir sind, ist eingebettet in einer Art Herzschmerz. Dabei gibt es noch so viel mehr, das unsere individuelle und kollektive Geschichte formt. Wir dürfen nicht das Lachen vergessen, unsere Träume, die tiefen Freundschaften und unerwarteten Siege – und wie uns all das zu der Person gemacht hat, die wir heute sind. Ich höre Solanges Stimme wie ein Echo in meinem Kopf: "Ich kann zu jeder Zeit nach Hause kommen und weiß, dass das meiste genauso ist, wie es immer war. Hier fühle ich mich sehr wohl mit dem, wer ich bin. Ich fühle mich geliebt."

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Solange trägt einen Rollkragenpullover von Coach 1941. Hut: Marc Jacobs. Handschuhe: IbkamaraStudios.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus unser neuen The Homegrown Issue, no. 355, Spring 2019. Hier kannst du sie bestellen.

Credits


Fotos: Tim Walker
Styling: Ibrahim Kamara

Haare: Virginie Pinto Moreira / St Lukes verwendet Sebastian Professional
Make-up: Sam Bryant / Bryant Artists
Fotoassistenz: Sarah Lloyd
Digitaltechnik: Matthew Coats
Styling-Assistenz: Gareth Wrighton, Ola Ebiti, Sasha Harris, Nafisat Raji und Yuriko Takiguchi. Make-up-Assistenz: Claudia Savage
Produktion: Jeffrey Delich / Padbury Production
Models: Khalil Mcneil und Eric Harleston.