im kriegsgebiet: aufnahmen der punkszene im belfast der 90er

Der neue Bildband “Belfast Punk“ erzählt die unglaubliche Geschichte durch die Linse des Fotografen Ricky Adam.

von Matthew Whitehouse; Übersetzt von Michael Sader
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15 August 2017, 2:16pm

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

Die nordirische Anarcho-Punk-Band Toxic Waste singt in einem ihrer Songs: "I am not catholic, I am not a protestant, I am not Irish, I am not British, I am me, I am an individual. Fuck your politics, fuck your religion, I will be free, we will be free!" Besser kann man die Punkszene in Belfast kaum zusammenfassen.


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"Punk war im Norden Irlands so beliebt, weil wir ihn mehr gebraucht haben als andere", bestätigt der Gitarrist von Toxic Waste Marty Martin in der Einleitung zum neuen Buch Belfast Punk: Warzone Centre 1997 – 2003. Mitte der 90er war die Stadt tief zwischen Katholiken und Protestanten gespalten. Für viele bot Punk einen Ausweg aus der Starre, und zu der vorherrschenden kulturellen Lethargie. Jenseits aller mit Religion verbundenen Identitäten bot er eine Identifikationsfläche.

Der Bildband erzählt nicht nur die Geschichte einer relativ intimen Szene anhand der Aufnahmen von Ricky Adam, der selbst Punk war und aus Belfast stammt, sondern gewährt auch einen Einblick in eine Zeit, in der Punk vielen Jugendlichen einen Ausweg aus der von Gewalt geprägten Geschichte bot.

"Auch wenn die Fotos in dem Buch jüngere Leute zeigen, wurde die Mehrheit der Leute, die ins Warzone Centre — dem Treffpunkt der Punks in Belfast Ende der 90er — kamen, während des Nordirlandkonflikts groß ", sagt Ricky. "Die Punkszene war eine willkommene Alternative. Egal aus welchem Viertel du kommst, das Warzone hat allen Menschen einen Platz geboten. Es wurden keine Fragen gestellt." Wir wollten mehr über diesen Ort und Rickys Beweggründe erfahren und haben den Fotografen zum Interview gebeten.

Was war das Warzone Centre und wann bist du zum ersten Mal dort hingegangen?
Es war ein Jugend- und Kulturzentrum in Belfast, das 1986 eröffnete und allen Altersgruppen zugänglich war. Es wurde von Punks am Laufen gehalten. 1991 ist es in ein größeres Gebäude umgezogen, in dieser Zeit sind auch die Fotos in dem Buch entstanden. Über die Jahre hat sich das Zentrum zu einem der bekanntesten Orte für Punk in Europa entwickelt. Ich weiß gar nicht mehr, wann genau ich das erste Mal da war, aber das muss um 1995 gewesen sein.

Was hat diesen Ort so besonders gemacht?
So etwas gab es sonst in Belfast nicht. Das Zentrum wurde mit einem DIY-Ethos gegründet und von einem Kollektiv selbstverwaltet. Wenn du etwas machen wolltest, wie zum Beispiel ein Konzert organisieren, hat es dir die Möglichkeit eingeräumt. Es war ein Ort für Freigeister, die über herkömmliche Konventionen gedacht haben. Hier konnten Leute ihre eigenen Gedanken entwickeln und anderen präsentieren. Hier konnten sie ihre Meinung sagen.

Zwar gibt es ähnliche autonome Zentren wie das Gilman Street in San Francisco oder den 1 in 12 Club in Bradford, das Besonders war aber die Lage: Belfast, inmitten des Nordirlandkonflikts. Seine Existenz war ein erhobener Mittelfinger an alles, das auch nur entfernt mit Gewalt oder dem sogenannten Religionskrieg zu tun gehabt hatte.

Und wie sah eine typische Nacht aus?
Ich weiß gar nicht, ob es jemals so etwas, wie einen normalen Abend gegeben hat. Das Publikum hat sich nach der Band gerichtet, die am jeweiligen Abend gespielt hat. Es gab keine Bar. Die Leute haben sich ihren Alkohol selbst mitgebracht. Viele sind einfach nur hierhergekommen, um abzuhängen, mit anderen zu quatschen oder sich die Konzerte anzuschauen. Es war immer eine gute Mischung aus Kreativen wie Musikern, Künstlern, Anarchisten und schrägen Vögeln.

Auf welchen Konzerten warst du?
Im Laufe der Zeit auf ziemlich vielen. Von politischen Hardcore-Bands bis zu Avantgarde-Punkbands. Ich kann mich an Jawbreaker, Bluetip, Bleeding Rectum, Los Crudos, Hard Skin und Godflesh erinnern, die Liste könnte aber auch ewig so weitergehen. Man wusste auch nie, wie viele Leute zu einem Konzert kommen. An einem verregneten Mittwochabend im Winter waren vielleicht zehn (oder weniger) auf einem Konzert. Dann gab es aber auch welche, zu denen über 200 Leute gekommen sind.

Was haben Orte wie das Warzone Centre für Vorstadt-Kids wie dich bedeutet?
Ich wurde bin in einer Vorstadt geboren und aufgewachsen, die ungefähr 20 Kilometer von Belfast entfernt lag. Wir waren abgeschirmt von der grauen Realität in der Stadt. Es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden habe, dass Nordirland ein schräger Ort ist, um aufzuwachsen.

Wenn ich mich recht erinnere, war ich in meiner Jugend nicht wirklich politisch. Auch wenn ich mit dem politischen Hintergrundrauschen über die Nordirland-Politik großgeworden bin, habe ich mich davon selbst distanziert und aufgehört, mir eine politische Meinung zu bilden. Ohne dass ich es bewusst begriffen hatte, war es an sich politisch, in der Punkszene unterwegs zu sein. Punk lehnt die Mainstream-Politik und Engstirnigkeit ab, die damals vorherrschte. Das Zentrum war sichtbarer Protest gegen Gewalt, Religion, Bigotterie, Sexismus, Teilung der Gesellschaft und alles, was einem vom gesunden Menschenverstand ablenkt. Das Warzone Centre stand für seine eigene Politik und hat eine Bühne bereitgestellt, auf der die Leute über Themen wie Sexualität, Frauenrechte, Tierrechte reden konnten.

Meine Freunde und ich haben dort auch viel geprobt. Anfang der 2000er wurde sogar ein Aufnahmestudio eingebaut, in dem wir Demotapes aufgenommen haben. Es gab auch ein Café, das tagsüber geöffnet hatte. Ein wirklich gemütlicher Ort, an dem du gerne mal an einem verregneten Nachmittag im Winter abgehangen bist, um dir Platten anzuhören oder einen Kaffee zu trinken.

Wann hast du mit dem Fotografieren angefangen?
1997 habe ich meine erste Kamera gekauft und damit ein paar Schnappschüsse gemacht, damals noch ohne irgendeine Absicht. Ich war lieber Schlagzeuger in Bands als Fotograf. Rückblickend muss ich aber sagen, dass ich lieber mehr fotografiert hätte. Ich mag die Naivität, die man den Aufnahmen anmerkt.

Es war schon ein komisches Gefühl, die Fotos für das Buch zu bearbeiten. Die Nächte, in denen ich in einer Dunkelkammer über den Negativen verbracht habe und ein anderes Leben Revue passieren ließ. Zwar trauere ich den Zeiten nicht hinterher, aber es ist schön, sich an diese Zeit zu erinnern. Und die Fotografien erzählen eine Geschichte.

Was ist dein Lieblingsbild?
Das ist schwierig, mit jedem einzelnen Foto sind so viele Erinnerungen verbunden. Das Foto von Mero, dem Sänger von Knifed in seinem Lederoutfit, wie er mit dem Kids redet, gehört aber definitiv dazu. Ich weiß noch, wie ich mich umgedreht habe und auf einmal tauchten diese Kids wie aus dem Nichts auf. Das Publikum hinter ihnen ist ausgerastet. Es ist schon erschreckend, wenn man bedenkt, dass die Kinder jetzt über 20 sein müssen.

Was bedeutet Punk noch im Jahr 2017?
Punk bedeutet letztendlich für jeden etwas anderes. Heutzutage ist es kaum noch zu definieren. Ich glaube, dass Punk (oder wie man es auch bezeichnet) heute lebendiger ist. Nach Trump, dem Brexit und all' dem anderen Scheiß, der momentan auf der Welt passiert, bietet er eine Art Zuflucht. Junge Menschen werden sich ihrer Macht bewusst und leisten Widerstand. Das haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Und sie haben allen Grund, angepisst zu sein! Als Punk damals für den Massengeschmack kommerzieller wurde, haben ihm Bands wie Crass, Fugazi oder Conflict wieder eine politische Botschaft gegeben. Er ist so viel mehr als nur eine Iro-Frisur und dreckige Jacken. Punk steht für direkte Aktionen — er bewirkt etwas.

i-Ds Belfast Punk-Playliste, zusammengestellt von Ricky Adam
Bleeding Rectum, Very Unpleasant Indeed
Pink Turds in Space, No More Sectarian Shit
Runnin' Riot, Alcoholic Heroes
The Redneck Manifesto, Friendship
The Farewell Bend, In Passing
John Holmes, Everything Went Blacker
The Kabinboy, From John Holmes Split
Submission Hold, Sackcloth & Ashes (The Ostrich Dies On Monday)

Belfast Punk: Warzone Centre 1997 - 2003 ist bei Damiani erschienen.

Credits


Fotos: Ricky Adams

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