peaches über cindy sherman

„​Vaginen sind großartig, wir sollten sie feiern."

von Osia Katsidou
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12 Februar 2016, 8:20am

Peaches gibt es irgendwie schon so lange, wie man denken kann. So fühlt es sich zumindest an, wenn man auf die Geschichte von starken Frauen in der Musik zurückblickt, die sich nicht verbiegen lassen und ihr eigenes Ding durchziehen. Vor ein paar Monaten schockte sie die Welt mit ihrem Video zur Single „Rub". Es war erstaunlich, wie die Emotionen hochkochten. Gestern veröffentliche Peaches nun ihr neuestes Video zum Herzschmerz-Song „Free Drink Ticket" aus ihrem Album Rub, in dem sie all ihre Aggressionen gegenüber einem Typen rauslässt und fast nackt auf einem schlangenähnlichen Monster mit Stiefkopf reitet. 

Warum ist es heutzutage, noch so wichtig zu provozieren? Wir haben die Ausnahme-Künstlerin auf der Veranstaltung „Peaches Does Sherman" im Me Collectors Room zum Gespräch getroffen, in dem gerade eine Ausstellung von Cindy Sherman zu sehen ist. Dort referierte sie über Shermans Einfluss auf ihre eigene Kunst und hielt zu Ehren der Fotografin ein Ständchen. Im anschließenden Interview erzählte sie i-D, was sie von Schönheitschirurgie hält und warum sie denkt, vom Mainstream ausgeschlossen zu werden.

Welcher Aspekt von Shermans Ansatz hat dich am meisten inspiriert?
Ihre Arbeit hat Dinge verdreht. Auf meinem Lieblingsbild von ihr ist sie am Strand und schwitzt, ihre Zunge ist extra lang und sie leckt an einem Lutscher. Dann steht da auch noch ein gruseliges Kind, das zum ersten Mal Körper sieht, und alles ergibt zusammen so viele verschiedene Geschichten. Es geht eben nicht nur um ein schönes Foto, sondern um eine Geschichte, eine Psychose und das Gefühl der Beklommenheit.

Sherman hat in den Neunzigern mit künstlichen Vaginen und Aftern gearbeitet, so unverblümt wie du häufig in deinen Videos mit Körperteilen umgehst.
Vaginen sind großartig, wir sollten sie feiern.

Du hast den Song „Vaginaplasty" auf dem Album, darin geht es um den Trend der Schönheitschirurgie an Schamlippen ...
Wir sollten uns fragen, warum die Vagina so ein angsteinflößendes Objekt ist und warum sie nicht die Liebe bekommt, die ihr zusteht. Ich tue mein Bestes, dem irgendwie entgegenzuwirken, ganz besonders in meinen Videos—zum Beispiel in „Rub", wo wir Vaginen feiern. Schließlich sprechen wir hier von der Tasche von Mutter Natur.

Wir nahmen die retrospektive Ausstellung im Berliner me Collectors Room zum Anlass, zwei junge Fotografinnen zu fragen, welche Bedeutung Cindy Sherman für sie hat.

Bist du denn Gegnerin der Schönheitschirurgie?
Nein. Ich bin zum Beispiel fasziniert von Orlan, der Künstlerin, die ihr Gesicht operierte und so zur Performance-Kunst machte. Ich bin für mich persönlich nicht daran interessiert, weil ich meinen Körper mag und es schätze, wie meine Brüste oder mein Gesicht sich verändern. Ich finde das interessant, für mich bedeutet das Charakter. Du siehst in Filmen häufig ältere Männer, die echte Charaktere sind, weil sie Falten im Gesicht haben. Ich möchte genauso sein, als Frau eben. Wir sind es einfach nicht gewohnt, weibliche Gesichter mit Charakter zu sehen. Dem müssen wir uns entgegenstellen, damit es normal wird.

Was sagst du zu den großen Bewegungen der Körper-Positivität und Sex-Positivität? Bist du optimistisch, dass sie was ändern?
Ich denke, diese Bewegungen haben schon immer stattgefunden. Momentan liegen sie im Trend . Es ist aber gefährlich, zu denken, es seien neue Bewegungen. Sie haben eine lange Tradition und werden noch lange anhalten. Die Popkultur erlaubt es, dass wir nun darüber sprechen, aber sie geht auch nicht richtig in die Tiefe, wenn es um diese wichtigen Themen geht.

Lass uns auch mal über Zensur sprechen. Der YouTube-Link zu „Rub" wurde nach kurzer Zeit gesperrt, allerdings haben die meisten Plattformen im Netz den Vimeo-Link eingebunden und so konnte man das Video überall sehen. Das ist eine gute Entwicklung, oder? Die wäre vor zehn Jahren so nicht möglich gewesen.
Ja, weil man diese Dinge nicht im Fernsehen zeigen darf. Ich freue mich riesig, dass ich das Internet als Outlet für meine Kunst nutzen kann, aber auch dort gibt es immer mehr Zensur und das wird voraussichtlich noch häufiger passieren.

Gibt dir die Tatsache, dass du deine Videos im Netz zeigen kannst, ein Gefühl von mehr Freiheit, du selbst zu sein?
Nicht wirklich, denn ich bin immer noch vom Fernsehen ausgeschlossen. Ich wurde bislang noch zu keiner Late Night-Talkshow eingeladen. Sie haben Angst und sagen immer noch Dinge wie: „Wird sie einen Dildo tragen, wenn sie hier auftritt, oder falsche Brüste?" Dabei trägt die Hälfte der Performer in diesen Shows ja schon längst falsche Brüste. Auch richtig große Festivals schließen mich eher aus. Ich bin nicht absichtlich kontrovers, aber es ist interessant, wie bewusst ich von diesen Mainstream-Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Um wieder auf YouTube zurückzukommen: Warum wurde „Rub" dort heruntergenommen, wenn darauf so viele fragwürdige Videos laufen? Die Leute denken, es gäbe eine großartige Entwicklung, aber vieles ist noch sehr rückständig.

peachesrocks.com/rub-tv

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Credits


Text: Osia Katsidou
Fotos: Me Collectors Room

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