regisseur fatih akin über gebrochene herzen, identität und die mission „tschick“

Heute kommt die Romanverfilmung von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman in die deutschen Kinos. Wie sich der Regisseur dem toten Autor genähert hat und warum er alles andere als ein Freund für die beiden Jungs sein wollte, hat er uns im Interview verraten.

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15 September 2016, 11:05am

Man darf ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen. Bei einer Buchverfilmung dagegen, da ist das ganz anders. Allein die Idee einer Buchverfilmung ist Einladung genug für gnadenloses Urteilen, für einen minutiösen Vergleich zum Original. Erst recht dann, wenn es sich um einen Text handelt, der auf Papier schon seine perfekte Form erreicht hat—und eigentlich eine Leinwandversion nicht nötig hat.

So denkt man vor allem bei Tschick, dem erfolgreichen Jugendbuch von Wolfgang Herrndorf. Die Freundschaft zwischen zwei Teenagern, dem wohlhabenden aber vernachlässigten Maik Klingenberg und dem Spätaussiedler Andrej „Tschick" Tschichatschow, hat über eine Million Leser gerührt. Warum auch nicht? Einen Lada klauen („leihen") und sich dann mit dem besten Freund auf einen Roadtrip begeben, das will doch jeder einmal machen. Am besten auch gleich in die Walachei!

Sechs Jahre nach der Veröffentlichung und drei Jahre nach dem Tod des Autors, bekommen wir jetzt Tschick fürs Kino. Und Regie führt Fatih Akin.

Fatih Akin, wie passt der da eigentlich rein? Welcher verrückte Produzent hat so ein Material in die Hände eines solchen Regisseurs gegeben? Womöglich ein Genie, denn der Film ist ein bisschen geworden wie Fatih Akin selbst ist: lässig, souverän und mit einer gewissen Wärme, die zum Glück auf dem Weg vom Buch zum Film nicht verloren gegangen ist. Genau das alles hat man hierfür gebraucht und es passt sehr gut zusammen. So viel sei gesagt: Tschick ist eine sehr gelungene Adaption.

Vorab zum Kinostart wurden wir zum Roundtable mit dem Filmemacher geladen, um mit ihm über Tschick, die AfD und die Rolle von Journalisten zu reden.

Über die Geschichte
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als mir eine Frau zum ersten Mal das Herz gebrochen hat. Damals war ich 14. Und das hallt bis heute nach, das war eigentlich so ähnlich wie in dem Roman, deswegen wollte ich den auch verfilmen. Ich habe immer genau das gelesen in dem Roman und nicht den Osten, nicht das Freiheitsding, nicht 'alle Menschen sind schlecht und nur 1% ist gut und wir treffen die.' Das war nicht das, was mich an dem Roman interessiert hat. Mich hat interessiert, dass da ein Außenseiter ist, der unsterblich in ein Mädchen in seiner Klasse verliebt ist. Die will nichts von ihm und er muss auf diese Reise gehen. Am Ende will sie dann was von ihm—da will er aber nichts mehr von ihr. Das konnte ich sehr gut nachempfinden."

Über die Produktion
„Wenn ich einen Film mache, dann muss ich mir erst mal selbst vertrauen. Tschick war eine andere Challenge, eine andere Herausforderung. So im Sinne von: Hier vertrauen mir Leute was an. Es ist halt so wie Rambo II - Der Auftrag. ‚Geh da hin, mach das Ding, hol die da raus. Komm wieder zurück.' Und ich habe sie zurückgebracht, Mission erfüllt. Ein bisschen so ist das. Und ich muss auch irgendwie fremden Leuten vertrauen. Ich kannte die Produzenten nicht ... Sind das alles Arschlöcher? Stehen die dir im Weg rum? Nein, die sind ganz OK, die schützen mich. Die schützen mich vor 20 Redakteuren, mit denen ich zu tun haben müsste, wenn ich selbst produzieren würde. Und wenn mir die Materie gefällt, an der ich arbeite, dann trenne ich ja nicht wirklich zwischen 'Es ist mein Material und es ist nicht mein Material.'"

Über die Schauspieler
„Die Hauptarbeit—neben dem Drehbuch—war, die Rollen von Tschick und Maik zu besetzen. Es gab ein monatelanges Casting. Ich habe immer nach so einer visuellen Kombination gesucht. Es musste irgendwie Don Quixote und Sancho Panza sein, Bud Spencer und Terence Hill, Eddie Murphy und Nick Nolte. Es musste visuell stimmen. Gefunden hat sie [Anand Batbileg und Tristan Göbel] dann Jacqueline Rietz [Casterin]. Genau genommen erst eine Woche vor dem Dreh. Ich hab sie mir geschnappt und gesagt: ‚Ey, hört mal zu. Ich bin während der Dreharbeiten keine Vaterfigur für euch. Ich bin kein Vorbild, um Gottes Willen. Ich bin kein Mentor. Ich bin nicht euer guter Freund. Ich will nicht euer guter Freund sein. Ich bin euer Regisseur! Ich werde saufen. Ich werde rauchen. Ich werde fluchen. Und ich werde mich nicht zusammenreißen, nur weil ihr fucking 14 seid.' Und das fanden die gut, diese ehrliche Ansage."

Über Wolfgang Herrndorff
„Ich hatte sieben Wochen Zeit, mich vorzubereiten. Also eigentlich gar keine Zeit. Und ich dachte mir so, wie kann ich mich noch vorbereiten? Irgendwie muss ich Herrndorf besser kennenlernen. Also habe ich in diesen Wochen Arbeit & Struktur gelesen—das hat mich sehr berührt. Für mich eigentlich sein bester Text, besser als Tschick und Sand. Weil es doch das Existenziellste ist. Ich habe es nicht als Blog gelesen, sondern als Buch. Das wurde ja bekanntlich buchstäblich im Angesicht des Todes geschrieben und ich kann mich an keinen anderen Text erinnern, der so kaltblütig mit dem Sterben, mit dem eigenen Sterben umgeht. Das fand ich bewundernswert, weil ich wahrscheinlich anders damit umgehen würde: Wahrscheinlich würde ich mich mit Drogen vollballern. Sechs Monate lang immer wieder abschießen, bis ich dann sterbe. Und er hat das eben nicht gemacht. Er hat ein Buch nach dem anderen rausgehauen, verdammt geile Bücher. Er hat ja eigentlich Tschick auch da so rausgehauen. Das lag ja so rum, er war nie richtig zufrieden mit einem Satz und hat dann ewig daran geschrieben. Und als es hieß 'Dein Ticket ist gebucht, Sitzplatz hast du auch schon'... dann hat er Sand schnell fertig gemacht. Nächstes Buch. Bilder deiner großen Liebe. Und nebenbei Arbeit und Struktur. Also so ein Output und so organisiert, das finde ich bewundernswert."

Über Journalismus
„Ich bin mir sicher, dass es eine Darstellung in der Presse und in den Medien gibt. Und es gibt eine Darstellung, eine Realität auf der Straße. Und ich glaube schon, dass da eine große Kluft zwischen den Bildern ist. Ich glaube, das eine ist wirklich so Theorie und Ängste verkaufen. Journalismus lebt halt auch vom Ängsteverkaufen. Film übrigens auch. Horrorfilme funktionieren halt immer gut. Und wenn du dann wirklich so auf die Straße gehst, dann hast du ja diese Konflikte nicht. 
Früher war es so: Man hat sich monatelang mit etwas beschäftigt und hat wirklich geprüft. 'Das ist so und die haben ihr Geld da und recherchier' das mal da' und dann kannst du dir ein Bild davon machen und dann gibt es einen Artikel. Es gab neulich mal einen Artikel über Köln, über die Silvesternacht. In der Zeit. Das war ein halbes Jahr Recherche. Und die haben das nicht so auf drei Spots heruntergeschrieben. Und, ich glaube, vieles in der Türkei-Darstellung in den Medien zum Beispiel—und das sage ich nicht wie ein Erdogan-Verteidiger. Aber ich glaube, dass vieles in der Darstellung in dem Informationszeitalter, in dem wir uns befinden, auf so eine Twitter-Ebene reduziert wird, wo Sachen eben nicht zu Ende recherchiert werden."

Über Identität
„Nehmen wir mal meinen Sohn, der ist mittlerweile schon elf. Der hat diese Probleme nun gar nicht. Sein Vater hat einen türkischen Hintergrund, seine Mutter ist halb-deutsch, halb-mexikanisch. Er trägt Indianerblut, Türkenblut und deutsches Blut in sich. Und er denkt ja nicht ‚Was bin ich?', sondern er ist Deutscher. Fertig, aus. Wenn er ein bisschen älter ist, setzt er sich vielleicht damit auseinander, vielleicht aber auch nicht. Nehmen wir mal ein anderes Beispiel. Nehmen wir mal die 187 Strassenbande aus Hamburg. Alles Gangster. Da rappen halt Kanacken und Deutsche zusammen. Rappen alle auf Deutsch und von deutschen Realitäten. Ich glaube nicht, dass die denken ‚Ich muss zurück in die Türkei und alles ist scheiße hier.' Wenn sie sagen ‚Alles ist scheiße hier', dann meinen sie das eher so aus einem HipHop-Ding heraus. So ‚Fuck the Police'-mäßig. Statt ‚In der Türkei ist alles besser.' Die gibt es natürlich auch, aber ich denke, es ist eine viel neoliberale, viel gebildetere Schicht, die dann am Ende so denkt, als das Straßenbild. Und ich glaube, dass es so ist, weil diese gebildetere Schicht sich mit mehr Medien auseinandersetzt als wie die auf der Straße. Deswegen bekommen die auf der Straße diese Diskussion nicht so sehr mit."

Und zuletzt ... wie würde Fatih Akin einem AfD-Wähler diesen Film pitchen? Oder die Szene erklären, in der Tschick einen Hitler-Schnurrbart aus Isolierband über die Lippen klebt?
„Ey, guck das an, das ist lustig. Hat auch was mit dir zu tun."

Credits


Text: Schayan Riaz
Fotos: Studiocanal