musikerin frances erklärt dir, warum man sich als newcomer sehr wohl mit anderen vergleichen sollte

Von Kritikern und Fans wird sie längst mit Musikgrößen wie Adele und Sam Smith verglichen, in ihrem Heimatland wurde sie für den BBC Sound of 2016 Award nominiert. Frances ist bereit für das Leben als Popstar - und das sieht anders aus als gedacht.

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Sep. 9 2016, 9:25am

Eigentlich hätte sie ihr Debütalbum nur mit Balladen füllen können, so einfach fällt es Frances über die Liebe zu schreiben. Aber das wäre dem Talent der jungen Musikerin nicht gerecht geworden, das viel mehr als schnulzige Popmusik prophezeit. Wir haben sie zum Interview getroffen und mit ihr über den Wettbewerb und die einhergehende Oberflächlichkeit in der Musikindustrie gesprochen. 

„Cloud 9" ist eine so schöne Ballade, meine Lieblingsstelle ist: „If you're not in love, just pretend it's enough."
Ja, ich habe mir viele Gedanken über das Konzept „Cloud 9" gemacht: Also dass darauf alles immer gut ist und selbst, wenn man weiß, dass alles eine Lüge ist, die man krampfhaft aufrechterhält, so will man die Wolke doch nicht verlassen, sondern auf ihr verweilen.

Lustigerweise spricht man in Deutschland von der Wolke 7.
Dein Ernst? Wie absurd.

Ja, vielleicht schweben wir nicht so hoch.
Dann sollte ich vielleicht eine deutsche Version schreiben ... Vielleicht auch nicht.

Die Musikindustrie liebt es, Sängerinnen zu vergleichen, wenn sie ihre erste Platte rausbringen. Was denkst du, mit wem wirst du verglichen?
Es gab schon sehr schmeichelnde Vergleiche. Adele, zum Beispiel. Oder Sam Smith und Ellie Goulding, letzteres hat mich doch etwas gewundert. Also sie ist toll, keine Frage, aber ich dachte immer, dass wir doch sehr unterschiedliche Musik machen. Ich mag es, wenn mich Musikjournalisten oder Fans oder wer auch immer mit anderen Sängerinnen vergleichen. Ich weiß, dass viele in der Branche das nicht mögen, aber ich finde das gut—und wichtig.

Wie meinst du das?
Nun ja, ich finde Vergleiche wichtig, damit man von Menschen entdeckt wird. Das ist doch das Spannende in der Musik. Und je mehr ich verglichen werde, desto mehr wissen die Leute, was sie erwartet. Wenn ich mein Spotify-Verhalten anschaue, dann klicke ich mich so schnell hin und her, und bin immer sehr dankbar für die „ähnliche Musik", die mir angezeigt wird.

Wenn wir schon über Vergleiche reden: Ich musste an Birdy und Florence and the Machine denken.
Danke! Ich liebe sie—beide!

Als ich letztes Jahr schlimmen Liebeskummer hatte, habe ich dauernd „When It Comes To Us" gehört, das hat mir sehr geholfen, mich zu suhlen. Danke dafür an dieser Stelle.
Oh, das ist traurigschön zu hören. Ich mag es auch, immer noch. Der Text sagt so vieles.

Fällt es dir leicht, über die Liebe zu schreiben?
Ja, sehr. Ich liebe es, über die Liebe zu schreiben. [Lacht]

Woran liegt das, was glaubt du?
Ich glaube, dass Liebe ein Gefühl ist, mit dem sich jeder identifizieren kann, mit dem jeder schon seine Erfahrungen gesammelt hat. Und genau das reizt mich, also: Wie beschreibe ich ein so gegenwärtiges Gefühl auf eine ganze neue Art und Weise? Welche neuen Metaphern kann ich finden? Es wurden bereits so viele tolle Liebeslieder geschrieben, man muss sich schon was einfallen lassen. 

Du warst für den BBC Sound of 2016 Award nominiert. Wie wichtig ist eine solche Nominierung für eine junge Künstlerin wie dich?
Sehr wichtig. Also es ist nicht so, dass mir das persönlich wichtig ist, aber es fühlt sich an wie ein leichter, angenehmer Schubser, wenn jemand dich am Rücken berührt und dich sanft in die richtige Richtung schiebt, während er oder sie dir leise den fehlenden Mut zuflüstert.

So eine Nominierung bringt immer auch mediale Aufmerksamkeit mit sich, und jetzt beginnen auch die Promo-Termine für das Album—hast du manchmal etwas Respekt vor dem Druck, der auf dich zukommt?
Nein, nicht wirklich. Es ist so, wie es ist. Ich habe nicht alles immer in der Hand. Es wird immer Menschen geben, die nicht zufrieden sind mit dem, was du machst. Bis jetzt musste ich noch nichts Schlechtes über mich lesen, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern kann. Ich stehe ja erst am Anfang.

Die Popmusikindustrie kann wahrscheinlich sehr oberflächlich und hart sein.
Absolut. Aber ich glaube, da passiert gerade etwas. Es gibt viele große und starke Sängerinnen, die sich gegen diese veralteten Schönheitsideale auflehnen. Alessia Cara, zum Beispiel, sie tritt nur ohne Make-up in der Öffentlichkeit auf.

Alicia Keys hat sich auch dazu entschlossen.
Und schau dir an, wie schön sie ist! Diese Schablone von einem blonden, dünnen Popstar wird, glaube ich, immer mehr belächelt. Ich jedenfalls stehe da drüber.

Und das mit jungen 23 Jahren. Du wirkst bereits sehr tough und cool.
[Lacht] Ich bin so uncool. Ich bin wirklich die uncoolste Person, die ich kenne. Ich bleibe am Wochenende lieber zu Hause und schaue mir Kochsendungen an, statt feiern zu gehen.

Aber genau das ist doch cool.
OK, dann bin ich cool. Also ich gehe schon aus, aber um Mitternacht bin ich dann wieder zu Hause.

Hast du das Gefühl, dass der Wettbewerb zwischen Musikerinnen sehr präsent ist?
Ja, auf jeden Fall. Allerdings kann ich mich da rausziehen, denn ich bin eine Songwriterin, die singt, und keine Sängerin, die performen muss, und all sowas. Ich respektiere das, wie sie über die Bühne laufen, tanzen und dazu singen, aber ich sitze lieber an meinem Klavier und spiele meine Songs.

Du schreibst also auch für andere Künstler?
Früher, ja. Bis irgendjemand sehr Aufmerksames zu mir meinte, dass ich die Songs vielleicht lieber für mich und mein Album behalten sollte. Aber jetzt ist das Album fertig und ich merke schon, wie es mich wieder reizt, für andere zu schreiben.

Was macht den Reiz aus?
Ich kann mich austoben, über Sachen schreiben, die ich gerne in Worte und Musik packe, aber die nicht zu mir passen. Was mich am meisten reizt ist allerdings die Tatsache, dass ich mich in den Kopf eines anderen versetzen muss—seien wir ehrlich, das reizt uns doch alle, oder?

Was sind deine Pläne für die nächsten Monate?
Ich werde mein Album im Frühjahr veröffentlichen und dann auf Tour gehen, in Europa und nach Amerika.

Glaubst du, es ist härter, sich in Amerika zu behaupten als hier?
Es ist schwerer, gehört zu werden, ja. Das Land ist einfach so groß, man muss so viel tun, um sich einen Namen zu machen. Andererseits ist es viel härter, die Deutschen und Franzosen von sich zu überzeugen. Sie sind sehr streng mit Künstlern, die Standards sind hoch. Aber: Ich bin bereit.

Credits


Text & Interview: Lisa Leinen
Foto: J. Foxton