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exklusiv: crack ignaz spricht über sein neues mixtape „marmeladé“

Der Pretty Boy aus Österreich veröffentlicht am Montag sein neues Mixtape. Wir haben mit ihm über die letzten achtzehn Monate seines Lebens, Deutschrapunfälle, seinen Internetgrusel, dabbende Münsteraner und die österreichische Pflaumenvielfalt...

von Jan Wehn
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11 November 2016, 8:55am

Nach zwei überaus erfolgreichen Touren mit LGoony, zwei Alben und immer größer werdendem Fame veröffentlicht der Österreicher Crack Ignaz Anfang nächster Woche ein neues Mixtape. Der Titel? Marmeladé. Der Klang? Weder so süß und zuckrig wie das kitschige Kirsch-Album, noch so rumpelnd und raw wie die gemeinsame Geld Leben-Großtat mit Produzent Wandl

Marmeladé klingt spontan, roh und angriffslustig, dann aber auch mal persönlich und im nächsten Moment wieder komplett drüber, kurzum: anders als alles, was Ignaz K. bisher gemacht hat. Denn das wäre fatal. Nach unserem „i-D meets Crack Ignaz & Wandl"-Video Anfang des Jahres redet Crack Ignaz heute exklusiv mit uns über die letzten achtzehn Monate seines Lebens, Deutschrapunfälle, seinen Internetgrusel, dabbende Münsteraner und die österreichische Pflaumenvielfalt.

Wie hast du die letzten anderthalb Jahre seit dem Release von Kirsch erlebt?
Hustle. Guter Hustle, eigentlich. Aber es war sehr turbulent. Es ging ja von Kirsch gleich zur NASA Universe-Tour. Anschließend haben Wandl und ich Geld Leben veröffentlicht, dann kam schon Aurora mit LGoony. Das war ein ziemlicher Overdrive, aber schon auch ziemlich gut.

Wolltest du zwischendurch nicht mal deine Ruhe?
Schon. Auf Tour kann es zum Beispiel schon zach werden. Aber, ich glaub, das hat man immer, oder?

Du hast gerade die Tour angesprochen. Für mich wirkt es immer unglaublich natürlich, wenn du auf der Bühne stehst. Als ob du dafür gemacht wärst. Das hat fast schon etwas auratisches ...
[Lacht] Wow, auratisch ... das ist ein cooles Wort. [Grinst] Das freut mich sehr. Aber das nehme ich selbst gar nicht so wahr. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann ist das eine Mischung aus Konzentration und alles gleichzeitig aus den Augen verlieren. [Denkt nach] Der Idealfall ist höchste Konzentration und absolute Freiheit. Das kann ich schwer beschreiben, weil das eigentlich ein Widerspruch ist.

Hast du es manchmal als störend empfunden, dass du immer zusammen mit LGoony unterwegs warst und ihr als Duo wahrgenommen wurdet?
Störend war das nicht. Aber am Anfang der Tour gab es immer wieder Momente, wo man eindeutig erkennen konnte, dass ich in der Wahrnehmung der Leute der Sidekick von LGoony war. Abgesehen davon habe ich das eigentlich immer als sehr nice empfunden, wenn wir zu zweit wahrgenommen worden sind—also, wenn es denn passiert ist.

Wie würdest du das Verhältnis oder vielleicht auch die Freundschaft zwischen dir und LGoony denn beschreiben?
Unsere Freundschaft ist schrecklich, unser Verhältnis ist großartig. [Lacht] Ich bin selber überrascht, wie selbstverständlich alles zwischen uns ist—einfach so und vor allem auch im kreativen Bereich. Ich habe schon mit den unterschiedlichsten Leuten gearbeitet, aber mit LGoony ist es überraschend intuitiv. Sehr angenehm und extrem einfach.

Worüber redet ihr denn abseits der Musik?
Ach, wir machen die klassischen Tourpranks und quatschen über alles Mögliche. Aber über Deutschrap habe ich früher nicht so viel geredet. LGoony ist der volle Head. Ich kenne niemanden, der so ein Deutschrap-Wikipedia ist wie er. Er hat mich auch krass damit angefixt. Das ist richtig schlimm. Ich schau mir diese ganzen Schrecklichkeiten, bei denen man durchdreht, mittlerweile auch an. Mir ist es echt besser gegangen, als ich das nicht gekannt habe.

Das ist ein bisschen wie ein Unfall. Man weiß, dass man besser nicht hingucken sollte, aber tut es dann trotzdem.
Ja, voll. [Lacht]

Bei den Interviews von dir und LGoony schwang immer so ein bisschen mit, dass ihr gar nicht wirklich zu der deutschen Rap-Szene dazugehören wollt. Ist das immer noch so? Oder hat sich da vielleicht durch euch auch eine kleine Subszene entwickelt, von der du gerne ein Teil bist?
Das ist schwierig zu sagen. Es ist wohl ein bisschen ambivalent. Es war nie mein Ziel, irgendwo dabei zu sein. Ich wollte immer nur etwas für mich machen. Aber dann gibt es auch wieder Momente, in denen man denkt, dass man irgendwo angekommen ist. Im Großen und Ganzen ist es mir lieber, ich bin etwas eigenständiges als ein Teil von einer Szene—ganz egal ob ich eine Abneigung gegenüber der Deutschrap-Szene habe oder nicht. Es gibt ja auch sehr gute Sachen, aber noch viel mehr belastendes.

Kurz nach dem Release von Geld Leben hast du einen Song auf deinem YouTube-Kanal hochgeladen, der „Le Premier Printemps" hieß.
Achso, ja, fuck! Ich hatte einfach Bock, so einen Song zu machen. Ich wollte immer schon ein Pianostück einspielen, als Prank sozusagen, und dann habe ich das meinen Leuten vorgespielt und das Feedback war viel positiver als erwartet. Ich habe mir gedacht: „Fuck it, jetzt mache ich gleich so eine Ballade daraus."

Hast du das Klavier selber eingespielt?
Ja. Wobei eingespielt vielleicht schon zu viel ist. Das war mehr so nach dem Trial-and-Error-Prinzip. [Lacht]

Mich hat der Track sehr stark an „König der Alpen" erinnert. Beide Songs gehen in eine ganz andere Richtung als die anderen Sachen von dir. Was ist das denn?
Ach, ich weiß es gar nicht. Mich amüsiert das einfach und mir ist auch egal, was andere davon halten. Ich muss das dann einfach raushauen.

Sprechen wir über dein neues Album: Du hast mal gesagt, dass Geld Leben einen sehr erdigen Klang hatte. Kirsch war eher süß, zuckrig und natürlich kitschig. Wie klingt denn Marmeladé?
Schwer zu sagen. Du hast es doch eh schon gehört, oder?

Ja. Ich finde, es klingt sehr savage.
Savage? Geil. Das wär cool, wenn es savage klingen würde. Es ist auf jede Fall düster. [Überlegt] Ja, ich kann mit savage sehr gut leben.

Du hast mal gesagt: „Alle Sachen, die ich mache, sind Sachen, die auch die nächsten Sachen wieder beeinflussen." Inwiefern hat denn Geld Leben das neue Tape beeinflusst?
Der Stil ist auf dem Tape ganz anders als auf Geld Leben, aber inhaltlich führt es das Album ab und an weiter. Das ist schwer zu beschreiben, aber manche Tracks von Geld Leben werden auf Marmeladé weitererzählt. Ich möchte das aber auch gar nicht aufklären, ein bisschen Mysterium muss schon vorhanden bleiben.

Die Beats klingen minimalistisch und melodiös zugleich, sogar teilweise so, als könnten auch Lil Yachty oder Lil Uzi Vert darüber rappen. Hast du deren Musik während der Entstehung viel gehört?
Nein. Ich habe einfach Beats gepickt, die noch nicht so viel verwendet wurden und die den Sound gerade ganz gut treffen. Die Beats habe ich ohnehin sehr impulsiv ausgewählt und, wenn mich einer überzeugt hat, habe ich sofort losgeschrieben. Meist waren das Produktionen, die mir selbst ein bisschen fremd waren. Wobei, wahrscheinlich ist fremd das falsche Wort ... Ich wollte einfach nichts machen, was ich schon mal gemacht habe.

Wie verändert es den Schreibprozess, wenn dir etwas fremd ist?
Das weiß ich nicht. Aber es ist auf jeden Fall interessanter, wenn ich etwas nicht schon fünfzig Mal gehört habe. Es entstehen ganz andere Dinge, weil man nicht weiß, wie das Endresultat ausschauen wird.

War das auch der Grund, warum du auf dem neuen Tape nicht wieder mit Wandl zusammengearbeitet hast?
Nah, ich habe meine Mixtapes ja früher auch schon so gemacht und ich wollte wieder zurück zum Handwerk.

Das Mixtape wird ja nur in Wien verkauft und soll nicht online zu hören sein.
Genau, ja. Man kann es sich nicht einfach so holen, sondern muss auf die Straße. Es wird es in Wien, in der Nähe vom Karlsplatz und im Votivpark zu kaufen geben. Dazu gibt es ja auch noch Tickets für meine Arena Wien Show. Man kann sich die Musik also zum Anhören kaufen und einen Monat später gibt es dann die live Version.

Warum hast du für das Tape den Weg raus aus dem Internet zurück auf die Straße gewählt?
Also man kommt sowieso nicht aus dem Internet raus. Es wird früher oder später online landen. Ich wollte gerne etwas in und auch für Wien machen. Das ist, glaube ich, etwas Romantisiertes, aber ich stell es mir einfach nice vor, dass ich den Leuten persönlich ein Mixtape gebe. Das ist etwas Echtes. Ich bin schon ein bisschen internetkrank. Alles ist virtuell. Da finde ich etwas, das offline passiert, eben gut.

Warum würdest du dich als internetkrank bezeichnen?
Mich kotzt das alles so an. Ich kriege immer richtige Deprikicks, wenn ich auf mein Handy schaue und durch die Timeline scrolle. Ich denke mir immer: „What the fuck, oida?" Ich meine, es ist eh okay, aber teilweise ist es auch so komisch, was die Leute feiern, und welche Dynamiken es online gibt. Das ist ein komplett eigenes Spielfeld geworden. Was man dort sieht ist ein richtiger Brainfuck—von Verschwörungstheorien bis dahin, dass es gesellschaftlich einfach akzeptiert ist, wenn jeder jeden Tag ein Selfie von sich hochlädt. Das ist doch irre! Wer will sich denn selbst so oft sehen und wer glaubt, dass andere Leute das sehen wollen.

Aber andere Leute wollen das ja sehen.
Das will ich aber gar nicht wissen. [Lacht]

Im Intro vom Tape sagst du „Ihr macht's jedes Mal dieselbe Scheiße, die selben Flows auf die selben Scheißbeats." Muss man immer etwas anders machen als vorher?
Müssen nicht. Aber für mich ist es frustrierend, immer denselben Scheiß zu hören. Vor allem jetzt gerade wieder. Es klingt alles immer gleich! Aber mit diesem Trap-Hype, der sehr viel mit Cloud Rap, oder wie auch immer das heißt, zu tun hat, befinden wir uns wieder in einer komplett betäubten Phase. Alles ist komplett ident—vom Klang über die Technik bis hin zum Inhalt oder sogar den Bewegungen. Das ist alles auf die unangenehmste Weise im deutschen Rap angekommen.

Gut, dass du die Bewegungen ansprichst. Dabben ist krass over, oder?
Fuck, oida! Beim Tourstopp in Münster war ich mit Juicy Gay beim Hafenfest und haben ultra Almans beobachtet, die um zwei Uhr in der Früh echt nonstop gedabbt haben.

Hast du denn schon mal gedabbt?
Jaja, sicherlich. In den Videos zu „Rawness" am Dach, aber auch bei „Ikarus". Das tut mir auch sehr leid. [Lacht] Da war es wenigstens noch nicht ganz so bekannt. Es war schon am hypen, aber noch nicht komplett drüber. Weißt du, die Jungs auf dem Hafenfest kennen doch unmöglich die Migos. Dass so ein Move und seine Herkunft dann derart schnell verbreitet wird, aber die ursprüngliche Bedeutung verloren geht, hat auf jeden Fall auch mit dem Internetgrusel zu tun, den ich eben meinte.

Was hat es denn mit Airforce Luna auf sich? Ist das ein Label oder eine Plattform?
Ich weiß noch nicht genau, wie man das am besten definiert. Aber es soll quasi beides sein. Feststeht, dass es LGoony und mir gehört. Wir wollten für uns selbst sein und einen Raum für unsere Kreativität schaffen. Wobei, Raum kann man nicht sagen ... es ist einfach unser Ding. Derzeit ist AFL unser Label, weil wir darüber unsere Musik veröffentlichen. Aber unsere Booking-Agentur ist auch in die Plattform involviert und wir planen in diesem Rahmen, was unsere nächste Schritte sein sollen, was es zugleich zu unserem Management macht. Wenn wir irgendwann mit größeren Labels arbeiten, würde Airforce Luna einige Aufgaben abtreten aber weiterhin involviert bleiben, weil dort auch unser Mindstate drinsteckt. 

Warum schreibst du „Marmeladé" eigentlich mit Accent auf dem e?
Um ganz ehrlich zu sein einfach, um mit den Leuten zu ficken.

Hast du eine Lieblingsmarmelade?
Zwetschge. Wie heißt das auf Deutsch?

Pflaume. Man kann aber auch Zwetschgen sagen.
In Österreich gibt es einmal die Powidl, die ist etwas herber und bräunlicher, während die Zwetschge eher etwas süßer ist.

Isst du die Marmelade dann am liebsten auf Brot mit Butter?
Ja, würde ich empfehlen. Wer richtig super savage ist, der probiert das mal mit dem Pirol-Blauschimmelkäse und tut das dann zusammen auf ein Brot. Das ist auf jeden Fall sehr spannend, aber auch nicht für jeden etwas. Das ist nur für die Gourmet-Savages. [Lacht]

„Marmeladé" wird es ab dem 14. November zu kaufen geben.

@CrackIgnaz

Credits


Text: Jan Wehn
Fotos: Alexandra Bondi de Antoni