Musikinterviews

wie diese partyreihe clubs zu einem sicheren ort für alle macht

Das queer forward Kollektiv Room 4 Resistance veranstaltet Partys, bei denen sie Mitgliedern marginalisierter Gruppen einen Raum bieten, sich auszuleben und sich vollkommen sicher zu fühlen. Im dritten Teil von BEYOND CLUBBING begleiten wir die...

Alexandra Bondi de Antoni

Alexandra Bondi de Antoni

In unserer neuen Videoreihe BEYOND CLUBBING erforschen wir, was die Berliner Underground-Partyszene so einzigartig macht. Wir sprechen mit vier Schlüsselfiguren, die mit ihrer Arbeit Grenzen aufbrechen, Diskussionen anzetteln und die Tanzfläche zu einem Safe Space für alle machen. Alle Beiträge findest du hier.

"Room 4 Resistance Partys sind voller Femmes, Einhörner, Regenbögen, vieler Neonfarben und guter, anderer Musik. Du wirst hier viele sexy Tänzer, eine freundliche Crew und ein freundliches Publikum finden. Und sie sind sehr DIY, wir machen alles selbst." Luz Diaz lacht und ihr steht die Freunde und auch der Stolz, diese Partyreihe ins Leben gerufen zu haben, ins Gesicht geschrieben. 2014 hat sie zusammen mit Luis Manuel Garcia und rRoxymore Room 4 Resistance gegründet und, nachdem sie ihre Events eine Zeit lang zusammen mit Hot Topic im Berliner Schwuz veranstaltet haben, finden die Partys seit Kurzem im :// about blank statt. Ein Thema, das hier groß geschrieben wird, ist die Schaffung von Schutzräumen, Safe Spaces — der Club als Raum, in dem man keine Angst haben muss, blöd angemacht zu werden oder diskriminierendes Verhalten in welcher Form auch immer zu erleben; als Raum, der einen schützt und einem die Möglichkeit gibt, sich auszuleben:

"Unser Kollektiv besteht hauptsächlich aus Frauen, queeren Frauen und Women of Color. Wir haben aber auch Männer, sowohl queere als auch heterosexuelle, und Menschen, die sich als Mann identifizieren", erzählt Luz. Room 4 Resistance bietet Menschen aus marginalisierten Gruppen einen Raum, loszulassen und mit Gleichgesinnten eine gute Zeit zu haben — das beginnt beim Booking und den Resident-DJs (rRoxymore, Doc Sleep, Yuko Asanuma, Purita D., DJ OCCULT, LMGM, Nene Hatun und Luz selbst) und geht weiter über die Crew (eine bunte Mischung von Menschen, die sich auf der Tanzfläche gefunden hat und mittlerweile 15 Leute zählt) bis hin zu den Partygästen. Genau deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass eine "Room 4 Resistance"-Party anders ist als andere Berliner Partys. Der Vibe im Club ist einladend und fröhlich, ganz anders als bei so vielen (Techno-)Events. Man merkt, dass es um mehr geht, als um sich in eine andere Sphäre zu katapultieren. Zusätzlich wird ein großes Augenmerk auf die Dekoration gelegt. Das DJ-Pult ist bunt geschmückt und überall fliegen Ballons durch die Luft. An der Wand hängt die Safer-Space-Policy, die einem erklärt, was es mit Schutzräumen überhaupt auf sich hat und was man tun kann und soll, wenn man gegriffen wird und es einem nicht gut geht. 

Weil die Arbeit, die Room 4 Resistance leistet, einzigartig ist, war es klar, dass sie in unserer Videoserie BEYOND CLUBBING nicht fehlen dürfen. An einem Sonntagvormittag haben wir Luz bei den Vorbereitungen zu ihrer Party am selben Abend getroffen und mit ihr über sicheres Feiern, die Bedeutung von Kollektiven und ihren Kampf für eine größere Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen gesprochen. 

Auf euren Partys hängen überall Aushänge mit eurer Safer-Space-Policy.
Schutzräume sind extrem wichtig, weil Menschen aus diesen Gruppen dort so sein können, wie sie sind, und sich miteinander connecten können. Nach dem Attentat auf den Schwulenclub in Orlando, dem Puls, hat eines unserer Mitglieder (LMGM) getwittert, dass uns das zwei Dinge lehren würde: 1.) kein Ort ist komplett sicher für uns; 2.) dass wir Schutzräume dringender denn je brauchen. Der Widerspruch zwischen diesen beiden Aussagen zeigt wie die Unterdrückung wirkt. Der Grund, warum Safe Spaces so wichtig sind, ist auch der Grund, weshalb es so schwer fällt, sie zu schaffen. Es gibt nicht den einen Königsweg, um einen Schutzraum zu installieren. Aber den Leuten zu hören und mit ihnen über ihre Erlebnisse von Diskriminierung in der Dancemusik zu sprechen, ist schon mal ein guter Anfang. Niemand kann garantieren, dass ein Safe Space zu 100 Prozent sicher ist. Man kann aber sehr viel tun, um einen Ort sicherer zu machen. Auch wenn man als Promoter oder als Veranstaltungsort sein Bestes gibt, man hat nie zu 100 Prozent die Kontrolle über alle Elemente einer Party. Man kann viel tun, wenn man die Menschen aus seiner Community beschützt und ihnen Unterstützung geben kann. Wir haben viel darüber nachgedacht. Wir tun unser Bestes, unserem Publikum zuzuhören und uns von Party zu Party zu verbessern.

Warum habt ihr Room 4 Resistance überhaupt ins Leben gerufen?
Wir wollten eine Plattform schaffen, um Frauen und Musikerinnen, die sich als Frauen identifizieren, zu buchen und ihnen — und uns — einen Ort zu geben, wo wir ohne äußere Einflüsse musikalisch experimentieren können. Wir wollten auch einen sicheren und lustigen Ort für queere Frauen, Femmes, nicht-binäre Menschen und all unsere Freunde, die marginalisiert werden, kreieren, wo sie sie selbst sein können, sich willkommen fühlen, und zwar nach ihren Maßstäben.

Wir hatten damals das Gefühl, dass das in unserer Szene in Berlin fehlt. (Wir freuen uns, dass es heute ein paar Kollektive gibt, die ähnlich ticken.) Wir wollten einen Kern an Resident-DJs aufbauen, die damit einen Raum haben, an dem sie ihre Skills entwickeln können und die Freiheit haben, musikalische Abenteuer einzugehen.

Ich wollte eine Party veranstalten, auf die ich selbst gehen würde. Jeder in unserer Crew ist ein Raver mit langjähriger Erfahrung. Für uns wurde es immer schwieriger, eine gute Zeit beim Ausgehen zu haben, das gilt auch für die Events, die von schwulen Männern veranstaltet und promotet werden. Wir wollten einen Ort für queere Frauen, wo man sich sicher fühlt, musikalisch inspiriert wird und gleichzeitig auch Spaß hat. Unsere eigene Party war unsere Antwort darauf.

Warum habt ihr euch entschlossen, eure Partyreihe Room 4 Resistance zu nennen? 
Wir haben ganz am Anfang einen Dancefloor auf der Hot Topic Party im Schwuz bespielt, es gibt dort drei Räume. Resistance, also Widerstand, war mir persönlich und musikalisch schon immer ein Anliegen. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir einen Ort zu haben, in dem unsere Gäste und Resident-DJs die totale Freiheit haben, Risiken einzugehen. Sie sollen das spielen können, was sie wollen, ohne dem Publikum gefallen zu müssen. Das ist gerade in der Dancemusik-Szene schon an sich ein Zeichen des Widerstands. Diese Szene mit ihrer Kultur und Musik ist unglaublich vorhersehbar und sehr konformistisch.

Room 4 Resistance heißt auf Deutsch so viel wie Raum für Widerstand. Gegen was wendet ihr euch?
Gegen die Entwicklungen in der derzeitigen Dancemusik-Szene. Wir zeigen Musiker, die gar nicht oder nur sehr wenig präsent sind — wie Frauen, genderqueere oder nicht-binäre Menschen, Transgender, Schwarze und People of Color. Uns ist auch sehr wichtig, dass wir unsere Leute bezahlen. Frauen, Women of Color, queere Künstler, Transgender und andere Künstlerinnen, die marginalisiert werden, zu bezahlen, ist extrem politisch. Und natürlich ist unser Name eine Referenz an „Underground Resistance", das schon immer eine große Inspirationsquelle für politisch aktive Musikkollektive war.

Thump war in Manchesters queerer Partyszene unterwegs

Was würdest du sagen, ist das Besondere an Room 4 Resistance und wer ist in eurer Crew?
Unser Kollektiv besteht hauptsächlich aus Frauen, queeren Frauen und Women of Color. Wir haben aber auch Männer, sowohl queere als auch heterosexuelle, und Menschen, die sich als Mann identifizieren. Jeder hilft mit. Wir hängen die Plakate auf, stehen an der Tür, dekorieren und so weiter. Wir sind eine DIY-Party, wir machen alles selbst und zusammen. Wir sind im Laufe der Zeit zusammengewachsen. Wir sind ein Freundeskreis, der sich stetig durch Zusammenarbeit vergrößert. Wir arbeiten zusammen, mehr Leute beteiligen sich und so wird unsere Community größer.

Ihr bietet Frauen eine große Plattform. Warum sind Frauen deiner Meinung nach in der Musikszene immer noch unterrepräsentiert?
Die Musikszene spiegelt einfach die Gesellschaft wider. Unsere Gesellschaft ist extrem patriarchisch, misogynisch und ungerecht. Daher ist es nicht überraschend (nicht minder frustrierend und ironisch), dass Frauen immer noch so sehr um Respekt und faire Repräsentation kämpfen müssen.

Broadly stellt euch die Dokumentation "Raw Chicks.Berlin" vor.

Wo stehen wir im Kampf um diesen Respekt und faire Repräsentation?
Es sieht nicht gut aus. Auch wenn wir in den letzten Jahren zwei Schritte nach vorne gemacht haben, gehen wir im Moment wieder 15 Schritte zurück. Wir sind davon noch weit entfernt. Es muss noch viel getan werden und wir gehen nicht in die richtige Richtung. Traurigerweise legen wir als Gesellschaft willig den Rückwärtsgang statt den Vorwärtsgang ein.

Was ist das Ziel von Room 4 Resistance?
Room 4 Resistance ist ein queer forward Femme-Kollektiv, das auf Community-Building genauso setzt, wie darauf Schutzräume zu schaffen und die Sichtbarkeit von Frauen, genderqueeren und nicht-binären Menschen, Transgender, Schwarzen und People of Color in der Dancemusik zu erhöhen. Wir zelebrieren Vielfalt, ob nun in der Musik, in der Sexualität, Körper oder Herkunft, queere Solidarität und Community, sowohl mit unserem Publikum als auch mit unseren DJs und unserer Crew.

Seit Anfang an war es uns wichtig, dass wir für die Menschen, die zu uns kommen, einen Schutzraum zu bieten. Wir wollen einen beschützten Bereich schaffen, in dem man von allen unterdrückenden patriarchischen und misogynischen Verhaltensweisen geschützt ist, denen man anderswo ausgesetzt ist, gerade als Teil einer marginalisierten Gruppe. Für die Zeit der Party schaffen wir einen Zufluchtsort. Ein Ort, wo wir uns sicher fühlen können und so queer und femme sein können wie wir das wollen, ohne uns einschränken zu müssen. Ein Ort für uns selbst und um Spaß zu haben.

Wir haben nicht das eine, ultimative Ziel, aber wir haben viele Wünsche und wir sind motiviert. Wir versuchen, mit unserer Party einen Ort zu schaffen, der die Gesellschaft widerspiegelt, in der wir gerne leben würden, im Gegensatz zu der, in der wir jetzt leben. Das macht unsere Party auch so besonders, unsere Partys sind wirklich eine Erfahrung.

Die nächste Party von Room 4 Resistance findet am 13.05 im :// about blank statt. Alle Informationen findest du hier.

@Room4Resistance

Credits


Text und Fotos: Alexandra Bondi de Antoni