alt-j über langeweile, brexit und ihr neues album

Auch wenn sich vieles zum Schlechten verändert, die Musik von alt-J bleibt konstant gut.

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02 Juni 2017, 1:40pm

Es ist inzwischen drei Jahre her, dass die britischen Überflieger alt-J ihr letztes Album This Is All Yours veröffentlicht haben. Es ist sogar fünf Jahre her, dass sie mit ihrem Debüt An Awesome Wave alle überraschten und sämtliche Rekorde brachen. Seitdem ist viel passiert. Die drei Londoner haben nicht nur die Welt bereist und sind zu einer der bekanntesten UK-Bands geworden, sie hatten auch genug Zeit, um die Grenzen der Langeweile auszutesten und diese sogar zu überschreiten. Aber auch ihr Heimatland hat in den letzten Jahren sichtbare Veränderungen durchgemacht. Ständig verändert sich alles, doch glücklicherweise gilt das nicht für die Musik von Gus, Joe und Thom. Sie klingt noch immer so verschroben poppig und übermäßig detailverliebt wie damals. Heute erscheint ihr drittes Album Relaxer und vielleicht sind alt-J damit die einzige Konstante, die so manche in ihrem Leben haben. Wir haben mit ihnen über ihr neues Werk, Langeweile und über den Brexit gesprochen.

Zu eurem letzten Album This Is All Yours habt ihr gesagt, es wäre gute Musik für den Weltuntergang. In welcher Situation sollte man Relaxer hören?
Gus: Es ist ein gutes Album, um etwas zu erkunden und umherzustreifen — ein Entdeckeralbum. Du solltest es also in deinem Rucksack haben, falls du dich in den Bergen verläufst.
Joe: Falls das passiert, gibt es für jede Situation einen Track. Wenn du stirbst, hör dir "Last Year" an. Wenn du einen Weg findest, der nach unten führt, hör "Deadcrush".
Gus: Wenn du dich verliebst, hör "Adelaide".
Joe: Wenn du deine Fahne auf dem Berg hissen willst, hör "Pleader".
Gus: Oder wenn du hungrig bist, hör "Cold Blood". [Alle lachen]
Joe: Es fehlt noch "House of the Rising Sun". Das wäre …
Gus: Zum Sonnenaufgang. Du hast die Nacht überlebt. Gut gemacht!

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Eure Songs handeln oft von realen Personen und Charakteren, auch wenn es nie so offensichtlich ist. Was gibt es auf diesem Album zu entdecken?
Gus: Unsere Songs handeln alle von wahren Emotionen. Manche Songs sind eher abstrakt in ihrer Geschichte wie "In Cold Blood", und andere sind sehr eindeutig und haben einen Ort und eine Zeit wie "House of the Rising Sun". Der Song erzählt eine erfundene Geschichte übers Trinken, Spielen und über eine Familie in New Orleans. "Pleader" hingegen handelt von dem Aufstieg der walisischen Bergbauinsdustrie im 19. Jahrhundert. Das ist zwar eine wahre Begebenheit, aber sie basiert auf einem fiktionalem Buch. Das beweist eigentlich nur, dass alle Geschichten auch wahre Geschichten sind. Die Grenzen sind sehr verschwommen.
Joe: Unser Lieblingsdetail auf diesem Album ist ein Fieldrecording. In "33W" hinterlassen drei Frauen eine kleine Notiz am Lagerfeuer, auf der steht "The girls from the pools say ,Hi'". Dafür haben wir unsere drei Freundinnen in einem Pool aufgenommen, wie sie "Hi" sagen. Das ist einer meiner Lieblingsmomente auf dem Album.

Langweilt ihr euch schnell?
Gus: Nein, ich glaube nicht. Ich überkompensiere Langeweile immer. Wenn ich Angst habe, dass etwas langweilig werden könnte, treffe ich sofort Maßnahmen. Wenn ich mich, zum Beispiel, rasieren muss oder mir die Zähne putze, schalte ich gleich einen Podcast oder Netflix auf meinem Telefon an, nur für den Fall, dass mir langweilig werden sollte. Es ist ziemlich bescheuert. Manchmal ist es gut, in einem Auto zu sitzen und nur aus dem Fenster zu schauen, anstatt auf sein Handy. Wir sind in einem Alter, in dem einfach alles zu viel ist, zu viel Entertainment, zu viel Information. Einfach nur herum schauen und den Gedanken freien Lauf lassen, kann manchmal auch gut sein. Ich würde aber nicht sagen, dass ich mich schnell langweile.
Joe: Dank unseres Jobs haben wir viel Zeit, um zu machen, worauf wir Lust haben. Wenn du eine Weile nur auf dein Handy schaust, kommst du sogar über Langeweile hinaus. Dann bist du in einem fieberigen Albtraum gefangen, in dem du nichts machen willst, nicht mal das, was du gerade machst. Manchmal lege ich mich in mein Bett und schaue eine halbe Stunde auf mein Handy. Und dann atme ich einfach. Ganz langsam und laut. [Er atmet langsam und laut, alle lachen]

Immer wenn ich ein Album von euch höre, habe ich diesen Gedanken, dass euch echt langweilig gewesen sein muss.
Joe: Meinst du, dass wir von der Kultur gelangweilt waren und deswegen etwas geschaffen haben, das uns nicht langweilt? Zum Beispiel, wenn wir Leute in Schwimmbädern sampeln und du dich fragst, wer zur Hölle hat Zeit, so was zu machen?
Thom: Das ist eben unser Job. Aber wir sind auch an Vielem interessiert. Ich glaube aber gar nicht, dass das aus Langeweile passiert. Selbst als wir angefangen haben, haben wir uns bewusst die Zeit genommen, das zu machen. Ich weiß aber, was du meinst.
Joe: Wenn es um die Produktion geht, versuchen wir, dem Ganzen etwas mehr Form als eine gewöhnliche Band zu geben. Es gibt schon eine gewisse Rastlosigkeit, diesen Punkt zu erreichen und immer neue Ideen auszuprobieren. Wir waren schon immer eine Band, die zueinander gesagt hat: "Wirf es noch nicht weg. Hör es dir nochmal an, vielleicht gefällt es dir dann." Denn wir machen Songs, die etwas interessanter sind als konventionelle Songs.

Ihr habt euer Album in London aufgenommen. Wie ist die Stimmung dort?
Joe: Natürlich denken wir uns, "Brexit ist scheiße", aber in London geht alles weiter wie immer. Es ist seltsam, bisher ist der Brexit ja noch nicht die Realität. Abgesehen von der allgemeinen Stimmung, dass sich alle in London vom Rest des Landes abgetrennt fühlen, habe ich bisher noch keinen Unterschied gemerkt. London ist eine weltoffene, multikulturelle Metropole und wir sind stolz darauf, dass alle unsere Freunde verschiedene Sprachen sprechen und nicht alle gleich aussehen. Ist das nicht großartig? Aus meiner Sicht profitiert das ganze Land von der EU, aber London ganz besonders.
Gus: London ist eine kleine Bubble. Die meisten unserer Freunde sind nicht britisch, sondern aus allen Teilen der EU und dem Rest der Welt. Es ist seltsam, dass das Land, in dem wir leben, zu ihnen gesagt hat, wir wollen euch hier nicht mehr. Das ist echt traurig! Seit dem Brexit verbreitet sich immer mehr das Gefühl, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Und das ist ein unheimlicher Gedanke.

Thom, du hast ein Soloprojekt veröffentlicht, High Anxiety. Wie beeinflusst das dein Zugang zur Band?
Thom: Mein Wissen über Produktion hat es auf jeden Fall beeinflusst."Deadcrush" und "3WW" sind zum Beispiel komplett programmiert. Ich habe jetzt ein neues Tool, das wir auch für die Band nutzen können. Ich genieße das sehr, weil man so viel machen kann. Das Potenzial ist ein großer Anreiz. Ein paar Sachen, die ich ihnen gezeigt habe, mochten sie und haben versucht, es in das neue Album einzuarbeiten, aber es hat nicht richtig gepasst. Für mich ist es einfach etwas, das ich tue. Ich mache so viele Dinge außerhalb der Band. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.

Was macht ihr außerhalb der Band?
Gus: Ich habe letztes Jahr ein Restaurant eröffnet. An manchen Tage war ich schon der Koch, meistens bin ich aber nur der Souschef. Es ist ein modernes, europäisches, kleines, hippes Restaurant.

Credits


Text: Viola Funk
Foto: Mads Perch