mehr als iro: derek ridgers fotografierte die wahren punk-pioniere

Der britische Fotograf fand die Besucher von Punk-Konzerten interessanter als die Bands. Mit uns spricht er über die Bedeutung von Subkulturen und darüber, warum junge Leute heutzutage genauso interessant sind wie die Jugendlichen in den 60ern und...

|
Juli 28 2017, 2:19pm

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US.

Einige der besten Aufnahmen von Fotografen entstehen, wenn sie mit Freunden abhängen. Während Diane Arbus sich ihren Motiven von außen genähert hat, kann Derek Ridgers nicht wirklich einer bestimmten Kategorie Fotograf zugeordnet werden. Ende der 70er, zur Blütezeit des Punks, hat er in London die Jugendkulturen dokumentiert, weil ihn die Jugendlichen mit ihren Iros auf seinem ersten Punkkonzert fasziniert hatten. Der damals 20-Jährige, der selbst Pferdeschwanz und Strickjacke trug, ist gerne auf die Konzerte gegangen und wurde so zufällig Teil der Szene.

Auch auf i-D: In dieser Folge von Street, Sound & Style schauen wir uns Skins und Scooter-Boys an

Angezogen von seinen explosionsartigen Anfängen, blieb er der Punk-Kultur trotzdem mit kritischer Distanz verbunden. Derek ist wahrscheinlich die einzige Punk-Ikone, die noch lebt und nicht nostalgisch auf den Nihilismus der Vor-Thatcher-Ära zurückblickt. Er hat nicht gegen die "Weekend Punks", die am Wochenende ihre Anzüge zu Hause lassen und sich eine Nacht dem Schweiß und Speichel eines Punk-Konzertes hingeben. Uns hat der Fotograf nicht nur einen Blick in sein Archiv gewährt, sondern sich auch mit uns darüber unterhalten, was ihn mit Punk verbindet, was sein Vater über die Frisuren gedacht hat und wie es den Leuten auf den Fotos heute geht.

Du hast mit dem Fotografieren angefangen, weil du den Bands näher sein wolltest. Erinnerst du dich an den Moment, als du die Besucher interessanter fandest als die Musik?
Ja, ich erinnere mich genau an den Moment. Das war im Spätherbst 1976 während eines Sets der Punkband The Vibrators im Kingston Poly im Westen Londons. Ich stand vor der Bühne und das Publikum stand direkt vor mir. Als die Band aufgetaucht ist, sind die Leute komplett ausgerastet. Sie haben Pogo getanzt, sich aufeinander geschmissen und die verrücktesten Grimassen geschnitten.

Zu dem Zeitpunkt bin ich bereits zehn Jahre auf Rockkonzerte gegangen, aber so etwas hatte ich davor noch nie erlebt. Die waren ohne Zweifel fotogen, das habe ich gleich gesehen. Ich wollte viel lieber das Publikum statt die Band fotografieren, aber hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht die Eier dazu. Ich habe ein paar Wochen gebraucht, so viel Mut aufzubringen, dass ich die Punks fotografieren kann.

Du warst nie selbst Teil einer Subkultur. Hängt dein Erfolg als Fotograf damit zusammen, dass du ein Außenseiter warst?
Rückblickend lag es vielleicht daran. Aber zu der Zeit war mir das überhaupt nicht bewusst. Ich wollte als Kind unbedingt dazugehören, zumindest irgendwo. Mitte der 60er wollte ich ein Mod, dann ein Hippie, ein Skinhead und dann wieder ein Hippie sein. Aber ich war nie sonderlich gut darin. Mein Vater hat mich immer dazu genötigt, meine Haare kurz oder lang zu tragen -— meistens kurz.

Ich habe Soul und Ska bewundert und alles geliebt, was mit der Hippie-Bewegung zu tun hatte. Ich empfand eine natürliche Verbindung zur Skinhead-Kultur, auch wenn bestimmt keine politische. Im Kopf bin ich nach wie vor ein Hippie. Ich habe auch schon immer einen Pferdeschwanz getragen. Das ist mittlerweile das dritte Jahrzehnt, in dem die nicht mehr modisch sind. Inzwischen bin ich so alt, dass mir das alles egal ist. Vielleicht bin ich auch der letzte aus der Babyboomer-Generation, der eine Mischung aus all diesen Subkulturen ist.

Blickst du nostalgisch auf die Fotos aus den Anfängen des Punks zurück?
Nein, überhaupt nicht. Bis zu einem gewissen Punkt ist Punk nur aufgrund des depressiven, gesellschaftlichen Klimas der damaligen Zeit entstanden. Die Labour-Regierung war extrem in die Mitte gerückt, danach kam Thatcher. Es gab eine hohe Arbeitslosigkeit, Stromausfälle, der Streik der Minenarbeiter, eine Drei-Tage-Woche, die Anschläge der IRA und auch der Müll lag meterhoch in den Straßen vor vielen Londoner Sehenswürdigkeiten. Wie kann man sich da nostalgisch an die Zeit erinnern? Natürlich ist es heute noch schlimmer. Viel schlimmer sogar. Aber ich blicke auf die Zeit mit keiner großen Sympathie zurück.

Hast du Verständnis für Leute, denen die kommerzielle Verwertung von Punk und die kulturelle Aneignung der Punk-Ästhetik zu weit geht?
Nein, nicht wirklich. Ihnen hat es doch nie wirklich gehört, oder? Ich wette, dass diese Kids noch nie von den Sex Pistols gehört haben, genauso wie junge Fotografen, die noch nie von Richard Avelon oder Irving Penn gehört haben. Im Jahr 2017 spielt das überhaupt keine Rolle. Was soll so schlimm daran sein, dass sie ihre Leben ein wenig verbessern wollen, indem sie ihre eigenen Interpretationen von Punk haben?

Malcolm McLaren, Vivienne Westwood und die Sex Pistols haben Punk nicht erfunden, genauso wenig wie Richard Hell. Sie haben nur dabei geholfen, dass er sich entwickeln kann. Genauso wenig haben The Grateful Dead und Jefferson Airplane den Summer of Love erfunden. Jeder beansprucht die Urheberschaft darüber, was die eigene Jugend geformt hat. Das ist normal. Was ist so schlimm daran, wenn Leute unter der Woche in einer Bank arbeiten und sich Freitagabend Gel in die Haare schmieren und Weekend Punks werden? Wen interessiert das überhaupt? Und wie beeinflusst mich das und meine Vergangenheit? Einige der Weekend Punks sehen einfach wundervoll aus, du kannst fast ihr Shampoo durch die Bilder riechen.

Hat Instagram etwas an der Art und Weise geändert, wie sich junge Leute anziehen?
Heutzutage machen sich die Menschen immer noch zurecht. Sie zeigen, was sie haben und benehmen sich extravagant. Dafür müssen sie heute aber nicht mehr ihre Wohnung verlassen. Instagram und Facebook sind jetzt ihre öffentliche Bühne. Bei den originalen Punks und New Romantics war es noch so, dass sich die Leute zurecht gemacht und in den Bus gesetzt haben. Sie wurden oft zum Gespött. Damals war London ziemlich hart und an einigen Orten ist es immer noch so. Jemand wie Leigh Bowery konnte seine Wohnung im Norden Londons fast nackt verlassen, nur ein bisschen Farbe und ein paar Zweige hatte er an. Er ist mit dem Bus zu den ganzen Clubs gefahren. Und obwohl er ein hochgewachsener Junge war, hat ihn das Mut gekostet. Damals waren die Clubs meist irgendwelche dunklen Keller, die so voll waren, dass man sich nicht bewegen konnte. Einige Orte waren so laut, dass man sich selbst nicht gehört hat. Und trotzdem sind die Leute jeden Abend wiedergekommen und haben es geliebt. Sie würden es heute auch noch machen, wenn sie könnten. Das Problem ist nur, dass es nur noch sehr wenige dieser Clubs heute noch gibt.

Was fotografierst du heute noch?
Alles. Du bist kein guter Fotograf, wenn du abstumpfst. Ich fotografiere heute weniger, aber dafür bin ich heute begeisterter als ich es jemals war. Heute weiß ich, dass Fotos eine unglaubliche transformative Macht haben können. Als ich jünger war, hat es mich nicht interessiert, Fotograf zu werden, auch wenn mich Blow-Up und die weiblichen Schamhaare fasziniert haben. Ich wollte damals Maler oder ein berühmter Art Director werden, teilweise will ich das immer noch. Ich liebe visuelle Kunst, sogar Typografie. Aber Fotografie hat mein Leben verändert und tut es das auch nach wie vor. Fotografie hat mir ein zufriedenstellendes Leben beschert. Das habe ich nie als selbstverständlich gesehen. Nicht eine Sekunde.

Du hast einige der Leute kontaktiert, die du damals fotografiert hast. Warst du überrascht, wie sie sich verändert haben oder sind sie so geblieben?
Mich haben zwei Dinge besonders schockiert: Wie viele es davon nicht mehr gibt. Das gilt besonders für die Geschichte von dem jungen Mann, den ich fotografiert habe. Tuinol Barry. Er hat das Leben mit beiden Armen umschlungen bis es ihn irgendwann aufgesaugt hat. Es ist toll, dass Leute die Erinnerung an ihn wachhalten, aber es ist auch eine Schande, dass das bei so vielen anderen nicht der Fall ist. Zweitens hat es mich überrascht, wie wenig die weiblichen Punks und New Romantics gealtert sind. Viele sehen so aus, als ob sie nur zehn Jahre älter geworden sind. Princess Julia sieht zum Beispiel so schön und sexy aus wie vor 40 Jahren. Es wäre nicht fair, noch mehr Namen zu nennen, weil ich dabei ein paar vergessen würde. Viele von ihnen sind aber auf Facebook, also überzeugt euch selbst.

Credits


Text: Hannah Ongley
Fotos: Derek Ridgers