„wir werden die ärzte als beste band der welt ablösen“

Als Die Achse bündeln die beiden HipHop-Produzenten Bazzazian und Farhot ihre kompositorischen Kräfte. Vorab zum Release ihrer ersten gemeinsamen EP zusammen mit Haiyti, stellen wir euch das Duo erstmals und exklusiv auf i-D vor.

von Jan Wehn
|
26 Januar 2017, 9:10am

In Sachen Produzenten hat sich im Deutschrap erfreulicherweise was getan. Vorbei die Zeiten, in denen der Mann mit dem Klang als bedeutungsloses Beiwerk abgetan oder gar nicht erwähnt wurde. Dass ein Produzent so stiefmütterlich behandelt und in den Hintergrund verdrängt wird, wie seiner Zeit etwa Fanta-4-Viertel And.Ypsilon scheint heute undenkbar. Längst ist nicht mehr nur wichtig, wer einen Song mit seinen Strophen veredelt, sondern auch wer dafür an den Tasten und Knöpfen sitzt, ja, mehr noch: die wirklich guten Produzenten sind von anonymen Dienstleistern zu ernstzunehmenden Künstlern mit eigenem Soundstempel geworden.

Zwei davon sind ganz sicher Bazzazian und Farhot. Ersterer dürfte dem geneigten HipHop-Hörer noch als Benny Blanco bekannt sein. Unter diesem Namen produzierte der Kölner für Szenegrößen für Olli Banjo, SD und vor allem auch Azad, dem Bazzazian mit seinen Beats eine klangliche Entsprechung zu dessen rauer Nordweststadtpoesie gab, ehe er später unter anderem mit Gentleman an dessen Gold-Album Diversity und einem Unplugged-Album arbeitete. Es folgten die Zusammenarbeit mit Nneka an „Heartbeat", Talib Kweli, Die Fantastischen Vier oder Chefket. Vom Rest seiner Kollegen setzte Farhot sich aber erst ab, als er 2013 derjenige war, der Haftbefehls „Chabos wissen wer der Babo ist" dank einer epischen Produktion über HipHop-Kreise hinaus zum Hit-Status verhalf.

Und auch beim nächsten Haftbefehl-Album lieferte Farhot wieder fleißig Beats ab, die auf dem Tisch von Bazzazian landen, der als ausführender Produzent für das Projekt fungierte und in dem er einen Verbündeten für seine kompromisslosen Kompositionen fand. An ein paar Songs, von denen es „Engel im Herz, Teufel im Kopf" schließlich auch auf das Album schafft, arbeiten die beiden sogar gemeinsam. Produktionen für Booba, Bushido, Haftbefehl, Marteria, Samy Deluxe oder Gentleman auf der Visitenkarte, überlegen Farhot und Bazzazian etwa zur gleichen Zeit, ihre kompositorischen Kräfte zu bündeln und gemeinsame Sache zu machen. „Als wir das erste Mal unsere Sounds, ähnlich zweier Musiker mit unterschiedlichen Instrumenten, kombiniert haben, war die Die Achse geboren", erklärt Bazzazian. Sind die beiden also eher eine Band oder ein Produzenten-Team? „Eine Band trifft es eher finde ich. Mit Team kann ich auch leben - aber wir werden die Ärzte als beste Band der Welt ablösen", sagt Bazzazian und lacht.

Dass zwei Produzenten sich zusammenschließen, passiert ja nun doch eher selten. Da muss man die Musik des anderen schon mögen. Was gefällt Bazzazian an den Produktionen von Farhot? „Ich mag sein Gespür für Melodien und das Dreckige in seinen Beats. Das Wichtigste ist, das man einen eigenen Style hat. Bei den meisten Produzenten hört nicht wirklich einen Unterschied. Aber Farhots Beats hört man aus hunderten raus."

Und wie sieht's umgekehrt aus? „Seit Azzlack Stereotyp und Bazzazians Produktionen für Haftbefehl habe ich wirklich Bock bekommen, HipHop in Deutschland zu produzieren. Alles, was er macht, ist direkt gangster - egal welches Keyboard er in die Hand nimmt, er hat einfach Geschmack und kocht mit den richtigen Zutaten", findet Farhot. Schmeißt man das beste der beiden Welten von ihm und Bazzazian zusammen, entsteht ein Sound, der seinesgleichen sucht und deutschen Rap seit dem immer wieder in den Grundfesten erschüttert: Rough und dreckig, fachmännisch und freigeistig, verspielt und pointiert zu gleichen Teilen.

Das erste gemeinsame Projekt von Die Achse: Karate Andis Selfmade-Records-Debüt Turbo. Das Vorhaben: Andis Eckkneipen-Rap zwischen Moped-Tuning und Speedkater mit einem adäquaten Soundbild ausstatten. Die Mittel: Beschwipste Samplespielereien, wuchtiges Drum-Programming und brachiale Bläsersounds. Das Ergebnis: Mehr als gelungen. „Meistens beginnt es mit einer Idee, die der andere dann erst mal allein weiterentwickelt. Am effektivsten ist allerdings eine gemeinsame Session im Studio", beschreibt Farhot die Arbeit an den gemeinsamen Achse-Beats.

Als Haftbefehl und Xatar sich ein gutes halbes Jahr später für ihr COUP-Projekt zusammentun, sind Bazzazian und Farhot mit sieben Beats auf dem dazugehörigen Album „Der Holland Job" vertreten. Wieder schafft es das Duo einen neuen Sound zu generieren, der einerseits die unterschiedlichen Soundvorlieben von Haftbefehl und Xatar miteinander vereint und trotzdem stets den Stempel von Die Achse trägt.

Auch „Gib Geld", der heimliche Hit der Platte, geht dabei auf die Kappen von Bazzazian und Farhot. Ein brummender und schief-schräg scheppernder Amoklauf von einem Track, in dessen Refrain ein lasziv-labiles Organ im Imperativ die umgehende Aushändigung monetärer Mittel fordert. Die Stimme gehört Haiyti. Jener zwischen Avantgarde und Ausrasterei changierenden Anfangzwanzigjährigen aus Hamburg, die bereits seit ein paar Monaten von der Hansestadt aus mit Songs, Mixtapes und Features zeigt, wie deutscher Rap abseits von Social-Media-Streitereien und dem Buhlen um die Käuferschaft von überteuerten Deluxe-Boxen noch klingen kann.

Farhot verfolgt die Dezibelle, wie Hayiti unlängst vom Zeit-Feuilleton getauft wurde, schon eine ganze Weile. „Wir wollten eine weibliche Stimme zwischen den Strophen haben und dann habe ich mich für sie stark gemacht", erinnert sich Farhot an die erste Zusammenarbeit mit Hayiti, die den Jungs laut ihm mit ihrem Part den Arsch gerettet habe. Auch nach der Zusammenarbeit für das COUP-Projekt schaut Haiyti noch ein paar Mal im Studio vorbei. „Sie meinte nur: Zeig mal Beats - aber kein Oldschool!", erinnert sich Farhot. „Standard-85-BPM-Zeug langweilt sie - und uns mittlerweile eigentlich auch. Ich bin sehr froh darüber, dass Beats mit 55 bis 75 BPM mittlerweile salonfähig sind."

Als vier Lieder stehen, beschließen die drei, eine gemeinsame EP rauszuhauen. Sie trägt den Titel Jango. Entstanden sind die meisten Songs gemeinsam im Studio. „Mit Kopfzerbrechen hatte das nicht aber viel zu tun, weil Haiyti viele Ideen hatte", erinnert sich Farhot. „Wir haben dann eher gemeinsam sortiert." Anschließend stellt Haiyti sich vors Mikro und legt los - mal mit spontanen Freestyles, mal mit Text vom Blatt.

„Haiyti brüllt und gibt einfach alles", sagt Farhot. „Ich glaube, sie fühlt einfach, was sie sagt und dabei entsteht etwas Besonderes. Sie ist einfach mal eine Künstlerin unter den Rappern. Dass sie eine junge Frau ist, die Rapmusik macht, spielt dabei gar keine Rolle." Aber sind andere Rapper denn keine Künstler? „Einige mehr, andere weniger", findet Farhot. „Viele ähneln sich. Früher wollte man wie Samy, Savas, Bushido oder Marteria klingen, aktuell wird Haftbefehl nachgeeifert. Das Schöne an Haiyti ist, dass sie definitiv keine deutschen Vorbilder hat. Sie guckt wahrscheinlich eher, was 21 Savage macht. Man merkt ihr an, dass das Übliche sie langweilt."

Das stimmt tatsächlich. So wie Haiyti klingt gerade keiner - und wenn sie mit effektzerfurchter Stimme stöhnend und säuselnd Zeilen wie „Ich hab Angst, ich zieh wieder durch die Nacht / Ich trink viel mehr als ich kann / Marokks halten meine Hand!" vorträgt, dann ist das ergreifend und vor allem eigen. Quasi das stimmliche Pendant zu den Produktionen von Bazzazian und Farhot, die für die Jango-EP wieder eine große Portion Andersartigkeit auf ihr Achse-Fundament schippen. Dabei ist das Ende der musikalischen Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Gerade arbeitet Die Achse nämlich schon an ihrem Debütalbum. Wie das klingen wird? Noch geheim. „Den richtigen Achse-Sound wird es bald erst geben. Alles, was man bisher gehört hat, ist nur das Training für unsere Platte."

Credits


Text: Jan Wehn
Fotos: Chehad Abdallah
Besonderen Dank an The Impossible Project für den Instant Film und die Kamera. 

Tagged:
Berlin
HipHop
Musik
Deutschland
die achse