Macht es Sinn, gegen die Einsamkeit anzukämpfen?

Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft immer noch ein negativ behafteter Begriff. Dabei galt er in den vergangenen Jahrhunderten als Ursprung großer Künste. Wo stehen wir heute? Und wie einsam sind wir wirklich?

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Nov. 23 2016, 9:00am

"Ich kann nicht mehr genau sagen, seit wann ich mich einsam fühle, dieses Gefühl hat sich langsam eingeschlichen, viel zu langsam. Als ich mir dessen bewusst wurde, hatte ich das Gefühl, dass es schon zu spät ist, etwas zu ändern. Man verfällt in eine eigenartige Trotzigkeit, aus der man nur schwer wieder rauskommt", erzählt Josefine, zieht nervös an ihrer Zigarette und blickt durch den verrauchten Raum. Wir sitzen in einer Bar in Kreuzberg. Mein Blick fällt schnell auf einen Mann Ende dreißig, der alleine an der Bar sitzt. Seine Schultern sind gesenkt, sein Gesicht ist seinem halbleeren Whiskey-Glas zugewandt, in seiner linken Hand hält er sein Smartphone, auf das er bereits seit bemerkenswerter Zeit gedankenverloren und fast apathisch starrt. Vielleicht fällt es ihm leichter, nach rechts oder links zu wischen und ein schüchternes "Na?" in die digitale Welt der einsamen Herzen zu senden, als jemanden hier in dieser zugegeben sehr lauten Bar anzusprechen. Ob er alleine hier ist? Ja. Ob er einsam ist? Vielleicht.


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Einsamkeit, das Gefühl, das niemand sehen, greifen oder beschreiben kann. Ein Gefühl, das in unserer Gesellschaft noch immer schambehaftet ist, weil es heißen könnte, dass man versagt hat. Dass man zu kompliziert, zu anstrengend, zu anders ist, um Menschen an sich zu binden, um Freundschaften zu schließen und feste Beziehungen einzugehen. Gibt man die Schlagwörter "Einsamkeit" und "Ratgeber" in die Google-Suchleiste ein, werden einem sekundenschnell über 360.000 Ergebnisse angezeigt—das Geschäft boomt. Ist die negative Auffassung von Einsamkeit ein Phänomen unserer Zeit, vielleicht sogar unserer Generation?

In den vergangenen Jahrhunderten jedenfalls hatte der Begriff überwiegend eine positive Bedeutung. Im Mittelalter war die "Einekeit" eine "Voraussetzung für das Einfließen Gottes in die Seele". Der, der einsam war, war im Einklang mit sich selbst. Diese Annahme gipfelte vor allem in der Zeit der Aufklärung, als jeder, der sich—mit dem Ziel der persönlichen Weiterentwicklung und Leere—einsam zurückzog, sehr geschätzt und respektiert wurde. In der Romantik wird der Begriff "Einsamkeit" zum Inbegriff dieser Epoche. Viele Dichter, Musiker und Denker beschäftigen sich mit diesem Thema, finden in ihr beides: Freud und Leid. Vor allem Schopenhauer und Feuerbach feiern die Einsamkeit als individuelle Freiheit des Menschen, Kollege Nietzsche dagegen fürchtet sich regelrecht vor ihr. Diese Meinung teilen auch die Menschen des 20. Jahrhunderts und auch wir, im Hier und Jetzt. Denn was wäre die Kultur ohne die Einsamkeit? Die Kunst, die Literatur, der Film und die Musik? Weltschmerz, Tränen, Mitleid, Wahn, Ekstase, und jegliche Explosion von Emotionen würden wie kalte Luft an uns vorbeiziehen. Filme wie Lost in Translation, Into The Wild oder Taxi Driver hätten wir nie gesehen. Zahlreiche traurig-schöne gedankliche Ergüsse in Form von Gedichten und Romanen hätten uns nicht geprägt—von Thomas Bernhard und Sylvia Plath bis hin zur deutschen Literaturhoffnung Benedict Wells, der Anfang diesen Jahres mit seinem Roman Vom Ende der Einsamkeit sogar auf der Bestsellerliste gelandet ist.

"Seit ich hier, inmitten dieser Großstadt wohne, fühle ich mich noch viel einsamer als zuvor. Davor habe ich immer nur in Kleinstädten gelebt und studiert, man kannte schnell alle und wusste, wen man nicht kennen wollte. Aber jetzt bin ich hier, unter all den Menschen, von denen viele wahrscheinlich so sind wie ich, die gleiche Musik hören, die gleichen Interessen haben, die gleiche Sonntagsbeschäftigung gut finden, aber sie sind so viel schwerer zu finden als in der ollen Kleinstadt, in die ich mich mittlerweile heimlich zurückwünsche", erzählt Josefine. Von ihr aus können alle wissen, mit wem sie letzten Freitag nach Hause gegangen ist und es nächsten Freitag—wenn alles gut läuft—wieder macht. Wenigstens ist sie dort mit jemandem nach Hause gegangen. Wir unterhalten uns über die Wolke der Anonymität, die über Berlin und allen anderen Großstädten schwebt. Die Wolke, die sich mal rosa und mal tiefgrau färbt, die man manchmal gerne anschaut, mindestens genau so oft aber wütend und enttäuscht wegschieben möchte.

Während man es sich aussuchen kann, in diesem Getümmel an Menschen und Situationen alleine zu sein, können Menschen, die einsam sind, diesen bewussten Rückzug nicht genießen. Für sie ist jede Stunde alleine unter Menschen wie ein zu ehrliches Spiegelbild, das ihnen zeigt, wie verloren sie sind. "Die meisten Anrufe erreichen uns zwischen 21 und 3 Uhr nachts, dann, wenn die Menschen zur Ruhe kommen, wenn die Zweifel und Ängste besonders groß sind", erzählt Frau M. Sie gehört zu den festen Mitarbeitern der Telefonseelsorge in Berlin—und das seit über 30 Jahren. "Einsame Menschen sagen nicht sofort, dass sie sich einsam fühlen, sie verstecken sich hinter einem anderen Problem", erzählt sie. Mittlerweile habe sie gelernt, das schnell zu erkennen, meist schon an der Stimme.

Wie viele Menschen tatsächlich tagtäglich von dem Gefühl der Einsamkeit betroffen sind, lässt sich nicht sagen, nicht mal erahnen. Viele sind sich sicher, dass es mehr einsame Menschen in der anonymen Großstadt gibt, als in einer gut funktionierenden Dorf- oder Kleinstadtgemeinschaft, wo jeder jeden kennt und vereinzelt noch die Nachwehen der Idee eines Mehrgenerationenhauses zu finden sind. Andere dagegen sind der Ansicht, dass die Einsamkeit mit dem Alter zunimmt, dann, wenn die Familie längst weggezogen, und die Partner und Freunde verstorben sind.
Doch egal ob Stadt oder Land, ob Jung oder Alt: Die Einsamkeit ist ein Gefühl, das uns nie verlassen wird. Und mit ihr auch nicht die Hoffnung, dass durch sie und mit ihr die schönsten, bereicherndsten und emotionalsten Kunstwerke und künstlerischen Werke entstehen werden. Denn wir wissen alle, dass die meisten der ganz Großen auch die waren, die den Schmerz des Lebens fühlen mussten, um mit ihrem Können und Talent gegen ihn anzukämpfen.