17 fotografen und ihre unterschiedlichen interpretationen von fernweh

Von Salomon bis Tillmans: Wie sich Reisefotografie im Laufe der Zeit verändert hat, zeigt eine neue Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

von Catherina Kaiser
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25 April 2017, 1:05pm

Tobias Zielony, Car Wreck, from the series: Trona - Armpit of America, 2008 © Tobias Zielony

Reisefotografen vermitteln das Gefühl, uns mit in die entferntesten Winkel dieser Welt nehmen zu können, ohne jemals in ein Flugzeug gestiegen zu sein. Man schaut auf die Bilder und ist in Gedanken am Meer, in den Bergen oder mitten auf einer belebten Straße irgendwo ganz weit Weg von Zuhause. Reisefotografie lässt uns träumen, uns aus dem Alltag entfliehen und gibt im besten Fall noch einen tiefen Einblick in die uns so fernen Kulturen. Wir sprechen natürlich nicht vom Meer der beliebigen Füße im Sand #travel-Bilder, die unsere Socialmedia-Kanäle fluten, sondern von Fotografien, die mehr können als nur schön auszusehen. Doch wie authentisch können Bilder sein, die von einem Künstler aufgenommen wurden, der selbst gar kein Teil der Kultur ist, die er aufnimmt? Und wie hat sich die Reisefotografie durch Globalisierung und technischen Fortschritt verändert? Die Ausstellung Die fotografierte Ferne, die ab dem 19. Mai in der Berlinischen Galerie zu sehen sein wird, zeigt Arbeiten von 17 verschiedenen Fotografen (darunter Wolfgang Tillmans), die in den Jahren 1880 - 2015 aufgenommen wurden, und so diese Fragen zu beantworten versuchen. Zu diesem Anlass haben wir mit dem Kurator der Ausstellung, Ulrich Domröse, darüber gesprochen, was heute immer noch so spannend an Fotografien aus fernen Ländern ist — und wie sich der Fokus der Reisefotografie im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Erich Salomon, Fairfax Hunt Club, Virginia, 1930/1932, © Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Anja-Elisabeth Witte

Was fasziniert die Menschen am Reisen?
Obwohl es heute so einfach geworden ist, selbst über die entferntesten Winkel der Welt alle möglichen Informationen zu bekommen, ist das physische Erlebnis der Fremde noch immer etwas Besonderes. Neugier und Abenteuerlust sind wohl die entscheidenden Antriebskräfte, weshalb sich die Menschen immer wieder auf den Weg machen. Einmal aus unserem Alltag entkommen, gewinnt der Reisende eine andere Perspektive auf die Welt. Aber, was noch wichtiger ist, bestenfalls gewinnt er dort auch eine andere Perspektive auf sich selbst.

Wie kamen Sie auf die Idee zur Ausstellung?
Wir erleben in diesen Tagen, dass wir gar nicht mehr hinterherkommen, uns ein realistisches Bild von der Welt zu machen. Aber was ist eigentlich ein realistisches Bild? Fotografen, vor allem solche, die aus einem künstlerischen Impuls heraus fotografieren, haben seit der Erfindung der Fotografie immer wieder andere Antworten darauf gegeben. Da schien es mir eine interessante Idee für eine Ausstellung zu sein, das besondere Verhältnis der künstlerischen Fotografie zum Reisen, das auch immer eine Frage der eigenen individuellen Wahrnehmung der Welt ist, beispielhaft zu untersuchen.

Marianne Breslauer, Alexandria, 1931, © Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz

Wie unterscheidet sich der Blick von Reise-Fotografen von dem eines Einheimischen?
Es ist die Distanz. Aber das heißt nicht, dass es nicht auch ähnliche Bilder von Einheimischen und reisenden Fotografen geben kann. Entscheidend ist, ob man sich mit der Oberfläche zufrieden gibt oder ob man dahinter schauen will. Fotografen, die gemeinhin als Reise-Fotografen bezeichnet werden, begnügen sich mit dem Exotischen und Pittoresken, also mit dem schönen Schein. Deshalb kamen sie für diese Ausstellung nicht in Frage. Mich interessierte die künstlerisch motivierte Auseinandersetzung mit den kulturellen, politischen und sozialen Zuständen anderer Länder, die nicht zu trennen ist, von einer lebendigen und kritische Auseinandersetzung mit der Wirkungsweise des eigenen Mediums.

Hans Pieler / Wolfgang Lützen, aus der Serie: Transit Berlin-Hamburg, 1984, © Wolf Lützen und Dr. Johan Filip Rindler

Wie hat sich der Fokus der Reisefotografie seit den 1920ern verändert?
Auch wenn die Avantgarde der 1920er-Jahre eine moderne Bildsprache propagierte und sich damit eine veränderte Wahrnehmung der Welt durchzusetzen begann, untergrub sie keineswegs das Vertrauen in die Authentizität fotografischer Bilder. Über Jahrzehnte wurde die nicht in Frage gestellt. Erst mit den 1980er Jahren entwickelte sich ein Bewusstsein dafür, dass diese Authentizität zweifelhaft ist, weil sie zwangsläufig nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt und dieser von der Persönlichkeit des Menschen hinter der Kamera und seiner Interessenslagen bestimmt wird. Für unsere Ausstellung heißt das, dass war dieses Manko in sein Gegenteil wenden und davon ausgehen, dass man der Rätselhaftigkeit und Unüberschaubarkeit der Welt nur dadurch begegnen kann, dass man ihr seine eigene individuelle Sicht entgegensetzt — um so Einblicke in eine ansonsten verborgene Realität zu bekommen.

Evelyn Richter, Minsk, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig / VG BILD-KUNST Bonn, 2017

Welchen Einfluss haben soziale Medien, wie Instagram, auf die Ästhetik von Reisen?
Die Bilder, von denen Sie sprechen, werden mit einfachen technischen und formalen Standards gemacht. Sie sind geheimnisarm und im konventionellen Sinn schön. Die erfolgreichsten dieser Bilder, also die mit den meisten Likes, werden für sehr viele andere zum Vorbild. Der Unterschied zu ähnlichen Mechanismen in der Vergangenheit, wo sich Amateure an den Aufnahmen bestimmter Fotozeitschriften orientierten, ist aber der, dass man mit der Kopie dieser Ästhetik im Internet durchaus Geld verdienen kann. Für künstlerisch arbeitende Fotografen werden diese Trends aber wohl kaum von Einfluss sein. Sie suchen immer nach ihrem eigenen Ausdruck und ihrer eigenen Sprache.

Tobias Zielony, Two Boys, aus der Serie: Trona - Armpit of America, 2008, © Tobias Zielony

Nach welchen Kriterien haben Sie die Fotos ausgewählt?
Mit den Arbeiten der 17 beteiligten Fotografen sollte der Entwicklungsprozess der künstlerischen Fotografie seit der Moderne beispielhaft erzählt werden. Deshalb ging es darum, besonders ausdrucksstarke Serien und Projekte zu finden, mit denen die Vielfältigkeit dieses Themas sinnlich erfahrbar gemacht werden kann. Zusätzlich habe ich mich darum bemüht, dass zwischen den einzelnen Beiträgen verschiedenste inhaltliche Bezüge entstehen. Da gibt es Bilder, die in den 1920er-Jahren aus dem Ballon heraus aufgenommen wurden, es gibt Reisen, die nie in der Wirklichkeit, sondern nur im Kopf stattgefunden haben, es gibt Bilder, die zum gleichen Zeitpunkt aus ostdeutscher und westdeutscher Perspektive entstanden sind und es gibt viele Bilder, die den aktuellen Zustand der Welt auf hintersinnige und spannende Weise reflektieren.

Die Ausstellung Die fotografierte Ferne - Fotografen auf Reisen ist ab dem 19. Mai 2017 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Credits


Text: Catherina Kaiser
Fotos: Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Anja-Elisabeth Witte, Tobias Zielony, Wolf Lützen und Dr. Johan Filip Rindler

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