im gespräch mit der „suffragette“-regisseurin sarah gavron

Wir sprechen mit der Filmemacherin über die Einführung des Frauenwahlrechts, über Frauen im Kino, Proteste auf dem roten Teppich und die „Slave“-T-Shirt-Kontroverse.

von Colin Crummy
|
14 Oktober 2015, 9:20am

Suffragette erzählt die Geschichte der frühen Frauenrechtsbewegung in Großbritannien - Suffragetten genannt - durch die Augen der aus der Arbeiterklasse stammenden Wäscherin Maud Watts aus dem Ostens Londons, die Anfang des 20. Jahrhunderts angesichts der sich durch alle Lebensbereiche ziehenden Unterdrückung zur Aktivistin wird. Carey Mulligan spielt Maud und Meryl Streep spielt die Ikone der Frauenrechtlerinnen Emmeline Pankhurst. Der Film ist ein eindrucksvolles Zeichen gegen die Ungleichbehandlung - damals wie heute. Der Film endet mit der Forderung, dass in allen Ländern das Frauenwahlrecht eingeführt werden soll.

Der Kinostart des Films wurde selbst von Kontroversen begleitet. Als die Schauspielerinnen für Time Out London fotografiert wurden, nahmen Kritiker besonders in den USA Anstoß am Slogan des T-Shirts - „I'd rather be a rebel than a slave" - wegen der amerikanischen Geschichte. Während der britischen Premiere letzte Woche in London stürmten Aktivistinnen von Sisters Uncut den roten Teppich, um auf häusliche Gewalt und die Kürzung bei Sozialleistungen für Frauen in Großbritannien aufmerksam zu machen. Wir sprachen mit der Regisseurin Sarah Gavron über all diese Themen sowie über die Herausforderungen, ein politisches Drama über Frauen auf die große Kinoleinwand zu bekommen.

Wieso wolltest du Suffragette machen?
Es ist eine fantastische Geschichte, die den Verlauf der Geschichte geändert hat, und eine, die noch nicht im Kino erzählt wurde. Niemand weiß was wirklich passiert ist. Es gibt unterschiedliche Versionen von bekannten Ereignissen wie das von Emily Wilding Davison und dem Rennpferd - die Mary-Poppins-Version davon -, aber die Leute kennen die Wahrheit nicht. Diese Frauen haben so viel auf sich genommen und so viel im Verlauf verloren: Sie sind ins Gefängnis gegangen; sie wurden zwangsernährt; sie wurden von der Polizei zusammengeschlagen; sie haben ihre Familien, ihre Jobs und ihre Zuhause verloren. Es war an der Zeit, diese Frauen wiederzuentdecken, und uns an eine Zeit unserer Geschichte zu erinnern, die viel mit heute gemeinsam hat. Wir kämpfen heute immer noch für Gleichheit, nicht nur gleiche Rechte für Frauen, sondern Gleichheit für alle.

Wieso wurde diese Geschichte bisher noch nicht im Kino erzählt?
Die Geschichte der Frauen wurde marginalisiert. Als ich das zu den Historikern, die beratend zur Seite standen, sagte, waren die davon nicht überrascht, dass es so lange dauerte, den Film zu machen. Denn es dauerte ewig, dass dieser Teil der Geschichte in den Universitäten gelehrt wurde und dass es nicht auf den Lehrplänen stand. Ich habe nichts darüber gelernt. Was die große Kinoleinwand angeht: Es gibt so wenige weibliche Teams und Frauen erzählen diese Geschichte eher.

Was waren die besonderen Herausforderungen an diesem Film?
Wir mussten einen Einstieg in die Geschichte finden, weil die Bewegung so lange bestand. Über 60 Jahre lang waren Tausende Frauen involviert. Es gibt so viele verschiedene Wege, das alles zu erzählen. Wir hätten die Story von Emmeline Pankhurst - eine außergewöhnliche Frau - erzählen können. Aber uns nahm die Idee gefangen, alles aus Sicht einer Durchschnittsfrau, die keine Plattform oder Verbindung zur Bewegung hatte, zu zeigen.

Hatten die Herausforderungen damit zu tun, dass es ein Film über Frauen ist, der sich einfach eine Rom-Coms oder ein Schmachtfetzen ist?
Ich denke ja. Wir wollten daraus nicht etwas machen, was es nicht sein muss. Der Stoff überzeugt als politisches Drama. Er musste nicht als Romanze oder etwas anderes versteckt werden. Wir haben nicht locker gelassen. Das machte das Vorhaben härter, aber ich hoffe, dass sich die Mühe gelohnt hat.

Der Film hat einen zeitgenössischen Vibe. Wolltest du damit erreichen, dass sich das Thema noch sehr lebendig anfühlt, was es ja noch wie vor ist.
Genauso ist es. Wir wollten, dass die Zuschauerin und der Zuschauer wirklich fühlt, wie die Frauen gelebt haben und wie es sich angefühlt hätte, auf der Straße zu demonstrieren. Wir wollten keine Distanz aufbauen oder eine verschönerte Version darstellen. Mit einer tragbaren Kamera zu filmen, verleiht dem Film eine Lebendigkeit und Energie.

Die Szene, in der Carey Mulligans Charakter Maud Watts im Gefängnis zwangsernährt wird, ist einer der stärksten Szenen im Film.
Wir schreckten nicht vor den Dingen, die die Frauen als Konsequenzen ihrer Handlungen durchmachen mussten, zurück. Zwangsernährung gehört zu den schockierendsten Dingen und sind Zeugnis der damaligen Zeit - es ist eine Form von Folter. Der Fakt, dass die Frauen das durchhielten - Emily Wilding Davison wurde 49 Mal zwangsernährt -, sagt sehr viel darüber aus, wie verzweifelt alle waren und wie groß die Ungleichheit damals gewesen sein muss.

Wie ist es als Frau im Filmgeschäft hinter der Kamera?
Die Statistik sieht schlecht aus, weil es nur wenige Regisseurinnen oder Frauen hinter der Kamera im Allgemeinen gibt. Das Filmgeschäft ist eine Männerdomäne. Aber ich hoffe, dass sich ändert, weil es auch problematisiert wird. Wir wissen, dass Frauen 51 Prozent der Bevölkerung ausmachen; dass wir mehr als die Hälfte der Kinokarten kaufen; dass sowohl Männern wie Frauen Geschichten über Frauen sehen wollen. Außerdem macht es Spaß, Vielfalt hinter der Kamera zu haben, denn das reflektiert die Kultur, in der wir leben. Ich freue mich, dass es diskutiert wird. Es ändert sich was.

Was denkst du über die Kontroverse über den T-Shirt-Slogan „I'd rather be a rebel than a slave"?
Ich verstehe es, ich bin mir dessen bewusst und ich erkenne vollständig an, dass besonders in den USA Befindlichkeiten darüber existieren. Ich denke, dass es wichtig ist, dass es nicht die Absichten des Films überlagert, Ungleichheit aufzudecken und Diskussionen darüber anzustoßen, überall und immer. Der Film spielt in einem sehr bestimmten Ort - der Osten Londons - in einem bestimmten Jahr, dennoch hoffe ich, dass er universelle Themen anspricht und zu kultur-, alters- und geschlechterübergreifenden Diskussionen führt.

Es gab letzte Woche während der Premiere in London Proteste. Was denkst du darüber?
Ich fand es auf gewisse Weise passend. Der Film handelt davon, dass der Kampf noch nicht vorbei ist. Zumindest in Großbritannien haben wir seit den Suffragetten viel erreicht. Die Aktivistinnen auf dem roten Teppich haben auf zwei anhaltende Probleme aufmerksam gemacht: die Unterrepräsentierung von Frauen im Parlament und die Kürzungen bei den Hilfsangeboten für Opfer häuslicher Gewalt, unter denen Frauen in besonderer Weise zu leiden haben. Das sind wichtige Themen und sie haben im Geiste des Films protestiert.

Wie sind deine Erfahrungen als Frau im Filmgeschäft bisher?
Ich hätte mich nie gewagt, mich als Regisseurin zu sehen, bis ich Anfang zwanzig Filme von Pionierinnen wie Jane Campion, Claire Denis und Sally Potter sah. Diese Frauen haben den Weg für Frauen meiner Generation geebnet. Es war aufregend, deren Werke zu sehen und zu sehen, dass es die Möglichkeit gibt, als Regisseurin zu arbeiten. Ich habe es gewagt, mich zu bewerben und dann ging es darum, sich mit Leuten zu umgeben, die einen unterstützen und dieselbe Vision teilen. Man muss sich mit Gleichgesinnten umgeben.

Suffragette - Taten statt Worte soll am 4. Februar 2016 in den deutschen Kinos starten.

Das könnte dich auch interessieren:

Credits


Text: Colin Crummy

Tagged:
Feminismus
Carey Mulligan
Kultur
Frauenrechte
Meryl Streep
Sarah Gavron
Frauenwahlrecht
suffragetten