Diese Fotografien zeigen die unverfälschte Intimität der Jugend

"Strange To Meet You" ist das erste Buch der Central-Saint-Martins-Absolventin Sam Khoury und ein persönlicher Einblick in das Leben der Fotografin.

von Max Tuson; Fotos von sam khoury
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16 Mai 2017, 7:30am

An der Schnittstelle von dokumentarischer Fotografie und Modefotografie hat die Central-Saint-Martins-Absolventin Sam Khoury für ihre erste Ausstellung und das begleitende Buch Strange To Meet You die Intimität der Jugend festgehalten. Es ist ein Werk, an dem sie zwei Jahre lang gearbeitet hat und für das sie ihre Drucke jetzt auch in haptischer Form kuratiert hat; es ist also zugleich eine konzeptuelle Zurückweisung von Social Media und ein Weckruf an uns alle, unser Leben jenseits des Bildschirms zu leben.

Das Buch umfasst eine Mischung aus fesselnden Porträts, rätselhaften Landschaften und Farbexperimenten. Sams Gegenüberstellung unterschiedlicher Schönheitsvorstellungen mit lebendigen, traumhaften Bildern lässt eine Sanftheit und Qualität entstehen, die uns hinterfragen lassen, was echt und was unecht ist.


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Strange To Meet You umfasst die dunklen Seiten der Jugend, die aus den beruflichen, persönlichen und politischen Erfahrungen der Fotografin stammen. Zusammen verkörpern die Fotos der CSM-Absolventin die Gefühle der heutigen Jugend. Nach der Eröffnung der Ausstellung Anfang Mai, die in Khourys eigenen vier Wänden stattgefunden und so mit dem Eingreifen in die Privatsphäre gespielt haben, haben wir uns mit Sam in ihrer Küche zusammengesetzt, um mit ihr über Strange To Meet You, die Bedeutung von Augenkontakt und das Leben nach der Uni zu reden.

Was genau ist Strange To Meet You und um wen geht es darin?
Es ist ein Kommentar zur Jugendkultur, aber nicht in dem Sinne, dass es sich mit einer bestimmten Gruppe beschäftigt. Im weiteren Sinne ist es meine eigene Erfahrung mit der Jugend in diesem Augenblick. Wir vergessen oft, wie wichtig die zwischenmenschliche Interaktion ist, und wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir sowohl in der virtuellen als auch in der echten Welt leben. Strange To Meet You ist eine Art, alles, was gerade passiert, zu hinterfragen. Wie oft haben wir echte, erste Begegnungen mit jemandem? Meistens sehen wir sie doch in den Stories von jemand anderem das erste Mal, oder sie werden uns als neuer Freund vorgeschlagen. Wir sehen so oft neue Leute und sind so sehr daran gewöhnt, ständig neue Dinge zu sehen, dass wir uns nie die Zeit nehmen, um kurz inne zu halten und zu denken "OK, das ist heute passiert." Es ist ein Kommentar zu dem Lebensrhythmus, in dem wir leben. Ich wollte die Leute dazu ermutigen, sich die Zeit zu nehmen, um sich klarzumachen, wer sie eigentlich umgibt. Um sich die Frage zu stellen, was ihnen wichtig ist und was ihnen wirklich etwas bedeutet.

Wonach suchst du beim Fotografieren?
Ich schaue immer zuerst aufs Gesicht. Ich glaube, dass jeder etwas Besonderes in seinen Augen hat, sie lügen nie. Es geht nicht so sehr um Schönheit oder Alter oder um unsere stereotypischen Schönheitsvorstellungen. Ich habe einfach das Gefühl, dass jeder mit seinen Augen eine Geschichte erzählt, und mir geht es darum, einen Teil dieser Geschichte festzuhalten. Manchmal will man danach mehr erfahren. Aber mit diesem Projekt habe ich ganz bewusst versucht, neben den Porträts auch mehr Landschaften und kontextabhängige Arbeiten mit einzubringen. In Strange To Meet You ging es mir um die soziale Interaktion und darum, dass es vielen Menschen heutzutage schwer fällt, sich mit anderen zu unterhalten und ihnen dabei länger in die Augen zu schauen.

Hast du deine Arbeiten deswegen bei dir zuhause ausgestellt?
Es hat sich einfach richtig angefühlt, weil viele der Aufnahmen hier entstanden sind. Mir hat die Vorstellung dieser Art von Grenzüberschreitung gefallen. Ich wollte Leute in meine vier Wände einladen, die sonst nicht hier sein würden. Es war sehr merkwürdig für mich, all diese Leute hier bei mir zuhause zu haben; dieses merkwürdige Treffen von Leuten genau hier und jetzt, in meiner Sitzecke, in der ich mich sonst alleine zurückziehe, fernsehe und mich entspanne. Es war komisch, aber es hat auch sehr viel Spaß gemacht!

Diese Arbeiten sind über einen Zeitraum von mehreren Jahren entstanden. Nach welchen Kriterien hast du die Bilder ausgesucht?
Ich habe dieses Jahr mit der Auswahl begonnen und versucht, sie mir als Ausstellung vorzustellen, und anfangs an das Thema Chaos gedacht. Ich habe mich mit der griechischen Mythologie auseinandergesetzt und damit, wie anfangs aus dem Chaos gewisse Götter erschaffen wurden. Doch als es um das Buch ging, hat es Arbeiten gegeben, die ich in den vergangenen zwei Jahren aufgenommen habe und noch nie irgendwo gezeigt hatte, bei ihnen aber das Gefühl hatte, dass sie Teil dessen waren, was ich jetzt gerade mache. In den vergangenen Jahren bin ich sehr viel gereist und habe diese Fotos einfach angesammelt.

Wird es noch ein weiteres Strange To Meet You geben? Oder konzentrierst du dich bereits auf etwas anderes?
Für mich persönlich wird es immer weitergehen. Es ist eine Momentaufnahme meines jetzigen Lebens, was also auch bedeutet, dass sie sich im Laufe meines Lebens immer verändern wird. Es dokumentarische Fotografie zu nennen, wäre falsch, aber es geht ums Dokumentieren von Dingen, die mir wichtig sind und mir am Herzen liegen. Ich kenne alle Leute aus dem Buch persönlich, außer diejenigen, denen ich während meiner Reisen begegnet bin. Zu allem gehört eine Erinnerung, ein Ort und ein Zeitpunkt. Strange To Meet You könnte zwar in Zukunft nochmal stattfinden, aber momentan habe ich das Gefühl, dass ich weiterziehen sollte.

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