So sehen 13-Jährige die Welt

Wir haben uns mit Fotografin Betsy Schneider über ihr umfassendes Porträt-Projekt "To Be Thirteen" unterhalten.

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Juli 20 2017, 8:40am

Kurz vor dem Durchbruch von Facebook hatte die amerikanische Fotografin Betsy Schneider die Idee, jeden Menschen zu fotografieren, den sie kannte. Als Betsys Tochter gerade auf die Welt gekommen ist, hat sie jeden ihrer Schritte mit der Kamera festgehalten und jede Veränderung ihres Aussehens dokumentiert. "Ich wollte meine Geselligkeit in ein Projekt integrieren", erklärt sie. "Aber dachte mir auch, dass ich mal jemand anderes als meine Tochter fotografieren will." Also hat Betsy eine Liste mit 400 Menschen aus ihrem Bekanntenkreis zusammengestellt, die sie dann allerdings auf 250 begrenzt hat, um nicht "ohne Energie und Geld dazustehen".

Für ihr aktuellstes Projekt "To Be Thirteen" hat sich die Fotografin die gleiche Grenze gesetzt: 250 Menschen, die jeweils fünf Mal fotografiert werden. Für dieses Projekt hat sie Unterstützung der Guggenheim Foundation erhalten. Im Mai 2018 werden die Fotos und der dazugehörige Kurzfilm im Phoenix Art Museum ausgestellt; begleitet von einem Buch, das in diesem September bei Radius Books erscheint.


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Ausgangspunkt für Betsy war dabei die Fragen: "Wie ist es heutzutage, 13 zu sein?" und "Wie sehen sie sich selbst und die Welt?" Angefangen hat sie mit ihrer Tochter und deren Freunden, bis sie sich dann über Facebook an Freunde von Freunden gewandt hat. "Es gab einen Punkt, an dem ich begriffen habe, dass die Zielgruppe sehr eng ist und wie klein meine eigene Welt eigentlich ist", erklärt die Fotografin. "Ich wollte aber auch nicht, dass die Fotos wie eine Benetton-Anzeige aussehen. Mir ist wichtig zu betonen, dass diese Arbeiten keinen wissenschaftlichen Anspruch haben. Klar, da ist schon eine Vielfalt, aber diese Auswahl hat auch ihre Grenzen."

Die Bilder zeigen eine ganze Bandbreite von Erfahrungen. Betsy hat Kinder an einer Schule für Gehörlose getroffen, Mitglieder vom Boys & Girls Club in Phoenix, ein Mädchen mit einer Beinprothese und Kinder, "die nach der Schule in schicken Fußballclubs spielen." Oberflächlich betrachtet scheinen die Gemeinsamkeiten zwischen den Kindern groß: In vielen Aufnahmen tragen die Kids Vans oder haben SKateboards dabei. Sie stehen auf Twilight und Comics (zumindest nach ihren T-Shirts zu urteilen). Sie tragen Choker und Oberteile mit Spaghetti-Trägern. Die Haare fallen ins Gesicht, oft sind sie gefärbt. Viele Zahnspangen und Smartphones sind auch dabei. "Harry Potter hat die Leben von vielen dieser Kids beeinflusst", so Betsy. "Ich finde das sehr interessant."

"Mich haben die Jungs erstaunt", sagt sie. "Ich war überrascht davon, wie sehr sie sich schon dessen bewusst sind, dass sie später mal jemand sein müssen. Viele hatten Angst und haben mit Trotz darauf reagiert, dass sie ein Mann werden müssen. Ich glaube, dass sich die Kultur - zumindest in meiner Welt - sehr darauf konzentriert, was mit Mädchen in diesem Alter passiert, das will ich damit auch gar nicht kleinreden, aber mich hat die Verletzbarkeit und Empfindsamkeit von den Jungs in diesem Alter überrascht", erklärt die Fotografin.

Geschlechterübergreifend hätten sich die Leute nicht sonderlich dafür interessiert, wie sie auf den Bildern ausgesehen haben, so Betsy. "Das hat sich gerade in den letzten fünf Jahren verändert, mit dem Aufkommen der Smartphones." Diese jungen Leuten wurden um die Jahrtausendwende geboren, in eine Welt, in der es noch keine iPhones gab. Und doch werden diese jetzt in einer Online-Kultur erwachsen, die von Selfies dominiert werden. "Seit ihrer Kindheit hat sich etwas Grundlegendes verändert", sagt sie.

Betsy hat auch einige ihrer jungen Models interviewt, um ihre Gedanken besser zu verstehen. "Eine der Fragen, die ich im Video stelle: 'Ist man mit 13 schon erwachsen?' Einige von ihnen wollten daraufhin wissen, was die richtige Antwort zu der Frage ist und was ich hören wollte. Viele haben mit 'Nein', 'Dazwischen' und wiederum andere mit 'Ja' geantwortet. Viele scheinen sich bewusst darüber gewesen zu sein, dass aus der Jugend eine große Sache gemacht wird, aber ich glaube nicht, dass sie schon genug Erfahrungen gesammelt haben." Die meisten waren überrascht davon, dass sich überhaupt jemand für ihre Gedanken interessiert.

Als Betsy selbst 13 Jahre alt war, "wurde Kindern mehr Aufmerksamkeit geschenkt und dafür, wie sie ihre Persönlichkeit ausdrücken." Die Zeit von Free to Be You and Me. "Ich weiß noch, wie ich mir als Kind immer gedacht habe, dass ich interessante Dinge zu erzählen habe. Und das habe ich mir immer beibehalten. Einige von diesen Kids hatten das Gefühl, dass sie endlich mal irgendetwas tun dürfen; dass sie mal gefragt werden", sagt die Fotografin zum Abschluss.

betsyschneider.com