von puppen und positionen: feministische kunst bei louis vuitton

Die Fondation Louis Vuitton in München zeigt mit Chantal Akerman und Annette Messager den ersten Teil ihrer Ausstellungsreihe über wichtige Künstlerinnen Frankreichs seit den 1970ern.

von Moritz Gaudlitz
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04 April 2016, 12:50pm

Sie galt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Experimentalfilms der letzten Jahrzehnte: Chantal Akerman. Erst im letzten Jahr nahm sich die belgische Pionierin des modernen feministischen Films das Leben. Seit Anfang März zeigt die Fondation Louis Vuitton in ihrem Münchner Espace erstmals Videoarbeiten von Akerman, zusammen mit Arbeiten der französischen, bildenden Künstlerin Annette Messager.

Les Approches, die Annäherungen. 1973 entstand das Buch der französischen Künstlerin Annette Messager, das nun in der Ausstellung im Münchner Espace Louis Vuitton zu sehen ist. Es zeigt Schwarz-Weiß-Fotografien von Männern in explizit männlichen Posen, die die Künstlerin damals mit versteckter Kamera geschossen hat: Nahaufnahmen auf den unteren Bereich des männlichen Körpers, auf der Straße, inkognito. Annette Messager wurde 1943 geboren und arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich als bildende Künstlerin. Sie hatte bereits Einzelausstellungen im Mori Art Museum in Tokyo oder dem Centre Pompidou in Paris. Stets im Vordergrund ihres Schaffens ist die Bedeutung von Weiblichkeit und Identität. So zeigt die Ausstellung in München auch die 2012 entstandene Arbeit „Ma collection de proverbes". In einer Ecke der oberen Ausstellungsfläche hängen dreizehn klischeehafte, negativ auf Frauen bezogene Sprichwörter, ausgestellt als Stickereien in Glasschaukästen. In den Arbeiten Messagers finden sich auch immer wieder Gegenüberstellungen von Aspekten aus Märchen, die traurige und dunkle Konnotationen aufweisen können. Was bedeutet das für Annette Messager?

„Ich glaube, das Leben besteht sowohl aus traurigen als auch aus freudigen Elementen, die zusammen auftreten können. Das Leben ist Komödie und Tragödie zugleich. Man spaziert auf der Straße in der Sonne, ist gut drauf, da erblickt man jemanden, der krank aussieht, und schon ist man betrübt. Ich glaube, das sind ganz normale Bestandteile und ich spiele gerne damit: Ein Spielzeug wirkt sehr fröhlich, plötzlich erhält es aber einen besonderen Schatten und wird beunruhigend, tragisch. Für mich gehören diese beiden Elemente untrennbar zusammen."

Diese beiden, untrennbaren Elemente erkennt man auch in den Arbeiten, mit der Annette Messager ihre künstlerische Laufbahn begann. Bereits vor ein paar Jahrzehnten fing sie an, präparierte, ausgestopfte Tiere für ihre Arbeit zu schaffen. In der aktuellen Ausstellung sind es nun aber auch Marionetten und Puppen, die Ihre Arbeiten prägen. Warum sind Puppen ein wichtiges Ausdrucksmittel der Künstlerin?

„Die Puppen, oder hier die Bauchrednerpuppen, sind in einer bestimmten Art und Weise unser Abbild, aber sie bekommen einen grotesken Zug. Sie werden wie wir: Wir sind ebenfalls grotesk, nehmen uns aber selbst ernst, ohne es zu merken. Sie sind also ein bisschen wie unsere Doppelgänger, aber erbärmliche, arme. Es ist diese ironische Seite und die ‚menschlichen Fehler', die mich besonders interessieren."

Nicht grotesk, aber dennoch geheimnisvoll ist die Arbeit von Chantal Akerman, die im komplett abgedunkelten Erdgeschoss der Ausstellungsräume zu sehen ist. Denn nur so konzentriert man sich auf die Videoarbeit „Femmes d'Anvers en Novembre", die hier zum ersten Mal öffentlich präsentiert wird. Die sechs Projektionen zeigen rauchende, französische Frauen in unterschiedlichen Situationen, nachts auf Straßen. Die Aufnahmen zeigen eigentlich etwas völlig banales, aber die qualmende Frau war über 40-Jahre lang das Leitmotiv der Künstlerin Akerman, die selbst eine extreme Raucherin war. Das Video als eine visuelle Hommage an die französische Frau, die atmosphärische Tiefe der bewegten Bilder erinnert sehr an den Film Noir. Denn wie in Akermans Arbeit, vereinigen sich auch im französischen Film Noir das Medium Film und das Medium Kunst.

Während Annette Messager in ihren Arbeiten gleichermaßen provozierend als auch humorvoll ist, sind die Videos von Chantal Akerman geheimnisvoll und verträumt. An den Arbeiten beider Künstlerinnen erkennt man aber, dass sich bis heute das Bild der Frau nur leicht verändert hat. Annette Messager:

„Ich muss nur an all die Sprichwörter, die ich in „Ma Collection de Proverbes" verarbeitet habe, denken, in denen alles Mögliche über Frauen gesagt wird. Ich habe nicht absichtlich ausschließlich Negatives gesucht, aber eben nur Negatives gefunden, und zwar in allen Ländern, vor allem in katholisch geprägten. Da hängt das Bild der Frau stark mit der Religion zusammen. Man spricht über Gott. „Wenn die Frau gut wäre, hätte Gott geheiratet". Man muss sich eine Frau nehmen, um Kinder zu zeugen, aber die Frau ist schlechter als der Teufel. Die Dinge entwickeln sich, die Zeiten haben sich seit den 70er Jahren geändert, aber dahingehend liegt immer noch ein weiter Weg vor uns."

Das kuratorische Konzept der Ausstellung, den Stellenwert wichtiger weiblicher künstlerischer Positionen in Frankreich seit den 1970er Jahren zu verdeutlichen, geht aber dennoch auf. Denn es gibt viele Gemeinsamkeiten und Annäherungen in den existentiellen und autobiographischen Arbeiten der beiden Künstlerinnen.

Die Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton München ist noch bis Ende September diesen Jahres zu sehen. Eintritt und Führungen sind kostenlos.

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Fotos: Christian Kain/Louis Vuitton

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