Foto: Nadine Fraczkowski

"Mache Fehler und lerne, Angst zu haben"

Die in Berlin lebende Musikproduzentin JASSS hat uns bei einem Kaffee erklärt, warum du erst herausfinden musst, wer du wirklich bist, um erfolgreich zu sein.

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Sep. 28 2017, 9:55am

Foto: Nadine Fraczkowski

Auf dem ersten Track von JASSS Debütalbum Weightless hören wir Vogelgezwitscher, gefolgt von einem kurzen, dumpfen Lachen, das in das Gemurmel von Kinderstimmen übergeht: Was man hört, versteht man nicht sofort, sondern ertappt sich viel mehr dabei, die Musik von Silvia Jiménez Alvarez, so ihr richtiger Name, einordnen zu wollen. Doch es wäre zu einfach ihr Labels wie "experimentell" oder "elektronisch" aufzudrücken, was die Musikerin selbst auch nicht für richtig hält: "Für mich gibt es so etwas wie Genres nicht. Am Ende sind es einfach Stimmungen, Seelenzustände — und das kann alles sein", verrät uns die Spanierin in ihrem Lieblingscafé im Prenzlauer Berg. Erst letzte Woche ist Silvias Album Weightless erschienen, das düsteren Bass mit einer Art von Leichtigkeit vermischt, die sich weniger schwerelos anhört, als der Name vielleicht im ersten Moment vermuten lässt. "Es gab eine Menge Dinge, die ich mit mir selbst klären musste, so wie das jeder von uns tun muss. Weightless ist das Wegfallen des Gewichts, das auf einem lastet", erklärt sie die Beweggründe und den Namen ihres Debütalbums.


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Erste Erfahrungen hat die gebürtige Spanierin in Punkbands gesammelt, bis sie ich dazu entschloss, ihr Soloprojekt JASSS ins Leben zu rufen. "Ich habe elektronische Musik von einer sehr extremen Seite kennengelernt. Damals war das nicht wirklich tanzbar", erklärt die Produzentin. Trotzdem haben beide Musikrichtungen vor allem eines für gemeinsam: "Sie übersetzen Momente in Sounds", erklärt Silvia ihre Herangehensweise. Inspiriert wird sie nämlich nicht nur von Ereignissen aus ihrem eigenen Leben, sondern auch von Menschen — vor allem von denen, die anders sind als sie selbst: "Es sind die Leute, mit denen ich aneinander gerate. Die nicht so denken wie ich und etwas hässlich finden und das auch sagen. Ich mag Gefühle und Menschlichkeit."

Von ihren Gefühlen ließ sich die Musikerin auch treiben, als sie sich dazu entschlossen hat, nach Berlin zu ziehen. Das einzige, was sie an ihrer Heimat im Norden Spaniens vermisst, ist die Natur. Ihr Safe Space ist nämlich nicht wie vielleicht erwartet ihr Studio, indem sie oft stundenlang Ideen vertont, sondern der Wald. Aber egal, wo du dich auch befindest, es kommt als junger Musikproduzent ihrer Meinung nach vor allem auf eines an: "Das klingt jetzt vielleicht sehr nach einem Klischee, aber sei immer du selbst, auch wenn du natürlich zuerst herausfinden musst, was das genau bedeutet. Und das müssen wir alle. Sei nicht zu hart zu dir selbst, mach' Fehler und lerne Angst zu haben. Die Leute sagen 'Hab' keine Angst!', ich sag genau das Gegenteil."

Wenn JASSS nicht gerade versucht, ihren Ängsten ins Auge zu sehen, verbringt sie ihre Zeit gerne alleine im Kino — die Leinwand inspiriert sie zu neuer Musik: "Ich habe eine Leidenschaft für alles, was transparent ist, und in dem Emotionen stecken. Das kann ein Film, ein Theaterstück oder auch ein Buch sein." Dieser voyeuristische Zugang, wie sie ihn selbst beschreibt, und der damit verbundene Wunsch, Menschen zu durchschauen, macht es gerade so schwer, die Musik von JASSS in eine Schublade zu stecken — und das ist auch verdammt gut so.

@jasss

JASSS Debütalbum "Weightless" ist am 18.September auf iDEAL erschienen.