Bild: Broccoli Mag Issue 4

Wie Cannabis plötzlich schick wurde

CBD und THC sind im Mainstream angekommen. Aber auch das Luxussegment hat Cannabis für sich entdeckt – mit problematischen Folgen.

von Roisin Lanigan
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19 November 2018, 3:07pm

Bild: Broccoli Mag Issue 4

Es gibt doch nichts, das wir lieber mögen, als ein gutes Makeover. Egal, ob es Rachael Leigh Cook war, die in "Eine wie Keine" im roten Kleid die Treppe runterkrachte oder jedes Mal, wenn Clark Kent seine Brille abwirft und zu Superman mutiert. Und nun ist es wohl Cannabis, das im Jahr 2018 den größten Image-Wandel durchlaufen hat.

Ob in der Medizin, Mode, Beauty oder unserer Nahrung: Um Cannabis kommen wir nicht mehr herum. Das ikonische Marihuana-Blatt erlebt seinen großen Moment – und zwar unabhängig von Lava-Lampen, Bob Marley und wild gemusterten Pumphosen. Sogar in der High Fashion kommen Brands wie Vetements, Jeremy Scott und Stella McCartney und globale Hypebeasts nicht um die grüne Schönheit herum. Aber das war längst nicht der größte Erfolg, der aus dem plötzlich positiven Image und der stetig wachsenden Beliebtheit hervorging. Dank der guten Resonanz im breiten Mainstream wurden in zahlreichen Ländern bereits die Drogengesetze gelockert, sodass beispielsweise in Kanada der Konsum von Gras komplett legalisiert wurde. Marihuana ist so akzeptiert und stilvoll wie nie zuvor.


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"Wir sehen gerade eine Menge 'Greenwashing'", meint Cult Beauty Mitbegründerin Alexia Inge. "Unternehmen nutzen den Trend für sich, aber die politisch Konservativen legen der Bewegung immer wieder große Steine in den Weg." Normalerweise kennt man das Wort 'Greenwashing' aus einem anderen Kontext. Es wird immer dann benutzt, wenn Produkte als umweltfreundlich angepriesen werden, dies aber eigentlich nicht zutrifft. Im Fall von Cannabis heißt es jedoch, dass viele Firmen auf den Hype-Zug aufspringen, da der neuerdings beliebte Pflege- und Beauty-Zusatz lukrative Gewinne verspricht. Vor allem Öle in denen CBD, der nicht-psychoaktive Bestandteil von Cannabis, enthalten ist, werden häufig als Schmerz- und Schlafmittel eingesetzt, gegen Angstzustände empfohlen. In Hautpflegeprodukten sollen sie außerdem Schwellungen und Augenringe reduzieren.

"Wegen der staatlichen Deregulierungen ist Cannabis die moderne Variante von Amerikas Goldrausch geworden. In der Theorie kann jeder damit Geld verdienen", erklärt Alexia Inge. "Seit Jahrhunderten wurde Hanfsamenöl bereits zur Pflege und Heilung genutzt, jetzt aber sind die Cannabinoide zu einem regelrechten Must-Have geworden. Sie eignen sich wunderbar, um Entzündungen, Akne, Schuppenflechte und Ausschläge zu behandeln. Außerdem spenden ihre essentiellen Fettsäuren sehr viel Feuchtigkeit. Wenn man CBD oral einnimmt, hilft es, Muskeln zu entspannen, Menstruationsschmerzen zu bekämpfen, Stress und sogar chronische Schmerzen zu verringern. Eigentlich macht CBD genau das für deinen Körper, was THC in deinem Kopf anstellt."

Mittlerweile hat CBD nicht nur den Mainstream-Markt, sondern auch das Luxussegment infiltriert. Auch im Bereich der Nahrung, wie Instagrams liebstes, veganes Restaurant By CHLOE mit seinem FEELZ pop-up Store beweist: Brownies, Kekse und Kuchen gespickt mit einer Prise CBD. Damit soll ihren Kunden eine neue Geschmacks- und Gefühlswelt eröffnet werden und gleichzeitig eine wichtige Konversation in Gang gesetzt werden, die Missverständnisse, Klischees und Fehlinformationen aus dem Weg räumen soll.

Doch eine solche Diskussion könnte schwerer werden, als man glauben möchte. Natürlich sind die gesundheitlichen Vorteile unbestreitbar und auch die Omnipräsenz des Schlagworts "Cannabis" dürfte helfen, Stigma zu beseitigen. Aber kann diese öffentliche Konversation tatsächlich auch dazu führen, den archaischen, repressiven Drogenkrieg einzudämmen, der einen überproportional hohen Schaden unter People Of Color anrichtet? Allein in Amerika werden schwarze Menschen mit einer Wahrscheinlichkeit von 375 Prozent eher für den Besitz von Cannabis verhaftet als weiße Konsumenten. Auch, wenn immer mehr Staaten in den USA Cannabinoide akzeptieren und legalisieren, bleibt es fraglich, welche Auswirkungen das auf die Gefangenen haben dürfte, die schon wegen kleinerer Drogendelikte inhaftiert wurden. Werden ihre Strafen angepasst, vielleicht sogar aufgehoben? Eine Antwort darauf steht noch aus.

In Anbetracht dieses sensiblen und problematischen Hintergrunds, distanzieren sich viele von der Diskussion und differenzieren stattdessen zwischen "gutem" und "schlechtem" Cannabis-Gebrauch. "Die CBD-Industrie wird sehr darauf bedacht sein, nicht mit der Freizeitdroge Gras assoziiert zu werden", meint Inge. "Der Weg zur Legalisierung und sozialen Akzeptanz von Cannabis liegt in der wissenschaftlichen Forschung und nicht unbedingt im Wellness- und Beauty-Sektor."

Andere gehen noch ein paar Schritte weiter: Anja Charbonneau (Redakteurin bei dem Magazin Broccoli, das für weibliche Cannabis-Fans konzipiert wurde) meint, dass Neu-Stoner sich eher Gedanken über Whitewashing, als "Greenwashing" machen sollten. Unsere aktuelle Obsession mit Cannabis ist nämlich in einem größeren sozio-ökonomischen Kontext verankert und kann nicht ohne die ungemütliche Einsicht betrachtet werden, dass ethnische Unterschiede gemacht werden.

Anja Charbonneau erzählt: "Ich bekomme Mails von Leserinnen in anderen Staaten und Ländern, die sich immer noch nicht trauen, selbst ihren engsten Freunden zu erzählen, dass sie Cannabis konsumieren, da sie Angst haben, verurteilt oder sogar verhaftet zu werden. Doch jeder steht in der Verantwortung, gegen das Whitewashing in dieser Kultur zu kämpfen – egal, ob du ein Konsument oder Unternehmen bist. Wir spenden beispielsweise einen Teil unserer Einnahmen an "Brooklyn Bail Fund", eine Organisation, die die Kaution für Menschen mit niedrigem Einkommen bezahlt, wenn sie wegen kleinerer Vergehen verhaftet werden. Dazu zählt auch der Besitz von Cannabis."

Anja weiß, wie der CBD- und Cannabis-Trend – besonders in der wohlhabenderen, weißen Bevölkerung – zum Guten genutzt werden kann. Oder man zumindest versuchen kann, das Narrativ zu ändern, das stets arme Menschen und People Of Color schikanierte. Weed ist nicht mehr länger nur eine Pointe, die in jedem einzelnen Judd Apatow Film ausgeschlachtet wird, sondern bringt auch eine Verantwortung mit sich, die weiße Frauen tragen, wenn sie sich dazu entscheiden, Gras zu konsumieren. Sie müssen sich ihres eigenen Privilegs bewusst werden, diese Droge ohne große Konsequenzen genießen zu können. "Weed ist so ein persönlicher und bedeutungsvoller Teil vieler Leben", erzählt Anja i-D. "Es schafft Verbindungen, es kreiert eine Gemeinschaft. Akzeptanz kann zur Legalisierung führen und setzt das Justizsystem unter Druck, aufzuhören Black und Brown People gezielt zu attackieren und sie wegen Cannabis ins Gefängnis zu stecken. Wir wollen, dass Broccoli zu einer Plattform wird, die positive Veränderung bringt und den Stimmen Gehör verschafft, die traditionell unterdrückt wurden. Die Stoner-Kultur hatte schon immer eine stark maskuline Repräsentation. Aber die Leute haben keine Lust mehr darauf, dass weiße Dudes jede Geschichte dominieren."

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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