"Uncensored Berlin" zeigt, was auf Social Media verboten ist

Die Ausstellung macht sich gegen die willkürliche Zensur im Internet stark – und erobert damit den Körper zurück

von Marieke Fischer
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07 Dezember 2018, 5:30pm

Foto: Eylül Aslan

Eigentlich sollte die Darstellung diverser Körper in ihrer nackten, puren Form eine Selbstverständlichkeit sein. Eigentlich. Die sozialen Netzwerke sehen das nämlich etwas anders. Rigorose Zensurregularien beschränken nicht nur den kreativen Ausdruck vieler Künstler*innen, sondern spiegeln immer wieder auch gesellschaftliche Ungleichheit, Standardisierung von Sexualität und Stigmatisierung marginalisierter Gruppen. Für sie heißt Nacktheit Pornografie. Spätestens seitdem mit Tumblr die letzte Bastion künstlerischer Freiheit weggebrochen ist, stehen viele Fotograf*innen vor der einer scheinbar unlösbaren Misere: Wo zeigen sie ihre Arbeiten? Wie erreichen sie ihr Publikum?


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Die Ausstellung Uncensored Berlin sucht einen Lösungsansatz, indem sie die Werke, die niemals auf Social Media stattfinden könnten, in die reale Welt holt. Initiiert vom Kulturblog iHeartBerlin meint Mitbegründer Frank Schröder dazu: "Ich empfinde die zum Teil willkürliche Zensur der Social-Media-Plattformen als Art der Diskriminierung gegen Frauen und LGBTQ*-Menschen, deren Körper und Darstellung laut der Erfahrung unserer Künstler strenger sanktioniert werden, als von heterosexuellen Männern. Mit unserer Ausstellung wollen wir diesen Zustand kommentieren und kritisieren."

Wir haben mit sieben Fotograf*innen über ihre Sicht auf diese kontroverse Thematik gesprochen:

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Camilla Storgaard

Hast du selbst schon Erfahrungen gemacht mit der Zensur auf Social Media?
Ich hatte ständig Probleme mit Facebook, weil ich Bilder gepostet habe, auf denen weibliche Nippel zu sehen waren. Nachdem ich einige Male für 30 oder mehr Tage gesperrt wurde, habe ich den Kampf aufgegeben und angefangen, meine Arbeit zu zensieren. Als ich mich dann bei Instagram anmeldete, dauerte es nicht lange, bis ich auch hier Warnungen bekam.

Hast du das Gefühl, dass bestimmte Gruppen stärker von der Zensur betroffen sind?
Ich glaube, dass queere Künstler schneller zur Zielscheibe werden – besonders wenn sie sich viel mit Gender-Fluidität auseinandersetzen. Diese absurden Regeln, die besagen, dass männliche Nippel erlaubt sind, die von Frauen aber nicht, werden zur Grauzone, sobald das Model nicht in die standardisierten Gender-Kategorien passen. Mit der Ungleichheit zwischen dem Geschlecht eines Nippels habe ich das größte Problem.

@camillastorgaard

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Joanna Legid

Was regt dich am meisten an der Zensur in sozialen Netzwerken auf?
Es gehört zur Normalität, sexistische Werbekampagnen zu sehen, in denen die Frau unterworfen wird. Und genau dieses gefälschte Bild der Frau wird von den Social Media verstärkt. Ein Bild einer halbnackten Frau, die sich am Strand inszeniert, ist in unsere Gesellschaft normaler als das von einer nackten Frau mit Zellulitis ... dabei sieht die Realität anders aus. Diese Repräsentation macht psychisch aber auch physisch krank. Auch ich bin mit einem Frauenbild aufgewachsen, dem ich nie gerecht werden konnte – und eigentlich auch nicht muss. Aber genau das machen solche Bilder mit dir: Man möchte schlank, blond, glatt und sexy sein. Und die Zellulitis? Die retuschieren wir weg, weil andere Frauen auf Social Media sie auch nicht haben.

Warum ist die Ausstellung so relevant?
Sie ermöglicht den Besuchern, mit ehrlichen Darstellungen vom menschlichen Körper konfrontiert zu werden. Man wird sich ekeln, wundern oder erregt die Ausstellung verlassen. Die Leute, die den Raum verlassen und zum ersten Mal ein Bild einer Unterhose mit Menstruationsblut gesehen haben – ohne dabei schockiert gewesen zu sein –, werden solche beim nächsten Mal auch nicht mehr auf Social Media melden. Weil die Person verstanden hat, dass es für viele von uns zur Normalität gehört. Und Frauen werden vielleicht lernen, dass sie sich dafür nicht schämen müssen.

@joannalegid

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Joseph Wolfgang Ohlert

Hatte die Zensur auf Social Media bereits einen Effekt auf deine Arbeit?
Ich kenne die Guidelines, deswegen poste ich keine expliziten Bilder, was ziemlich traurig ist. Dabei liebe ich es, meine Models nackt oder zumindest Oberkörper frei zu fotografieren.

Wie fühlst du dich selbst dabei?
Das macht mich unglaublich wütend, weil jede Zensur ein Mangel an Menschlichkeit ist. Aber irgendwie verstehe ich es auch. Außerdem haben wir so die Möglichkeit, um die Zensur herum zu arbeiten und neue Wege zu finden. Wir bleiben kreativ! Es eröffnet auch einen neuen Blick auf die Dinge ... in einer übersexualisierten Zeit, in der der Körper in eine verschwommene Masse aus Pixeln transformiert. Wir können für die Freiheit unserer Nippel und Genitalien kämpfen. Freiheit ist niemals selbstverständlich.

Was sollte sich in den Guidelines von Social-Media-Plattformen ändern?
Shut down the internet! Falls das zu viel sein sollte, würde ich mich direkt dafür einsetzen, dass weibliche Nippel gezeigt werden dürfen. Es ist unglaublich, dass Frauen immer noch als Sexobjekte und Babymacher angesehen werden. Einen weiblichen Nippel zu zensieren, ist Missbrauch und die größte Dummheit von Social Media überhaupt.

@josephwolfgangohlert

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Eylül Aslan

Hast du das Gefühl, dass bestimmte Körperformen oder Künstler*innen öfter zensiert werden als andere?
Ich denke, dass marginalisierte Gruppen häufiger zensiert werden. Männer haben Frauen seit Jahrhunderten nackt in ihrer Kunst dargestellt und für Künstlerinnen scheint genau das nicht ohne Probleme möglich zu sein. Wahrscheinlich ist Sexismus der Grund ...

Beeinflusst die Zensur deine Kreativität?
Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich denke: "Oh, dieses Foto sollte ich nicht machen, das kann ich nicht online teilen, weil es sowieso zensiert wird." Das kann wirklich limitierend und kontraproduktiv sein. Irgendwann wird die Zensur auf Social Media zur Selbstzensur.

Wie geht es dir damit?
Es ist wirklich traurig, dass Menschen sich verstecken müssen. Es gibt nichts Natürlicheres, als nackt zu sein. Für mich ist es unverständlich, dass wir das Gefühl aufgezwungen bekommen, uns für unsere Körper schämen zu müssen – es gibt schließlich keinen anderen, in dem wir leben könnten. Jemanden zu zensieren, gibt ihm das Gefühl, etwas wäre falsch mit ihm.

@eyluelaslan

Red Rubber Road

Welche Rolle spielt der menschliche Körper in eurer Arbeit?
Unser Projekt ist eine Art Selbstporträt-Studie mit der einzigen Regel, dass Teile unserer Körper auf jedem Bild zu sehen sein müssen. Du wirst auch nie unsere Gesichter sehen. Wir wollten keine Modefotografie machen, deswegen scheint Nacktheit der natürlichste Weg, um unsere Freundschaft zu leben. Außerdem erlaubt sie uns, diesen bestimmten Moment und unsere Entwicklung in einer reinen Form darzustellen.

Wie geht ihr mit der Zensur eurer Kunst um?
Es wäre schön, wenn es eine Social-Media-Plattform gäbe, auf der menschliche Körper nicht als etwas Böses klassifiziert werden – und darüber nicht altmodische und herablassende Prinzipien entscheiden würden. Eine Plattform, die Diversität und Schönheit zeigt. Ein Ort, an dem jeder seinen Körper und seine Sexualität entdecken und damit spielen könnte.

Was sollte sich konkret in sozialen Medien ändern?
Eine einfache Funktion, mit der Content als "explizit" gekennzeichnet werden könnte, würde das Problem vielleicht schon lösen.

@redrubberroad

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Mischa Badasyan

Wirkt sich die Zensur in sozialen Netzwerken auf deine Kreativität aus?
Eigentlich regt es eher dazu an, eine neue Art zu finden, wie man sich seinen Followern präsentieren kann. Die Leute interessieren sich mehr für die Kunst, die verbannt wurde. So haben Facebook oder Instagram ohne es zu wollen, noch mehr Aktkunst kreiert. Ich würde nicht sagen, dass ich durch die Zensur mehr Kreativität habe, aber definitiv mehr Energie, mich stärker mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Welche Rolle spielt der menschliche Körper in deiner Arbeit?
Ich bin Performance-Künstler und thematisiere meinen und den Körper anderer schon sehr stark. Alle meine Projekte beziehen sich auf Körper und Gesellschaft. Ich liebe es, menschliche Kunstinstallationen und Happenings zu realisieren.

Ist Berlin dafür der richtige Ort?
Es scheint so, als hättest du hier diese unzensierte Freiheit, aber das ist sehr oberflächlich. Sogar die sexpositiven und queeren Orte sind nicht so frei, wie du vermuten würdest. Manchmal wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit.

@mischaartbadasyan

Florian Hetz

Beeinflussen die strengen Guidelines die Art, wie du arbeitest?
Meine Kreativität zeigt sich auf den sozialen Netzwerken nur eingeschränkt, weil ich nur einen winzigen Bruchteil meiner Arbeiten zeigen kann. Der familienfreundliche Teil ist zwar nicht irrelevant, verliert aber ohne den Kontrast mit den anderen Arbeiten an Spannung. Durch den Wegfall von Tumblr als freie, offene Plattform kommt die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre, sich in ein digitales Exil zu begeben? Der starke Zuspruch von Usern aus der ganzen Welt zeigt aber auch, dass wir alle Verantwortung tragen, den puritanischen Moralvorstellungen dieser Firmen nicht nachzugeben.

Kannst du in Berlin eine unzensierte Version deiner Selbst leben?
Verglichen mit den meisten Städten bietet mir Berlin immer noch die größte Freiheit. Allerdings ändert sich auch hier das Verständnis von Liberalität rasant, was teilweise an der Popularität der Stadt liegen könnte. Viele Menschen bringen doch die Moral aus ihren Kleinstädten mit, pöbeln Nackte am See an oder schauen angeekelt, wenn sie eine Frau oben ohne im Park sehen. Die Differenzierung zwischen Nacktheit und Sex ist für viele Menschen nicht einfach – und das sagt mehr über ihr eigenes Denken aus als über die Nackten.

@florian.hetz

Victor Luque

Inwiefern wurde deine Arbeit bereits von der Zensur in sozialen Medien betroffen?
Massenmedien setzen den menschlichen Körper in einen anderen Kontext. Etwas völlig Natürliches wird schnell zu etwas Pornografischem. Das fühlt sich im Vergleich zu meiner Einstellung und dem progressiven Umfeld, in dem ich mich bewege, sehr veraltet an.

Welche Rolle spielt Körperlichkeit denn in deiner Arbeit?
In den meisten meiner Fotografien sind Körper zu sehen. Wir neigen dazu, eine schnellere Verbindung zu Bildern aufzubauen, in denen eine menschliche Komponente visualisiert wird. Ich mag den Gedanken, dass ich Menschen porträtiere, die mit ihrem Körper im Reinen sind und durch ihn ihre Geschichte erzählen.

Ist Berlin eine Stadt, in der du unzensiert leben kannst?
Als ich nach Berlin gezogen bin, meinte mal jemand zu mir: Das Beste an dieser Stadt ist, dass die Menschen mehr damit beschäftigt sind, ihre Freiheit zu nutzen, als andere zu beurteilen. Ich stelle mir das wie eine Ziegenherde vor: Hier sind alle Ziegen, die es geschafft haben, aus der Herde zu fliehen. Die neugierigen Außenseiter, die ihre gewohnte Umgebung verlassen haben, um sich endlich entfalten zu können.

@don.victor.luque

Besuche die Ausstellung Uncensored Berlin vom 7. bis zum 10. Dezember in der Blogfabrik, Oranienstraße 185, 10999 Berlin.