Dieser Fotograf erkundet das lustvolle Zusammenspiel aus Erotik und Zensur

Mit zensierten Nacktbildern aus den 60ern gelingt Tiane Doan na Champassak in seinem neuen Buch das perfekte Gegenstück zu den mit Emojis bedeckten Nippeln von heute.

von Zio Baritaux
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16 Januar 2018, 8:09am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Als der französische Künstler Tiane Doan na Champassak 2010 einen Stapel der Zeitschrift Siam’s Guy fand – ein thailändisches Aktfotografie-Magazin aus den 60er und 70er Jahren – , war er von dessen Design und den Schriftarten fasziniert. Ein Blick ins Innere zeigte dagegen etwas Unerwartetes: Schamhaare waren mit schwarzen Vögeln übermalt worden, Sternchen verdeckten Brustwarzen und ein Farn tarnte eine Vagina. "Als die sexuelle Revolution begann, wurde pornographisches Material zu einem großen Problem in Thailand", erklärt Tiane, "also hat die Regierung nur den Verkauf von Erotik-Magazinen erlaubt, die sorgfältig zensiert waren." Jedes Foto musste per Hand überarbeitet werden, bevor es zum Druck freigegeben wurde, was eine verspielte und kreative Antwort auf die strenge Zensur war. "Es ist völlig absurd, wenn man bedenkt, dass alle Models nackt fotografiert wurden, bestimmte Stellen später aber wieder verdeckt werden mussten", so Tiane weiter.


Auch auf i-D: Free the Nipple!


Bevor du das sofort als altmodisch abstempelst, überleg nochmal kurz: Im Grunde ist es das, was in den sozialen Netzwerken auch passiert. Heute werden Brustwarzen mit Sternchen-, Herzen- und anderen Emojis verdeckt, um die Richtlinien zu umgehen. Und genau deswegen ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Tianes neuestem Buch, Censored, perfekt. Der Künstler teilt mit uns eine Auswahl der über 4.000 Fotografien, die er gesammelt hat, und erkundet darin den Zusammenhang von Kunst, Zensur und Erotik. Wir wollten mehr wissen und haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Warum hast du angefangen, Material für das Buch zu sammeln?
Als ich mir in Bangkok eine Augenlid-Infektion eingefangen habe, habe ich wie ein Besessener angefangen, alte Fotos zu sammeln, weil ich durch die Infektion ein paar Wochen lang nicht durch den Sucher meiner Kamera schauen konnte. Um mich abzulenken, habe ich mich also ohne Kamera auf andere Dinge konzentrieren müssen. Für mich war das der Beginn einer konzeptuelleren Herangehensweise. So entstand auch mein erstes Buch, The King of Pornography, das sich rund um das Thema Thai King dreht. Auf der Suche nach passenden Bildern bin ich das erste Mal auf einen Stapel der Zeitschrift Siam’s Guy gestoßen, das schönste und wichtigste Erotik-Magazin Thailands aus der Zeit zwischen den 60er und 70er Jahren.

Was genau hat dich an den Bildern angesprochen?
Was mir sofort ins Auge gefallen ist, war nicht die kreative Art der Zensur, sondern das unglaubliche Design und die wunderschönen Schriftarten. Sie waren manchmal so innovativ und gewagt, dass mich die zensierten Fotos gar nicht weiter interessiert haben. Erst ein paar Jahre später, nachdem ich Hunderte solcher Zeitschriften gesammelt hatte, wurde mir klar, dass ich gewissermaßen ein Archiv wunderschöner und einzigartig zensierter Bilder erstellt hatte. Plötzlich ergab alles einen Sinn und ich begann, jeden zensierten Nippel und Schritt neu zu betrachten.

Kannst du uns ein bisschen mehr über die Geschichte der Zensur in Thailand erzählen?
Vor den 60er Jahren war Nacktheit ein absolutes Tabuthema, aber dasselbe galt ja auch für Europa und die USA. Vor den 60ern mussten die Herausgeber von Zeitschriften, in denen nackte Haut zu sehen war, keine Zensurvorschriften einhalten, weil die Bilder von sich aus sehr konservativ waren. Erst als die sexuelle Revolution begann, wurde pornographisches Material in vielen Ländern zum echten Problem. Die plötzliche Flutwelle erotischer Bilder muss für ein so traditionelles Land wie Thailand sehr schockierend gewesen sein, deswegen hat die Regierung nur den Verkauf von Erotik-Magazinen erlaubt, die sorgfältig zensiert waren.

Was hat sich seitdem verändert?
Die Situation ist sehr paradox. Thailand hat den Ruf, ein sehr offenes und tolerantes Land zu sein, was es in Hinblick auf Homosexualität und Transgender sicher auch ist. Gleichzeitig ist Prostitution, die illegal ist, sehr weit verbreitet und Nacktheit weiterhin extrem tabu. Also ja, Nacktheit wird immer noch zensiert, vielleicht sogar noch stärker als vor zehn, zwanzig Jahren.

Warum wurde die Zensur auf so kreative Weise umgesetzt? Denkst du, dass es eine subtile Kritik an der Regierungspolitik war?
Ich glaube nicht. Meiner Meinung nach wurde das gemacht, um die etwas düstere Atmosphäre dieser größtenteils sehr eindeutigen Fotos zu verbessern, indem man einen Hauch Humor hineinspielen lässt. Es mildert auch die möglichen pornographischen Interpretationen solcher Fotos ein wenig ab und lässt das Ganze erotischer wirken. Immerhin ist weniger mehr.

Und wie passen diese Bilder zu deiner eigenen Fotografie?
In den meisten meiner Arbeiten geht es um die Darstellung von Nacktheit und Sexualität in unserer Zeit. Etwa 50 Prozent meiner Kunst ist Appropriation Art (Kunst, die sich mit bereits vorhandenem ästhetischen Material beschäftigt), die andere Hälfte besteht aus meinen eigenen Fotografien. Manchmal verwische ich die Grenzen zwischen den beiden Bereichen, aber ich betrachte beide als gleichwertig. Es ist genauso interessant, ein Foto zu finden und etwas daraus zu machen, wie selbst eines aufzunehmen. Zensur ist ein zentrales Thema, das in den meisten meiner Arbeiten zu finden ist.

Denkst du, dass unsere zensierten Social-Media-Posts in 50 Jahren auch als Kunst gelten werden?
Einige gelten bereits jetzt als Kunst, beispielsweise die von großen Künstlern wie Richard Prince, oder John Baldessaris geniale Emoji-Gemälde. Wie bei allem in der Kunst hängt es auch stark davon ab, wie etwas gemacht ist. Vielleicht wird die lächerliche Zensur in Social Media in zwei oder drei Generationen der Vergangenheit angehören. Ich bin mir sicher, dass Künstler das dann genauso nutzen und in Kunst umwandeln werden.

"Censored" von Tiane Doan na Champassak ist bei RVB Books erschienen und du kannst es hier kaufen.